Berlin. Eine digitale Ersteinschätzung kann ein starkes Instrument sein – wenn sie an der richtigen Stelle eingesetzt wird, konkret also, „wenn die Hausarztpraxis nicht verfügbar ist“. Werde sie jedoch an der falschen Stelle – verpflichtend vor jedem Praxisbesuch – eingesetzt, schade sie aufgrund ihres Hanges zur Überversorgung. Das machte Thomas Czihal, Vize-Chef des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), am Donnerstag (10. September) in Berlin deutlich.
Gemeinsam mit Thomas Ballast, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Techniker Krankenkasse (TK), stellte sich Czihal bei der Veranstaltung „Politischer Dialog“ im Rahmen des 47. Hausärztinnen- und Hausärztetags der Frage: „App oder Arzt – wer lenkt die Versorgung von morgen?“ Zwar zeigten sich in der Podiumsdiskussion deutliche Unterschiede in den Haltungen von Zi und Kassenseite, jedoch waren auch Spuren von Einigkeit zu finden – etwa darin, dass die geplante digitale Ersteinschätzung keinesfalls als perfektes System an den Start gehen könne, sondern lernen müsse.
Studien belegen Unsicherheiten bei KI in der Ersteinschätzung
Czihal referenzierte unter anderem auf zwei Studien zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) zur Ersteinschätzung: So zeigte eine Studie von Ramaswamy et. al., dass ChatGPT bei Notfällen zu Untertriage, bei Lappalien zu Übertriage neigte [1]. Eine weitere Studie der TU Berlin belegte ebenso, dass die Einschätzung umso unpräziser werde, je weniger dringend ein Fall sei [2]. Die Unterversorgung von Notfällen sei einerseits „problematisch mit Blick auf die Patientensicherheit“, so Czihal, die Überversorgung führe neue Probleme ins Spiel, etwa eine potenzielle weitere Überlastung von Notfallambulanzen durch Fälle, die bisher in der Praxis seien. Einer aus der Akutversorgung abgeleiteten Schätzung zufolge könnten dies bis zu 20 Prozent sein.
Eine mögliche Fehlversorgung führte auch Dr. Sonja Optendrenk, neue Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), gegen eine flächendeckende digitale Ersteinschätzung in ihrem Vorwort zum Politischen Dialog an. “Wir müssen darüber sprechen, ob wir an den entscheidenden Stellen nicht Hausärztinnen und Hausärzte brauchen, die jeden Tag den Behandlungsbedarf von vielen Menschen, einschätzen”, betonte sie. Denn eine digitale Ersteinschätzung bringe hier in wichtigen Situationen geringere Entscheidungskompetenz mit.
Ballast unterstrich als Gegenargument unterdessen, dass KI-Modelle aktuell sehr rasant „lernen“ und die zitierten Studien mit früheren Software-Versionen durchgeführt worden seien. „Mit jedem neuen Entwicklungsschritt werden Performanz und Funktionalität besser.“
TK-Vize Ballast erinnert an offene Fragen
Darüber hinaus verwies auch Ballast auf offene Fragen. Dazu gehören aus seiner Sicht etwa die Qualität der Ersteinschätzung („besserer Fragebogen“ oder strukturierter KI-Dialog?) sowie die Datenbasis, auf welcher das geplante Tool seine Triage stützen wird. „Wir glauben, dass es nicht reicht, 100% auf digital zu setzen“, so Ballast. Es gebe sehr eindeutige Fälle, gleichwohl aber auch seltene „Graufälle“, in denen ergänzend beispielsweise ein telemedizinischer Kontakt nötig werden könnte.
Essenziell sind laut Ballast auch die Fragen der Akzeptanz durch die Versicherten sowie die der Haftung für etwaige Schäden bei falscher Ersteinschätzung.
Dass trotzdem „App statt Arzt“ der erste Kontakt sein wird, steht für ihn außer Frage – nicht nur, weil der gesetzliche Auftrag bereits ausgesprochen sei, wie der TK-Vize erinnerte. Zudem sehe sich das Gesundheitssystem mit einer völlig neuen Versorgungssituation konfrontiert, bedingt durch den demografischen Wandel der Versicherten ebenso wie der Ärzte sowie eine veränderte Erwartungshaltung. „Diese Grundproblematik wird sich auch nicht mehr ändern.“
Stärkerer Hebel: Entbürokratisierung der Praxen
Gerade die zunehmende Erwartungshaltung sei spürbar, so Ballast. Das Gesundheitssystem soll „sofort und verlässlich verfügbar sein“, sei heute die grundlegende Haltung. KI-Modelle erschienen dabei sehr attraktiver – deutlich attraktiver als die Google-Suche -, „eine Verlässlichkeit ist hier aber noch nicht gegeben“, so Ballast. Für das Szenario, dass Menschen wahllos KI-Modelle befragten statt eine App ihrer Krankenkasse zu nutzen, warnte er: „Wir müssen aufpassen, dass sich hier kein Versorgungspfad öffnet, der am Ende mehr Probleme schafft als er löst.“
Eine digitale Ersteinschätzung über den „Umweg“ der Kassen könne nichtsdestotrotz keine Lösung sein, betonte Czihal. Hier werde keine Entlastung für hausärztliche Praxen geschaffen, im Gegenteil. Vielmehr bestünden „deutlich wirksamere Hebel“: Unisono betonten Czihal und Ballast hierbei das Beibehalten der Telefon-AU, für die sich auch der Hausärztinnen- und Hausärzteverband starkmacht. Zudem nannte Czihal deutliches Entlastungspotenzial bei Folgerezepten, Bagatellgrenzen für Regresse sowie eine andere Regelung der Krankschreibung: Jährlich würden 30 Millionen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (AU) für die ersten drei Krankheitstage ausgestellt, bei 200 Millionen Behandlungsfällen sei das ein bedeutender Posten.
Quellen:
- Ramaswamy, A., Tyagi, A., Hugo, H. et al. ChatGPT Health performance in a structured test of triage recommendations. Nat Med 32, 1671–1675 (2026). https://doi.org/10.1038/s41591-026-04297-7
- Kopka, M., He, L. & Feufel, M.A., Evaluating the accuracy of ChatGPT model versions for giving care-seeking advice. Commun Medicine (2026). https://www.nature.com/articles/s43856-026-01466-0
