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Serie "Theorie versus Praxis"Der Dreh mit dem Dreh

Manchmal schleichen sich bei einfachen Tests kleine Fehler ein, die eigentlich leicht korrigiert werden könnten. Häufig betroffen: Der Stimmgabelversuch nach Rinne.

Die Stimmgabelversuche nach Rinne und Weber können auch in der Hausarztpraxis zum Einsatz kommen.

Fehlerquellen beim Rinne-Test sind die Distanz und die Ausrichtung der Stimmgabel zum bzw. vor dem Patientenohr. Die Stimmgabelversuche nach Rinne und Weber können und sollen bei entsprechenden Fragestellungen auch in der Hausarztpraxis zum Einsatz kommen [1], [2]: Sie helfen bei der Seitenlokalisation eines erkrankten Ohrs (Weber-Test) bzw. bei der Entscheidung, ob eine Schallleitungs- (Mittelohr-) oder Schallwahrnehmungs- (Innenohr-)Störung vorliegt (Rinne-Test).

Verwendet wird eine aus Stahl gefertigte, zweizinkige, U-förmige Stimmgabel mit einer Frequenz von 440 Hz oder 512 Hz, die am besten in einen Griffstiel mit Kunststofffuß ausläuft.

Theorie versus Praxis

Bestimmt stehen auch Sie täglich vor der Herausforderung, theoretische Empfehlungen mit den wahren Lebensverhältnissen ihrer Patientinnen und Patienten in Einklang bringen zu müssen. Unsere Serie beleuchtet häufige Schwierigkeiten und Fehlerquellen.

Wie funktionieren die Tests?

Bei dem nach E. H. Weber (1795–1878) benannten Test vergleicht man das Hörvermögen beider Ohren gegeneinander. Dabei wird die angeschlagene Stimmgabel mit leichtem Druck für etwa vier Sekunden auf Stirn, Scheitel oder Nasenwurzel der Probanden aufgesetzt. Bei beidseitig identischem normalem Hörvermögen oder seitengleicher Schwerhörigkeit nehmen diese den Stimmgabelton “im ganzen Kopf” wahr.

Eine Lateralisierung zeigt einen Ausfall des kontralateralen Innenohrs oder eine Schallleitungsschwerhörigkeit des ipsilateralen Ohrs an.

Komplizierter wird es beim Rinne-Test. Mit dem von H. A. Rinne (1819–1868) vorgeschlagenen Manöver kann ein einseitiger Hörverlust durch den Vergleich der Luft- und Knochenleitung des betroffenen Ohrs weiter differenziert werden [3].

Dabei wird die klingende Stimmgabel zunächst auf dem Warzenfortsatz aufgesetzt. Sobald der Patient bzw. die Patientin den Ton nicht mehr hört, wird sie, ohne erneut angeschlagen worden zu sein, vor den Gehörgangseingang gehalten.

Bei intakter Schallübertragung (die Luftleitung ist immer besser als die Knochenleitung!) hört er oder sie den Stimmgabelton wieder, der Rinne-Versuch ist positiv, andersherum negativ (= krankhaft).

Praxis trifft Theorie

Während es beim Weber-Versuch keinen Variationsspielraum bei der Durchführung gibt, kann der Rinne-Test je nach untersuchender Person unterschiedlich ausgeführt werden. Was viele nicht wissen: Es kommt auf den richtigen Abstand und den optimalen “Dreh” der Stimmgabel vor dem Patientenohr an, beide Parameter müssen als mess- und ergebnisrelevante Variablen betrachtet werden.

Während die empfohlene Stimmgabeldistanz zum Gehörgangsostium gemäß der British Society of Audiology 2,5 cm [3] betragen sollte, hat eine Umfrage unter kanadischen HNO-Ärztinnen und -Ärzten gezeigt, dass mehr als 80 Prozent von ihnen eine Entfernung zwischen 3 und 12 cm präferierten [4].

Neben diesem Distanzfehler muss eine falsche Ausrichtung der Stimmgabel vor dem Patientenohr als zusätzliche Fehlerquelle angesehen werden [1], [4], [5]. Bei der Stimmgabel bewegen sich die angeschlagenen Zinken gegensinnig in Querrichtung und erzeugen so die Schallwelle.

Deren Intensität ist allerdings gering, weil beim Anschlag letztlich nur eine, hochkant gehaltene Stimmgabelzunge aktiviert wird und die Zinkenflächen in Bewegungsrichtung schmal sind. Die schwingende Stimmgabel sollte deshalb mit ihrer vertikalen Schmalseite parallel zur Verlaufsrichtung des äußeren Gehörgangs gehalten werden, was selbst in renommierten Publikationen gelegentlich verkehrt dargestellt wird [6].

Durch diese physikalisch begründbare Optimumstellung der Stimmgabel (s. Abb.1) kommt der Schall nachweislich signifikant lauter am Trommelfell an. Butskiy et al. [4] konnten nachweisen, dass die Höhe des Schalldruckpegels in dieser Position um 2,5 dB lauter wahrgenommen wurde.

Weil der in dB gemessene Schalldruckpegel logarithmisch skaliert ist, entspricht dieser Wert immerhin einer Zunahme des Schalldrucks um das 1,33-Fache und ist damit auch für die Probanden deutlich hörbar. Dieser “Dreh” könnte daher das Zünglein an der Waage für das Testergebnis sein.

Fazit

Rinne- und Weber-Test können bei der Seitenlokalisation eines erkrankten Ohrs bzw. bei der Unterscheidung zwischen Schallleitungs- und Schallwahrnehmungsstörung helfen. Bei der Durchführung des Rinne-Tests kommt es auf den richtigen Abstand und den optimalen “Dreh” der Stimmgabel vor dem Patientenohr an.

Der Autor und die Autorin erklären, dass keine Interessenkonflikte bestehen.

Literatur:

  1. Bayoumy AB, de Ru JA. Sudden deafness and tuning fork tests: towards optimal utilisation. Pract Neurol 2020; 20: 66–68.
  2. Meyer F. Stimmgabelversuche: Tradiertes Ritual oder sinnvolle Entscheidungshilfe? Der Allgemeinarzt 2025; 47 (9): 40–43
  3. British Society of Audiology (Hrsg.). Recommended procedure. Rinne and Weber tuning-fork tests, 
  4. Butskiy O, Ng D, Hodgson M et al. Rinne test: does the tuning fork position affect the sound amplitude at the ear? J of Otolaryngol – Head & Neck Surg 2016; 45: 2.
  5. Wrobel MJ, Bogacz BF. Rinne Test Results: How badly can we be mistaken? OTO Open. 2021;5(1).
  6. Löhler J, Cebulla M et al. Hearing impairment in old age – detection, treatment, and associated risks. Dtsch Arztebl. Int 2019; 116: 301–10.
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