© A. Wiedemann Abb. 2: Sonografie der gefüllten Blase bei ungestauten Nieren.
Laut International Continence Society wird die Belastungsinkontinenz von der überaktiven Blase abgegrenzt [3] . Seltener kommen die neurogene Harninkontinenz, die Überlaufinkontinenz und die extraurethrale Inkontinenz vor. Im vorliegenden Fall handelt es sich mit gesicherter Restharnbildung um eine Überlaufinkontinenz, verschlimmert durch eine Harnwegsinfektion bzw. asymptomatische Bakteriurie.
Formen und Symptome der Inkontinenz [2]
Belastungsinkontinenz: Urinverlust bei Husten, Lachen, Niesen, Bewegen, Beckenbodenproblem vor allem bei Frauen (und Männern nach radikaler Prostatektomie)
Überaktive Blase: Pollakisurie, Nykturie, imperativer Harndrang, mit oder ohne Dranginkontinenz nach Ausschluss einer Infektion oder anderen Ätiologie
Neurogene Harninkontinenz: Urinverlust bei neurologischer Grunderkrankung
Überlaufinkontinenz: Urinverlust bei voller Blase
Extraurethrale Inkontinenz: Fistelinkontinenz
Mit den genannten Befunden liegt die für einen geriatrischen Patienten nicht ungewöhnliche Kombination aus Restharn, Infekt und Inkontinenz vor [2]. Alle drei Aspekte (Harninkontinenz, Infektion und Restharn) bedingen einander und können nur zusammen behandelt werden, so Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann, Chefarzt der Urologischen Klinik, Evangelisches Krankenhaus Witten. Sie bedürfen einer besonderen, differenzierten Betrachtung im Hinblick auf den geriatrischen Patienten.
Restharn im Fokus
Gerade bei Männern liegt die Assoziation zwischen Restharn und Prostatavergrößerung nahe. Aber neben dem obstruktiven Harnverhalt bzw. Überlauf kann es sich auch um eine Atonie der Blase als Ursache handeln. Diese kann z.B. neurogen im Rahmen einer Polyneuropathie oder einem Cauda-Syndrom entstehen, aber auch als iatrogene Nebenwirkung der Medikation.
Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann
1. Vorsitzender der Deutschen Kontinenz Gesellschaft e.V., Chefarzt der Urologischen Klinik, Evangelisches Krankenhaus Witten, Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Witten/Herdecke
Bei vielen älteren Menschen lässt sich im Urin eine signifikante Keimzahl nachweisen. Gemäß S3-Leitlinie “Harnwegsinfektion” der Deutschen Gesellschaft für Urologie wird eine asymptomatische Bakteriurie nicht behandelt [4] .
Hintergrund ist die Datenlage, die zeigt, dass bei asymptomatischer Bakteriurie kein Gefährdungspotenzial besteht, weder bei Heimbewohnern noch bei zuhause lebenden Personen, weder bei Katheterträgern, noch vor orthopädischen Eingriffen. “Asymptomatisch” fokussiert naturgemäß auf Harntraktsymptome wie Dysurie oder Algurie, wobei im vorliegenden Fall anzunehmen ist, dass der häufige Harndrang vor allem auch nachts mitursächlich für das häusliche Sturzereignis war. Dies würde dann doch eine Therapie implizieren.
Praktisches Vorgehen
Im oben erwähnten Fall stand zunächst die Entlastung der Blase und die Rekonvaleszenz des Patienten im Vordergrund. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist das Tragen eines Katheters nur mit einer geringen Einschränkung der Lebensqualität verbunden [5] , [6] . Das Einlegen des transurethralen Katheters mit einer Beinbeutelversorgung erfolgt am besten in der Notaufnahme, um entzündliche Komplikationen zu vermeiden.
Eine definitive Therapie der Überlaufinkontinenz und des sekundären Infekts wird bei dem 88-jährigen Patienten nur nach einer operativen Therapie möglich sein. Im vorliegenden Fall erfolgte eine Laseroperation der Prostata (mit intraoperativer single-shot-Antibiotikaprophylaxe).
Der intraoperativ eingelegte suprapubische Katheter konnte bei sinkenden Restharnmengen etwa drei Wochen nach der Operation entfernt werden. Mit restharnfreier Blasenentleerung gelang es dann im Folgenden, durch eine erregergezielte Antibiose die chronische Bakteriurie zu eliminieren.
Wann an eine Harninkontinenz zu denken ist
Link-Tipp
Medikamente mit Einfluss auf den Harntrakt finden Sie unter www.harntrakt.de
Nicht immer liefert der Geruch einen Hinweis auf eine bestehende Harninkontinenz. Dennoch kann es Gründe geben, nach einer Harninkontinenz zu fragen. Das ist insbesondere deshalb wichtig, weil das Thema für viele Menschen schambehaftet ist und sie es nicht von sich aus ansprechen.
Insbesondere ältere Patienten sollten gezielt nach Beschwerden im Zusammenhang mit dem unteren Harntrakt gefragt werden. Besonders bei Männern, die sich einer radikalen Prostatektomie unterzogen haben, lohnt sich die Frage nach der Blase.
Bei vielen von ihnen ist die Inkontinenz im Lauf der Zeit zwar wieder rückläufig, dennoch leiden ein Jahr nach der Operation noch bis zu 20 Prozent darunter. Weitere Risikofaktoren für eine Harninkontinenz können physiologische Altersveränderungen, eine benigne Prostatahyperplasie, neurologische Erkrankungen und kognitive Einschränkungen sein [7] .
© Hausärztliche Praxis Tab.1
Außerdem hat eine Fülle von Medikamenten Auswirkungen auf den Harntrakt. Hierzu gehören u.a. Substanzen mit anticholinerger (Begleit-)Wirkung, z.B. Morphine oder Antihistaminika. Eine Hilfe kann der Link-Tipp liefern. Die frei herunterladbare App bietet eine Liste aller Medikamente mit Nebenwirkungen auf den Harntrakt und eine Risikobewertung. Im Falle der “Restharnbildung” oder “Hemmung der Blase” sind es nicht weniger als 110 Substanzen.
Warnsignale, die auf mögliche behandlungsbedürftige Ursachen der Harninkontinenz hindeuten, sind in Tabelle 1 zusammengefasst [8] .
Basisdiagnostik in der hausärztlichen Praxis
Ziel der diagnostischen Maßnahmen in der hausärztlichen Praxis ist es, das Ausmaß der Funktionsstörung, Komorbiditäten und die Medikamenteneinnahme zu erfassen. Auch der individuelle Leidensdruck und die persönliche Lebenssituation sollten ermittelt werden [7] .
Zur Anamnese gehören die Miktionsanamnese (Miktionsfrequenz, Miktionsmenge u.a.), eine körperliche Untersuchung, eine Urinuntersuchung und eine Ultraschalluntersuchung. Für weiterführende Untersuchungen empfiehlt sich eine Überweisung an eine urologische Praxis.
Serie “Krankheiten unter dem Radar”
Mit der Serie “Gendermedizin – Krankheiten unter dem Radar” sollen Erkrankungen beleuchtet werden, die bei Männern oder Frauen zu wenig beachtet werden. Ziel ist, dass Hausärztin und Hausarzt die jeweiligen “Red Flags” erkennen und Empfehlungen zur Hand haben, bei Diagnose und Therapie richtig vorzugehen.
Quellen:
Gaertner B et al. J Health Monitoring. 2023;8(3)
Pedersen H et al. Ugeskr Laeger. 2010; 172:1512–1516
Abrams P et al. Urology. 2003; 61:37–49
S3-Leitlinie “Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen (HWI)” , Aktualisierung 2024
Wiedemann A et al. Urologie. 2022; 61:959–970
Wiedemann A et al. Urologe. 2022; 61:31–40
S2k-Leitlinie “Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten – Diagnostik und Therapie” , Version: Nr. 7.1, Update 2024
S2k-Leitlinie “Hilfsmittelberatung bei Harninkontinenz” , Version 2.0, Stand 1/2025