Klagen Patientinnen über Haarausfall, sollte ihre subjektive Belastung ernst genommen werden. Die Betroffenen erleben Veränderungen von Haardichte, Haarausfall und Haarvolumen häufig als besonders einschneidend.
Haare sind eng mit dem eigenen Erscheinungsbild und dem Selbstbild verbunden. Entsprechend kann selbst ein medizinisch nur leicht ausgeprägter Befund einen erheblichen Leidensdruck verursachen.
Zunächst ist es wichtig, die Ursache zu finden. Hinter einem Haarausfall können unterschiedliche Erkrankungen stecken, vom akuten, vorübergehenden Effluvium bis hin zur langsam fortschreitenden androgenetischen Alopezie. Eine sorgfältige Anamnese, die Untersuchung der Kopfhaut und die Trichoskopie helfen dabei, die richtige Diagnose zu stellen.
Als erstes gilt es abzuklären, wie stark die Haare tatsächlich ausfallen. Ein Zupftest an verschiedenen Arealen kann eine Orientierung über die Verteilung und Aktivität des Haarausfalls geben, erklärte Dr. med. Andreas Finner von der Trichomed-Praxis in Berlin.
Dabei werden mit Daumen und Zeigefinger kleine Haarbüschel gegriffen. Lassen sich die Haare leicht herausziehen, liegt möglicherweise krankhafter Haarausfall vor.
Starken Haarausfall medizinisch abklären
Spätestens wenn sich kahle Stellen zeigen oder Lücken auftreten, sollte Haarausfall medizinisch abgeklärt werden, so Finner. Aber auch ein verstärktes Ausfallen der Haare insbesondere beim Waschen und Kämmen kann ein Hinweis auf ein pathologisches Geschehen sein.
Dabei ist ein symptomatisches Effluvium am ganzen Kopf von einer besonders am Oberkopf betonten Verkürzung der Haarzyklen im Rahmen der Haaralterung oder bei leichter androgenetischer Alopezie zu unterscheiden.
Eine Inspektion liefert unter anderem Hinweise darauf, ob Kopfhautentzündungen, vernarbte oder nicht vernarbte haarlose Areale oder die typische Verteilung der androgenetischen Alopezie (verbreiteter Scheitel nach Ludwig) vorliegen. Die Alopezie kann sich im Lauf der Jahre so stark entwickeln, dass eine deutliche Lichtung am Oberkopf entsteht.
Durch eine Trichoskopie mittels Auflichtmikroskop können Kopfhauterkrankungen, vernarbender Haarausfall, kreisrunder Haarausfall oder auch eine Miniaturisierung der Haare wie bei der androgenetischen Alopezie noch besser unterschieden werden.
Finner empfiehlt, die Patientin im Zweifel an eine Dermatologin oder einen Dermatologen mit spezieller Haarsprechstunde zu überweisen, wo die Diagnose mit einer Computerhaarmessung gesichert und der Haarzustand überwacht werden kann.
Auch an andere Erkrankungen denken
Wie im obigen Fall beschrieben, kann Haarausfall sich anlagebedingt schon länger schleichend entwickeln und durch einen akuten Auslöser verstärkt werden. Daher ist immer auch an mögliche Begleit- oder ursächliche Erkrankungen zu denken.
Beim diffusen Effluvium, bei dem alle Bereiche der behaarten Kopfhaut von Haarausfall betroffen sind, kommt eine Vielzahl möglicher Ursachen infrage, z.B. Mangelzustände, Diäten, Gewichtsabnahme, Fieber, Medikamente, Operationen, Schilddrüsenerkrankungen.
Finner: “Oft liegt der Auslöser einige Monate zurück.” Ist keine klare Ursache wie eine zwei bis drei Monate zurückliegende Erkrankung bekannt, kann eine Blutuntersuchung (TSH, Ferritin, CRP, Vitamin D) sinnvoll sein.
Bei früher oder ausgeprägter androgenetischer Alopezie kann zusätzlich eine hormonelle Dysregulation (erhöhte Androgene) vorliegen. Oft liegt dann auch ein Hirsutismus, eine fettige Haut oder Akne, teils Zyklusstörungen, mit polyendokrinem metabolischen Ovarialsyndrom oder metabolischem Syndrom vor. Dann kann es sinnvoll sein, den Hormonstatus zu erheben.
Therapie muss dauerhaft sein
Ist die Diagnose androgenetische Alopezie gesichert, kann mit der Behandlung begonnen werden. Meist kommt Minoxidil als Kopfhautlösung oder Schaum zum Einsatz. Die äußerliche Anwendung muss direkt auf der Kopfhaut ohne Einmassieren und dauerhaft erfolgen.
Laut Finner ist es wichtig, die Patientin auf den normalen anfänglichen Ausfall (Shedding) bereits ruhender Haare (10 Prozent) nach vier bis acht Wochen hinzuweisen. Die Haare wachsen anschließend wieder nach.
Die Therapie erfordert also Geduld. In speziellen dermatologischen Haarsprechstunden kann der Verlauf mittels computergestützter Haarmessungen beurteilt werden.
Bei tiefen Geheimratsecken, die gelegentlich auch bei Frauen vorkommen, kann eine Haartransplantation infrage kommen. Weitere in den Leitlinien als Therapien genannte Optionen wie die Anwendung von plättchenreichem Plasma (PRP) oder Photobiomodulation (Laserkamm) sollten allenfalls unter Messkontrolle ergänzend erwogen werden. Von Microneedling wird abgeraten.
Eine Pille mit Levonorgestrel sollte ggf. umgestellt werden. Zusätzlich kann eine anfängliche Nahrungsergänzung mit Cystin oder hydrolysiertem Kollagen (in Kombinationspräparaten) erfolgen.
Was ist androgenetische Alopezie?
Die androgenetische Alopezie ist die häufigste Form des Haarausfalls. Diese erblich bedingte Form des Haarausfalls kann sowohl Männer als auch Frauen betreffen.
