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Serie: Theorie versus PraxisÄrmel hoch und ran?

Bei der Messung des Blutdrucks können viele Fehler passieren. Eine im hausärztlichen Alltag relevante Frage: Darf die Blutdruckmanschette über dem bekleideten Patientenarm angelegt werden?

Blutdruckmessung: Darf der Arm bedeckt bleiben?

Bestimmt stehen auch Sie täglich vor der Herausforderung, theoretische Empfehlungen mit den wahren Lebensverhältnissen ihrer Patientinnen und Patienten in Einklang bringen zu müssen. Unsere Serie beleuchtet häufige Schwierigkeiten und Fehlerquellen.

“Noch nicht einmal der Blutdruck wurde mir gemessen!”: Wer von uns kennt diese Aussage nicht, wenn Patientinnen und Patienten eine als unzulänglich empfundene medizinische Untersuchung oder Maßnahme kritisieren. Und ja: Die vor mehr als einem Jahrhundert von Riva-Rocci/Korotkoff entwickelte nichtinvasive Messung des Blutdrucks [1], [2] ist bis heute ein Symbol ärztlicher Arbeit geblieben, trotz lebhafter wissenschaftlicher Diskussionen um die individuelle und epidemiologische Interpretation der gemessenen Werte.

Denn zum einen gibt es wohl kaum einen Parameter unseres Körpers, der so vielfältigen lang-, mittel- und/oder kurzfristigen Schwankungen unterliegt wie der Blutdruck. Hinzu kommt, dass die zur Verfügung stehenden Kontrollverfahren wie die auskultatorisch-sphygmomanometrische (ASM) oder digital-oszillometrische (DOM) Messtechnik multiple Fehlerquellen beinhalten, die sowohl Ärztinnen und Ärzten wie medizinischem Personal nicht immer präsent sind [3].

Dennoch treffen wir dann auf der Basis dieser Messungen diagnostisch-therapeutische Entscheidungen, ohne die Validität der Datenerhebung zu überprüfen [4].

Darf der Arm bedeckt bleiben?

Eine im hausärztlichen Alltag relevante Frage stellt sich für beide Messtechniken jedoch gleichermaßen: Darf die Blutdruckmanschette im Zweifelsfall (Zeitdruck, Notfall, Immobilität der Betroffenen) oder sogar regelhaft über dem bekleideten Patientenarm angelegt werden? Im Jahr 2003 untersuchten Kahan et al. [5] mittels digitaler Geräte bei 201 hausärztlich betreuten Patientinnen und Patienten die Abweichungen der Blutdruckwerte nach dem Anlegen der Manschette unterhalb von hochgekrempelten Ärmeln, über dem Ärmel oder am nackten Arm. Bei Normaldruckpatientinnen und -patienten waren die Unterschiede nicht signifikant (systolisch 0,5 mmHg [SD 7,5 mmHg], diastolisch 1 mmHg [SD 5 mmHg]).

Bei Personen mit Hypertonie hingegen fanden sich erheblich größere Differenzen in individueller Ausprägung. Resümee: Die Art der Kleidung unter bzw. das Hochschieben des Ärmels über der Blutdruckmanschette beeinflusst das Messergebnis klinisch zwar nicht relevant.

Bei bekannter oder vermuteter Hypertonie sollte jedoch die Messung am unbekleideten Arm vollzogen werden. 2007 fand Liebl [6] an 201 Probanden (54 Personen mit Hypertonie) bei Vergleichsmessungen über gewöhnlichen Hemden und Pullovern mit bis zu 2 mm Dicke keinen signifikanten Unterschied bei bekleidetem oder unbekleidetem Messarm und bewertete diese Untersuchungsmodalität als klinisch nicht relevant. 2018 gingen Ozone et al. [7] bei 147 betagten Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohnern der Frage nach, ob man gebrechlichen Seniorinnen und Senioren eine Entkleidung des Messarms bei der Blutdruckmessung ersparen könne.

Das Ergebnis war deutlich: Bekleidung, insbesondere Strickjacken, hatte signifikant höhere Messungen zur Folge. Entsprechend wurde von den Autorinnen und Autoren das Freimachen des Messarms “as much as possible” empfohlen. Zwei Jahre später analysierten Seguret et al. [8] unter Anerkennung der Praxisrealität (“… blood pressure measurement on a bare arm … is not always easy”) 13 Publikationen zu diesem Thema und fanden neben einem hohen Bias-Risiko in der Mehrzahl (10) eine nicht signifikante Überschätzung (0,59 mmHg) des über einem dünnen Kleidungsstoff gemessenen systolischen Blutdrucks.

Bei Einbeziehung der dicksten oder gar aufgerollten Armbekleidung kam es zu einer noch deutlicheren, aber nicht signifikanten Überschätzung des systolischen Drucks von 1,10 mmHg bzw. 2,76 mmHg.

Fazit

Unter Berücksichtigung der differenten Studienresultate gilt bei kritischen Patientinnen und Patienten (etwa problematische Messsituation, “point of decision making” bei Herz-Kreislauf- oder Gefäßerkrankungen) die Oberarmblutdruckmessung am unbekleideten Arm [9], [10], [11] als unveränderter Goldstandard.

Wirkt das den Messarm bedeckende Kleidungsstück nicht beengend (hochgekrempelt, hochgeschoben) oder ist es nicht zu dick, scheinen im unkritischen Regelfall (s. Abb. 1) sowohl ASM wie auch DOM innerhalb einer akzeptablen Range gleichermaßen verwertbare Parameter zu liefern [6], [12].

Sollte also in Ausnahmesituationen das Freimachen des Arms nicht möglich sein, ist die Messung über einem nicht beengenden oder zu dicken Kleidungsstück im unkritischen Regelfall durchaus vertretbar und in jedem Fall besser als das Unterlassen dieser Maßnahme.

Aufgrund der Streubreite individueller Blutdruckwerte sollten aber unabhängig vom Messvorgang möglichst viele Messpunkte in der Sprechstunde ermittelt und im Zweifelsfall durch die Patientenselbstmessung [13] gewonnen werden, um ein alltagsnahes Lagebild der individuellen Blutdruckkonstellation zu gewinnen [13], [14].

Der Autor und die Autorin erklären, dass keine Interessenkonflikte bestehen.

Literatur 

  1. Riva-Rocci S. Un nuovo sifigmomanometro. Gazz Med Torino 1896; 47:981-996
  2. Korotkoff NS. On methods of studying blood pressure. Bull Imperial Mil Med Acad 1905; 11:36 -37
  3. Meyer F, Mader FH. Wie halten Sie es mit der Blutdruckmessung? Ergebnisse der Leserumfrage. Der Allgemeinarzt 2003; 25 (3): 191- 198
  4. Tholl U. Praktische Durchführung der Blutdruckmessung. Fortschritte der Medizin 1999; 10: 26-30
  5. Kahan E, Yaphe J, Knaani-Levinz H, Weingarten MA. Comparison of blood pressure measurements on the bare arm, below a rolled-up sleeve, or over a sleeve. Fam Pract. 2003 Dec;20(6):730-2.
  6. Liebl ME. Der Einfluss von Bekleidung unter der Messmanschette auf das Ergebnis der sphygmomanometrischen und oszillometrischen Blutdruckmessung. Diss. Medizinische Fakultät der Univ. München 2007
  7. Ozone S, Sato M, Takayashiki A, Sato T, Matsushita A, Yoshimoto H, Maeno T. Blood pressure measurements over thin and thick sleeves in the frail elderly. Blood Press Monit. 2018 Feb;23(1):9-11.
  8. Seguret D, Gamelon D, Dourmap C, Steichen O. Blood pressure measurements on a bare arm, over a sleeve or below a rolled-up sleeve: a systematic review and meta-analysis. J Hypertens. 2020 Sep;38(9):1650-1658.
  9. Ishak A, Juraschek SP, Cluett J. Clothing and blood pressure measurement precision. J Hypertens. 2021 Feb 1;39(2):381-382.
  10. Tal-Ben Ishay R, Leiba A, Rappoprt V, Angel-Korman A, Katzir Z. Comparison of blood pressure measurements on the bare and sleeved arms – what does it uncover? Blood Press Monit. 2024 Feb 1;29(1):31-34.
  11. Kim J, Lee J, Lee J, Park HK, Kim IY. Quantitative analysis of the effect of clothing on the oscillometric waveform envelope and oscillometric blood pressure measurements. Biomed Eng Lett. 2025 Feb 17;15(3):525-536.
  12. Lins RL. A randomized n-of-1 study comparing blood pressure measured on a clothed arm and on an arm with a rolled-up sleeve. Acta Clin Belg. 2023 Oct;78(5):401-405.
  13. Meyer F. Diagnosefindung und Therapiekontrolle der Hypertonie durch den zeitlich begrenzten Verleih von Blutdruckmessgeräten an Patienten. Schweizerische Rundschau für Medizin PRAXIS 1998; 87 (16): 546-554
  14. Meyer F. Wie oft misst der Hausarzt den Blutdruck? Z. Allg. Med. 1996; (72)19: 1156-1161
  15. Meyer F, Seifert V. Theorie versus Praxis: Fehlerquelle bei Riva-Rocci” Hausärztliche Praxis 62 (2025) 12: 48-49
  16. Meyer F. Von Fall zu Fall. Wer misst hier falsch? Der Allgemeinarzt 2007; 29 (4): 40-42
  17. Meyer F. Oberarmblutdruckmessung: Wie häufig ist der „problematische Oberarmumfang“? Z. Allg. Med. 2000; 76 (3): 138 – 141
  18. Liu H, Zhao D, Sabit A et al. Arm Position and Blood Pressure Readings: The ARMS Crossover Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med. 2024;184(12):1436–1442
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