Berlin. Eine konsequente Stärkung der Primärversorgung könnte die absehbare Versorgungslücke in der hausärztlichen Versorgung schließen. Bleiben hingegen grundlegende Reformen aus, werden bis 2040 bundesweit rund 12.000 Hausarztsitze unbesetzt bleiben – das entspricht etwa jedem fünften Sitz. Zu diesem Ergebnis kommt die vom Bosch Health Campus veröffentlichte Studie „Primärversorgung 2035+. Gesundheit vor Ort neu gestalten – Perspektiven für Baden-Württemberg, Impulse für Deutschland“, die das IGES Institut erstellt hat.
Für den Hausärztinnen- und Hausärzteverband (HÄV) unterstreichen die am Dienstag (21. Juli) vorgestellten Ergebnisse den akuten politischen Handlungsbedarf. Die Zahlen seien „alarmierend“, ordneten die Bundesvorsitzenden Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Blumenthal-Beier ein. „Diese Entwicklung muss die Bundesgesundheitsministerin aufschrecken.“ Anstatt Praxen wie zuletzt durch das geplante GKV-Spargesetz massiv zu schwächen, brauche es „eine konsequente Stärkung der Hausarztpraxen und eine zielgerichtete Förderung derjenigen Strukturen, die eine zukunftsfähige hausärztliche Versorgung ermöglichen“.
Ohne einen politischen Kurswechsel drohten sowohl die Reform als auch die wohnortnahe Versorgung zu scheitern. Zugleich verweisen die HÄV-Vorsitzenden darauf, dass viele der von der Studie empfohlenen Maßnahmen – etwa interprofessionelle Teamarbeit, verbindliche Patientensteuerung und attraktive Praxisstrukturen – in der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) bereits erfolgreich umgesetzt würden.
Jedem fünften Landkreis droht Unterversorgung
Die Studie knüpft an eine Analyse aus dem Jahr 2021 an und aktualisiert die Prognosen zur hausärztlichen Versorgung bis zum Jahr 2040. Grundlage sind Modellrechnungen des IGES Instituts auf Basis von Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Bevölkerungsprognosen sowie weiterer Versorgungsdaten. Ergänzend wurden Daten der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg und der Hausärztlichen Vertragsgemeinschaft (HÄVG) ausgewertet.
Die Autoren zeichnen ein differenziertes Bild der künftigen Versorgung. Zwar steige die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die sich für die Allgemeinmedizin entscheiden, wieder leicht an, und Hausärztinnen und Hausärzte blieben häufiger über das Rentenalter hinaus tätig. Gleichzeitig sinken die tatsächlich verfügbaren Versorgungskapazitäten jedoch weiter, weil jüngere Generationen häufiger in Teilzeit oder Anstellung arbeiten.
Bereits im Jahr 2025 war mehr als jeder dritte praktizierende Hausarzt 60 Jahre oder älter. Bundesweit waren zuletzt rund 4.400 Hausarztsitze unbesetzt. Nach der Prognose werden es im Jahr 2040 rund 12.000 unbesetzte Hausarztstellen sein – etwa 20 Prozent aller Sitze.
Gleichzeitig wird die Hausarztdichte bundesweit um fünf Prozent zurückgehen. Fast jeder fünfte Landkreis könnte dann hausärztlich unterversorgt sein (Versorgungsgrad unter 75 Prozent), weitere 15 Prozent der Kreise werden sich an der Schwelle zur Unterversorgung bewegen. Besonders betroffen wären ländliche Regionen.
Versorgunglücke kann geschlossen werden – mit richtigen Reformen
Die Autoren betonen allerdings, dass diese Entwicklung nicht zwangsläufig eintreten müsse. In einem Simulationsmodell untersuchten sie sieben beeinflussbare Stellschrauben, darunter eine stärkere Prävention, einen höheren Anteil hausärztlich tätiger Absolventinnen und Absolventen, den Ausbau interprofessioneller Teams, kooperative Praxisformen sowie telemedizinische Angebote. Das Ergebnis: Werden Maßnahmen auf mehreren Ebenen gleichzeitig umgesetzt, könne die prognostizierte Versorgungslücke vollständig geschlossen werden.
Einen Schwerpunkt legt die Studie auf Baden-Württemberg. Dort zeigen die Auswertungen bereits heute eine weit fortgeschrittene Entwicklung hin zu modernen Versorgungsstrukturen. So nahmen im Jahr 2025 bereits 72 Prozent der Hausarztpraxen an der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) teil. Rund 65 Prozent der HZV-Praxen beschäftigten VERAH, insgesamt waren dort knapp 3.600 Versorgungsassistentinnen tätig. Zudem arbeiteten im zweiten Quartal 2026 bereits 104 akademisch qualifizierte nichtärztliche Gesundheitsberufe in 91 Praxen im Rahmen der HZV.
Aus Sicht des HÄV bestätigt die Studie damit den eingeschlagenen Weg. Die Autoren empfehlen unter anderem eine verbindliche Patientensteuerung, den Ausbau interprofessioneller Versorgungsteams und bessere Rahmenbedingungen für Hausarztpraxen. Genau diese Elemente würden in der HZV bereits umgesetzt, erinnern Buhlinger-Göpfarth und Blumenthal-Beier. Der Verband fordert deshalb, die angekündigte Primärversorgungsreform konsequent auf diesem Fundament aufzubauen und die Förderung der Hausarztpraxen sowie der Hausarztzentrierten Versorgung in den Mittelpunkt der verbleibenden Legislaturperiode zu stellen.
