Ein Ödem entsteht durch ein Ungleichgewicht zwischen Flüssigkeitsaustritt aus den Kapillaren und dem Rücktransport über venöse und lymphatische Systeme. Wesentliche pathophysiologische Mechanismen sind:
- Erhöhter hydrostatischer Druck: Etwa bei chronisch-venöser Insuffizienz (CVI) oder Rechtsherzinsuffizienz.
- Verminderter kolloidosmotischer Druck: Infolge einer Hypoalbuminämie, beispielsweise bei nephrotischem Syndrom oder fortgeschrittener Lebererkrankung.
- Erhöhte Kapillarpermeabilität: Etwa bei entzündlichen Prozessen, allergischen Reaktionen oder Verbrennungen.
- Gestörter lymphatischer Abfluss: Beispielsweise bei primären oder sekundären Lymphödemen nach Operationen, Bestrahlung oder Tumorerkrankungen.
Auch Medikamente können periphere Ödeme begünstigen. Besonders relevant sind unter anderem Dihydropyridin-Kalzium-Antagonisten. Bei der Anamnese sollten deshalb Begleiterkrankungen und Medikation systematisch berücksichtigt werden.
Nicht jedes Beinödem ist primär lymphatisch. Bei neu aufgetretenen, asymmetrischen oder rasch zunehmenden Schwellungen müssen insbesondere tiefe Venenthrombosen, kardiale, renale und hepatische Ursachen sowie venöse Erkrankungen berücksichtigt werden.
Bevor eine kräftige Kompression rezeptiert wird, ist eine vaskuläre Abklärung zum Ausschluss einer relevanten arteriellen Durchblutungsstörung (pAVK) zwingend erforderlich. Neben einer floriden pAVK stellt auch die fortgeschrittene periphere Neuropathie (z. B. bei schwerem Diabetes mellitus) eine wichtige Kontraindikation dar, da Patienten druckbedingte Gewebeschäden oft nicht rechtzeitig spüren.
Erst nach Einordnung der Ursache lässt sich die geeignete Strategie festlegen. Die aktuelle AWMF S2k-Leitlinie zur medizinischen Kompressionstherapie umfasst dabei medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS), Medizinische Kompressionsverbände (MKV) und medizinische adaptive Kompressionssysteme (MAK).
Erst Entstauung, dann Kompression
Bei ausgeprägten Ödemen beziehungsweise lymphatischen Erkrankungen kann zunächst eine Entstauungsphase erforderlich sein. Ziel ist es, den Extremitätenumfang und insbesondere das ödematöse Gewebe so weit zu reduzieren, dass anschließend eine passgerechte definitive Kompressionsversorgung erfolgen kann.
Eine starre Zeitvorgabe von vier bis sechs Wochen ist dabei nicht sinnvoll: Die Dauer richtet sich nach Ausmaß, Ursache und Dynamik des Ödems sowie nach dem Therapieerfolg.
Für die Entstauung stehen unterschiedliche Systeme zur Verfügung:
- Medizinischer Kompressionsverband (MKV): Mehrlagige Verbände mit geeigneter Polsterung und unelastischen beziehungsweise kurzzügigen Materialien ermöglichen eine hohe Steifigkeit und damit einen ausgeprägten Arbeitsdruck bei vergleichsweise niedrigem Ruhedruck. Sie sind besonders bei stark ausgeprägten oder formveränderten Ödemen flexibel einsetzbar.
- Mehrkomponentensysteme: Vorgefertigte Systeme vereinfachen die standardisierte Anlage und können gegenüber konventionellen Verbänden eine bessere Alltagstauglichkeit bieten. Ihr Einsatz ist insbesondere dann interessant, wenn eine zuverlässige und möglichst konstante Kompression erreicht werden soll.
- Medizinische adaptive Kompressionssysteme (MAK): Klettbasierte Wrap-Systeme ermöglichen eine individuelle Anpassung des Anpressdrucks. Ein wesentlicher Vorteil ist die Möglichkeit zur Nachjustierung bei Umfangsveränderungen während der Entstauung. Dadurch können sie insbesondere das Selbstmanagement und die Versorgung im ambulanten Bereich erleichtern.
Die manuelle Lymphdrainage kann bei lymphatischen Erkrankungen Bestandteil einer KPE sein. Sie sollte jedoch nicht als Ersatz für eine wirksame Kompression verstanden werden: Die Kompression bleibt ein wesentlicher therapeutischer Bestandteil der Entstauung und der langfristigen Ödemkontrolle.
Individuell passende Kompressionsstrümpfe
Nach erfolgreicher Umfangsreduktion sollte die definitive Kompressionsversorgung angepasst und regelmäßig kontrolliert werden. Entscheidend sind dabei nicht allein die Strickart, sondern vor allem Diagnose, Gewebequalität, Extremitätenform, Ödemdynamik, Mobilität und die Fähigkeit des Patienten zum selbstständigen An- und Ausziehen.
