Wie wichtig die Anfang 2025 nach langem Kampf der Hausärztinnen und Hausärzte beschlossene Entbudgetierung für hausärztliche Praxen ist, weiß Dr. Verena Dicke genau. “Zuletzt haben wir zwischen 25.000 und 50.000 Euro Honorar im Jahr nicht ausgezahlt bekommen”, sagt die Berliner Hausärztin. “Das entspricht genau einer sehr gut qualifizierten MFA-Stelle.”
Für Dicke liegt darin das Kernproblem ihrer Praxis: Die familiär geführte “Kiez-Praxis” versorgt viele Chroniker und psychisch Kranke in einem sozial herausfordernden Umfeld. Dafür brauche es ein starkes Praxisteam – und um dieses zu halten, sei gerade wegen des weniger attraktiven Standorts eine übertarifliche Bezahlung nötig. Nicht zuletzt, weil sie zunehmend mit investorengeführten Strukturen konkurriere: “Um die Ecke hat gerade Avi Medical eine Praxis eröffnet.” Die Entbudgetierung hätte ihr ermöglicht, eine fünfte MFA einzustellen. Eine entsprechende Stellenanzeige hatte Dicke bereits geschaltet – überlegt inzwischen jedoch, diese zurückzuziehen.
Denn das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, kurz GKV-Spargesetz, will die Entbudgetierung zumindest teilweise zurückdrehen. Vorgesehen ist sowohl bei der Entbudgetierung als auch bei der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) eine sogenannte Fixkostendegression. Vereinfacht und übersetzt auf den Praxisalltag bedeutet das: Wer mehr Versicherte versorgt, muss mit Abschlägen rechnen (S. 16). Zudem sieht das Gesetz eine globale Begrenzung der Vergütungsanstiege vor.
Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband (HÄV) kritisiert das GKV-Spargesetz scharf. Bereits nach Bekanntwerden des ersten Gesetzentwurfs hatte die Verbandsspitze vor Folgen für die hausärztliche Versorgung gewarnt [1]. Nach dem Kabinettsbeschluss Ende April meldeten sich zahlreiche ärztliche Vertreterinnen und Vertreter zu Wort, auch der Deutsche Ärztetag mahnte Mitte Mai entscheidende Webfehler im Gesetz an [2], [3].
Gesetz torpediert geplantes Primärversorgungssystem
Besonders unverständlich ist aus Sicht des HÄV, dass das Gesundheitsministerium mit dem Gesetz das eigene Ziel eines Primärversorgungssystems torpediert. Erst im Mai hatte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) die HZV öffentlich gestärkt und ihre Gleichberechtigung zum Kollektivvertrag betont [4]. “Vor diesem Hintergrund erscheinen die geplanten Regelungen zur HZV im GKV-Spargesetz geradezu absurd”, erklärten die Co-Bundesvorsitzenden Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Blumenthal-Beier.
Auch für Dr. Verena Dicke ist das kaum nachvollziehbar. Ihre Praxis wäre doppelt betroffen: Rund die Hälfte ihrer 2.200 Scheine pro Quartal entfällt inzwischen auf HZV-Patienten. “Die HZV hat es uns ermöglicht, Kostensteigerungen gegenzufinanzieren.” Die geplanten Deckelungen würden ihre Praxis empfindlich treffen.
Dr. Verena Dicke

„Die Versorgung steht und fällt damit, ob wir unser Personal gut bezahlen können.“
- Standort: Berlin (Lichtenberg)
- Teamgröße: 4 Ärztinnen und Ärzte (1 aktuell in Elternzeit), 1 ÄiW, 4 MFA (perspektivisch 5), davon 1 VERAH
- Scheine/Quartal: 2.200, davon 50 Prozent in der HZV
Erst im Januar 2025 war die Entbudgetierung mit dem Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG) beschlossen worden. Besonders stark profitierten Regionen wie Berlin und Hamburg, wo die Auszahlungsquote zuletzt nur bei 68 Prozent lag. Doch auch in Flächenländern bedeutete die Entbudgetierung Zukunftssicherheit.
Das bestätigt auch die Berliner Hausärztin Katrin Osterberg. Bei der jüngsten Auszahlung habe sie ein “deutliches Plus” bemerkt. Genaue Zahlen kann aktuell noch keine Region liefern, denn die Honorarbescheide für Berlin lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor. In Hamburg wurde noch kein Quartal entbudgetiert ausgezahlt. Doch Osterberg sieht, dass das Plus “etwa einer halben MFA-Stelle” entspreche. Weil sie ohnehin nach einer Teilzeitkraft suche, könnte daraus nun eine ganze Stelle werden. So könne eine Mitarbeiterin endlich die Weiterbildung zur Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH) machen.
Katrin Osterberg

„Wir sind aktuell verunsichert und warten mit Investitionen und Einstellungen ab.“
- Standort: Berlin (Alt-Buckow)
- Teamgröße: 3 Ärztinnen (2,5 Sitze), 4 MFA, 2 Azubi, 2 studentische Mitarbeitende
- Scheine/Quartal: 2.200
Investitionen in Personal dringend nötig
“Es wäre für alle endlich mal wieder ein wenig Luft zum Atmen”, sagt Osterberg. Der Praxisalltag sei derzeit “auf Kante genäht”: Fällt eine Mitarbeiterin krankheitsbedingt aus, während eine andere Urlaub hat, häuften sich Überstunden und Unzufriedenheit. Das zusätzliche Honorar hätte sie vollständig in Personal investiert. “Wenn wir nicht aufpassen auf unsere Teams, dann gehen sie.” Dies wiederum sei dramatisch, denn: “Je besser entwickelt mein Team ist, umso mehr Patienten kann ich betreuen.”
Fast 700 Kilometer weiter südwestlich teilt Werner Leibig diese Sicht. Er arbeitet seit Jahren in Teampraxis-Strukturen mit hoher Delegation. Schon jetzt sei absehbar, dass in den kommenden Jahren zahlreiche Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand gehen werden. “Die verbleibenden Praxen können das schultern – aber nur, wenn Personal und Strukturen stimmen.” Gut qualifizierte Mitarbeitende kosteten Geld.
Die HZV ermögliche ihm genau die Versorgung, die er machen wolle. Deshalb beobachtet auch Leibig die aktuelle Gesetzgebung kopfschüttelnd. Die von der Regierung eingesetzte Finanzkommission Gesundheit habe ausdrücklich eine Stärkung der Primärversorgung empfohlen [5]. “Was jetzt passiert, ist das komplette Gegenteil.”
Welche Folgen für ihn als große HZV-Praxis das Gesetz haben werde, sei bislang eine “Blackbox”, findet Leibig. Denn konkrete Zahlen zu möglichen Abschlägen liegen bislang nicht vor, für die Verhandlung hätten die Vertragspartner bis März 2027 Zeit.
Sanitätsrat Werner Leibig

„Durch die Anbindung an die Grundlohnsumme bei gleichzeitigen Kostensteigerungen werden Praxen wirtschaftlich in Schieflage geraten.“
- Standort: Dannstadt-Schauernheim und Mutterstadt (Rheinland-Pfalz)
- Teamgröße an zwei Standorten: 9 Ärztinnen und Ärzte, 28 MFA, darunter 4 VERAH und 1 PCM
- Scheine/Quartal: 5.500, davon über 1.200 in der HZV, Tendenz steigend
Praxen erwägen Rückzug aus der Versorgung
Dass das Gesetz Folgen für die Versorgung haben wird, steht für Leibig jedoch außer Frage. Kollegen kündigten bereits an, ihre Praxen zu schließen oder nur noch Privatpatienten zu versorgen. “Warum sollte ich mehr Menschen versorgen, wenn ich dafür benachteiligt werde?”, sei ein kursierender Gedanke, beobachtet er.
Auch Stephan Bernhardt beobachtet in Berlin bereits Rückzüge. Kolleginnen und Kollegen gäben psychosomatische Grundversorgung oder Sonografie auf. “Stellen wir uns ein Lokal vor, in dem der Wirt mit dem zehnten bestellten Essen weniger Gewinn macht als mit dem ersten”, zeichnet der Hausarzt ein deutliches Bild. Dann stelle man eben keine zusätzlichen Kellner ein und bemühe sich nicht um mehr Gäste.
Warken nehme den Praxen mit dem “Spargesetz” die Zukunftsperspektive, so Bernhardt. “Alle Kosten steigen: Benzin, Mieten, Gehälter – und gleichzeitig fährt die Politik die Vergütung für unsere Praxen runter.” Auch für seine eigene Praxis habe das Folgen: Eine geplante Investition in KI-Diagnostiksoftware für 5.000 Euro habe er vorerst gestoppt. “Ich nehme Abstand von Neuinvestitionen. Aber wie soll ich so auf der Höhe der Zeit bleiben?”
Stephan Bernhardt

„Der Protest zeigt: Uns ist die Versorgung nicht egal.“
- Standort: Berlin (Tempelhof-Schöneberg)
- Teamgröße: 3 Ärztinnen und Ärzte, 1 MFA
- Scheine/Quartal: 1.300
Für Dicke, Osterberg, Leibig und Bernhardt steht deshalb fest: Sie werden sich an den bundesweiten Protestaktionen des HÄV (S. 14) beteiligen. In ihren Wartezimmern sollen Poster hängen, Gespräche gesucht werden. Bernhardt sieht darin auch ein gutes Zeichen: “Der Protest zeigt: Uns ist die Versorgung nicht egal”, unterstreicht er. “Wir haben noch nicht resigniert, sondern kämpfen für gute Arbeitsbedingungen.”
So einfach geht’s!
Zentrales Element des Protestes ist eine E-Mail-Kampagne auf der Aktions-Webseite www.hausarztpraxen-retten.de. Ihre Patientinnen und Patienten und natürlich auch Sie und Ihre Praxisteams können sich direkt an Ihre Bundestagsabgeordneten wenden und deutlich machen, dass Sie das Kaputtsparen der hausärztlichen Versorgung nicht akzeptieren werden.
