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Serie "Krankheiten unter dem Radar"Harninkontinenz bei Männern

Mehr als ein Drittel der über 80-jährigen Männer ist von einer Harninkontinenz betroffen, im Alter von 65 bis 79 Jahren sind es immerhin noch 18 Prozent [1]. Dennoch ist der unfreiwillige Urinverlust nicht als übliche Alterserscheinung, sondern als eine behandelbare Erkrankung anzusehen.

Gerade bei Männern liegt die Assoziation zwischen Restharn und Prostatavergrößerung nahe.

Formen der Harninkontinenz

Laut International Continence Society wird die Belastungsinkontinenz von der überaktiven Blase abgegrenzt [3]. Seltener kommen die neurogene Harninkontinenz, die Überlaufinkontinenz und die extraurethrale Inkontinenz vor. Im vorliegenden Fall handelt es sich mit gesicherter Restharnbildung um eine Überlaufinkontinenz, verschlimmert durch eine Harnwegsinfektion bzw. asymptomatische Bakteriurie.

Restharn im Fokus

Gerade bei Männern liegt die Assoziation zwischen Restharn und Prostatavergrößerung nahe. Aber neben dem obstruktiven Harnverhalt bzw. Überlauf kann es sich auch um eine Atonie der Blase als Ursache handeln. Diese kann z.B. neurogen im Rahmen einer Polyneuropathie oder einem Cauda-Syndrom entstehen, aber auch als iatrogene Nebenwirkung der Medikation.

Bei vielen älteren Menschen lässt sich im Urin eine signifikante Keimzahl nachweisen. Gemäß S3-Leitlinie “Harnwegsinfektion” der Deutschen Gesellschaft für Urologie wird eine asymptomatische Bakteriurie nicht behandelt [4].

Hintergrund ist die Datenlage, die zeigt, dass bei asymptomatischer Bakteriurie kein Gefährdungspotenzial besteht, weder bei Heimbewohnern noch bei zuhause lebenden Personen, weder bei Katheterträgern, noch vor orthopädischen Eingriffen. “Asymptomatisch” fokussiert naturgemäß auf Harntraktsymptome wie Dysurie oder Algurie, wobei im vorliegenden Fall anzunehmen ist, dass der häufige Harndrang vor allem auch nachts mitursächlich für das häusliche Sturzereignis war. Dies würde dann doch eine Therapie implizieren.

Praktisches Vorgehen

Im oben erwähnten Fall stand zunächst die Entlastung der Blase und die Rekonvaleszenz des Patienten im Vordergrund. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist das Tragen eines Katheters nur mit einer geringen Einschränkung der Lebensqualität verbunden [5], [6]. Das Einlegen des transurethralen Katheters mit einer Beinbeutelversorgung erfolgt am besten in der Notaufnahme, um entzündliche Komplikationen zu vermeiden.

Eine definitive Therapie der Überlaufinkontinenz und des sekundären Infekts wird bei dem 88-jährigen Patienten nur nach einer operativen Therapie möglich sein. Im vorliegenden Fall erfolgte eine Laseroperation der Prostata (mit intraoperativer single-shot-Antibiotikaprophylaxe).

Der intraoperativ eingelegte suprapubische Katheter konnte bei sinkenden Restharnmengen etwa drei Wochen nach der Operation entfernt werden. Mit restharnfreier Blasenentleerung gelang es dann im Folgenden, durch eine erregergezielte Antibiose die chronische Bakteriurie zu eliminieren.

Wann an eine Harninkontinenz zu denken ist

Nicht immer liefert der Geruch einen Hinweis auf eine bestehende Harninkontinenz. Dennoch kann es Gründe geben, nach einer Harninkontinenz zu fragen. Das ist insbesondere deshalb wichtig, weil das Thema für viele Menschen schambehaftet ist und sie es nicht von sich aus ansprechen.

Insbesondere ältere Patienten sollten gezielt nach Beschwerden im Zusammenhang mit dem unteren Harntrakt gefragt werden. Besonders bei Männern, die sich einer radikalen Prostatektomie unterzogen haben, lohnt sich die Frage nach der Blase.

Bei vielen von ihnen ist die Inkontinenz im Lauf der Zeit zwar wieder rückläufig, dennoch leiden ein Jahr nach der Operation noch bis zu 20 Prozent darunter. Weitere Risikofaktoren für eine Harninkontinenz können physiologische Altersveränderungen, eine benigne Prostatahyperplasie, neurologische Erkrankungen und kognitive Einschränkungen sein [7].

Außerdem hat eine Fülle von Medikamenten Auswirkungen auf den Harntrakt. Hierzu gehören u.a. Substanzen mit anticholinerger (Begleit-)Wirkung, z.B. Morphine oder Antihistaminika. Eine Hilfe kann der Link-Tipp liefern. Die frei herunterladbare App bietet eine Liste aller Medikamente mit Nebenwirkungen auf den Harntrakt und eine Risikobewertung. Im Falle der “Restharnbildung” oder “Hemmung der Blase” sind es nicht weniger als 110 Substanzen.

Warnsignale, die auf mögliche behandlungsbedürftige Ursachen der Harninkontinenz hindeuten, sind in Tabelle 1 zusammengefasst [8].

Basisdiagnostik in der hausärztlichen Praxis

Ziel der diagnostischen Maßnahmen in der hausärztlichen Praxis ist es, das Ausmaß der Funktionsstörung, Komorbiditäten und die Medikamenteneinnahme zu erfassen. Auch der individuelle Leidensdruck und die persönliche Lebenssituation sollten ermittelt werden [7].

Zur Anamnese gehören die Miktionsanamnese (Miktionsfrequenz, Miktionsmenge u.a.), eine körperliche Untersuchung, eine Urinuntersuchung und eine Ultraschalluntersuchung. Für weiterführende Untersuchungen empfiehlt sich eine Überweisung an eine urologische Praxis.

Quellen:

  1. Gaertner B et al. J Health Monitoring. 2023;8(3)
  2. Pedersen H et al. Ugeskr Laeger. 2010; 172:1512–1516
  3. Abrams P et al. Urology. 2003; 61:37–49
  4. S3-Leitlinie “Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen (HWI)”, Aktualisierung 2024
  5. Wiedemann A et al. Urologie. 2022; 61:959–970
  6. Wiedemann A et al. Urologe. 2022; 61:31–40
  7. S2k-Leitlinie “Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten – Diagnostik und Therapie”, Version: Nr. 7.1, Update 2024
  8. S2k-Leitlinie “Hilfsmittelberatung bei Harninkontinenz”, Version 2.0, Stand 1/2025
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