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KongressberichtMigräneprophylaxe bei Kindern und Jugendlichen

Migräne ist die häufigste neurologische Störung bei Kindern und Jugendlichen und zeigt – im Gegensatz zu Erwachsenen – eine signifikante Häufigkeitszunahme. Die gute Nachricht ist, dass Edukation und nicht-medikamentöse Maßnahmen häufig erfolgreich sind.

Frische Luft und Bewegung können bei Spannungskopfschmerz helfen, bei Migräne ist es besser, sich frühzeitig zurückzuziehen.

Wie PD Dr. Michael A. Überall aus Nürnberg berichtete, wird die kindliche Migräne häufig unter- bzw. falsch diagnostiziert, auch weil die typischen, langanhaltenden Kopfschmerzverläufe bei der Erstuntersuchung fehlen und sich die klinischen Merkmale von denen Erwachsener unterscheiden. “Eine Aura bei einem Vierjährigen nachzuweisen ist eine echte Herausforderung”, berichtete der Kinder- und Jugendarzt. Denn Kinder haben eine andere Schmerzwahrnehmung und beschreiben ihre Schmerzen demzufolge auch anders.

Zugleich wird die Komplexität und Relevanz für die jungen Betroffenen häufig unterschätzt und ihre altersabhängige Kompetenz missachtet. “Wir dürfen diese Kinder nicht krankmachen, durch die Art, wie wir mit ihnen umgehen”, forderte Überall und betonte: “Auch Kinder haben ein Recht auf Selbstbestimmung und sollen beispielsweise selbst entscheiden dürfen, ob und wann sie ein Medikament gegen Migräne einnehmen.”

Migräne bereits im Schulalter

Im Grundschulalter ist die Prävalenz der Migräne bei Jungen und Mädchen vergleichbar; erst mit der Pubertät nimmt die Zahl der weiblichen Migränepatientinnen deutlich zu und erreicht danach ein Verhältnis von 2 bis 3:1. Bemerkenswert ist, dass bereits im Alter von fünf bis 12 Jahren 0,6 Prozent der Kinder unter chronischer Migräne leiden, unter den Jugendlichen sind es bis zu 1,8 Prozent.

Migränevarianten bzw. Vorläufersymptome können auch bei Kindern und Jugendlichen auftreten. Anders als bei Erwachsenen sind dies beispielsweise zyklisches Erbrechen, abdominelle Migräne, gutartiger paroxysmaler Schwindel oder alternierende Hemiplegie. “Häufig wird die Diagnose erst retrospektiv gestellt, wenn die episodischen Ereignisse ab einem gewissen Alter als typische Kopfschmerzsymptome erkannt werden”, berichtete der Experte.

Migräne-Vorteile vermitteln!

Der Pädiater verwies auf zahlreiche Hinweise für einen Vorteil von Migräne hinsichtlich der Leistungsfähigkeit des Gehirns und plädierte dafür, diesen Vorteil den Betroffenen auch zu vermitteln und die Migräne zu “entpathologisieren”. Die Nachteile verdeutlichte er anhand eines Bildes: Das Problem sei, dass der ‚Chip‘ ohne entsprechende Kühleinheit geliefert wurde und daher durchglühen könne. Das bedeute, die Betroffenen müssen lernen, ihr stärkeres Leistungsvolumen wieder herunterzufahren.

Dafür können Entspannungsstrategien genutzt werden, wie etwa die progressive Muskelentspannung. “Ein Kind kann diese perfekt erlernen und in jeder stressigen Situation anwenden”, erklärte Überall. Zu den Triggern für Migräneattacken zählt unter anderem die Fehlhaltung des Kopfes, die Kinder und Jugendliche einnehmen, wenn sie nach unten auf ihr Handy blicken. Diese, durch den trigemino-cervialen Schmerz-Komplex vermittelte Verspannung, lässt sich mit Hilfe von postisometrischen Relaxationsübungen wieder lösen – die den Betroffenen gezeigt werden sollten.

Selbsthilfe schulen

Entscheidend ist laut Überall also die Edukation, wozu auch gehört, dass die jungen Patientinnen und Patienten lernen, unterschiedliche Kopfschmerzformen zuzuordnen und entsprechend zu reagieren. Wenn beispielsweise ein Spannungskopfschmerz auftritt, sollten die Betroffenen wissen, dass Entspannung und Bewegung guttun, sie also z.B. an die frische Luft gehen oder mit dem Hund spielen sollten.

Bei beginnender Migräne ist es hingegen besser, sich frühzeitig zurückzuziehen und eine Weile auszuruhen, ggf. mit medikamentöser Unterstützung. Über die bereits erwähnten Maßnahmen hinaus, können Ausdauersport, Biofeedback, kognitive Verhaltenstherapie, abwechslungsreiche und regelmäßige Ernährung, ausreichende Trinkmengen, Schlafhygiene sowie Kontrolle des Medienkonsums empfohlen werden.

Erste Daten zu CGRP-Antikörper

Da Kinder und Jugendliche sehr gut auf nicht-medikamentöse Maßnahmen ansprechen, stellt die prophylaktische Pharmakotherapie der kindlichen Migräne eher die Ausnahme als die Regel dar. “Dennoch gibt es Fälle, in denen sie benötigt wird”, sagte Überall. Dann wird es allerdings schwierig, denn Medikamente, die wirken könnten, wie z.B. Topiramat, Amitriptylin oder Flunarizin sind nicht zugelassen für Kinder und Jugendliche mit Migräne unter 18 Jahren.

Zudem erwies sich die Gabe von Placebo in einer Studie mit Patientinnen und Patienten im Alter von 8 bis 17 Jahren, als besser wirksam und deutlich verträglicher als Amitriptylin und Topiramat.

Für die Prophylaxe mit einem CGRP-Antikörper zeigt die US-amerikanische, doppelblind randomisierte, placebokontrollierte Phase-III-Studie SPACE-EM, dass der Anti-CGRP-Antikörper Fremanezumab bei Kindern und Jugendlichen (n=237) mit episodischer Migräne im Alter von 6 bis 17 Jahren wirksam ist. Sowohl die durchschnittliche Anzahl der monatlichen Migränetage (MMD) verringerte sich im Zeitraum von drei Monaten signifikant verglichen mit Placebo (-2,5 versus -1,4), als auch die monatlichen Kopfschmerztage (MHD, -2,6 vs. -1,5).

Zudem erreichten mit 47,2 Prozent versus 26,8 Prozent signifikant mehr Teilnehmende unter Verum einen Rückgang der MHD um ≥ 50 Prozent als unter Placebo. “Die number needed to treat liegt bei fünf, das ist für pä-diatrische Daten phänomenal”, erklärte Überall. Auch die Anzahl der MMD mit Akutmedikation verringerte sich deutlich. “Beim wichtigen Punkt – Sicherheit – gibt es ein klares Signal, dass diese nicht schlechter ist als Placebo”, berichtete der Experte.

Einzelfallentscheidungen treffen

Im August 2025 erteilte die U.S. Food and Drug Administration (FDA) aufgrund dieser Daten eine Zulassung für Fremanezumab zur Prophylaxe der episodischen Migräne bei Kindern ab sechs Jahren – und einem absurd hohen Körpergewicht von mindestens 45 kg! Da eine europäische Zulassung derzeit fraglich ist, kann und sollte man sich laut Überall mit Einzelfallentscheidungen behelfen.

Quelle: Innovationsforum der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) 2025: “Schmerzmedizin konservativ –invasiv – neuromodulativ”, am 14.–15.11.2025 in München.

 

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