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Aus Wissenschaft und ForschungHP 05/26: Die DEGAM informiert

Auf diesen Seiten stellt die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) neueste medizinische Erkenntnisse vor, die für den Praxisalltag der Hausärztinnen und Hausärzte relevant sind.

Was tut sich in Wissenschaft und Forschung?

Exazerbierte COPD: Ist die Sputumfarbe relevant?

Bei der infektexazerbierten COPD ist die Datenlage zur Indikation von Antibiotika in der ambulanten Behandlung sehr dünn. Die aktuelle Ergänzung zur NVL COPD zur Infektexazerbation [1] empfiehlt eine Antibiotikagabe bei erhöhtem CRP und/oder eindeutig purulentem Sputum, benennt aber auch, dass die Evidenz dafür nicht wirklich überzeugend ist. Die Nutzung einer Sputumfarbskala wird als Möglichkeit genannt, die Entscheidung zu unterstützen.

Eine aktuelle Studie in Großbritannien (“Colour COPD Trial”) untersuchte eine solche Farbskala im Rahmen von Selbstmanagement von Patientinnen und Patienten mit schwerer COPD und häufigen Exazerbationen. 115 Betroffene wurden randomisiert und erhielten einen Selbstmanagement-Plan entweder mit oder ohne Farbskala-Einsatz, zudem erhielten beide Gruppen einen “rescue pack” mit Prednisolon und Antibiotika.

Die Usual-Care-Gruppe sollte die Antibiotika bei Fieber nutzen, die Farbskala-Gruppe bei entsprechender Verfärbung des Sputums. In einer Subgruppe wurde das Sputum gezielt nach potenziell pathogenen Bakterien untersucht.

Insgesamt hat die Studie viele Limitationen. Während der Pandemie konnten nicht genügend Teilnehmende rekrutiert werden, außerdem waren in der Farbskala-Gruppe tendenziell etwas kränkere Personen. Das mag dazu beigetragen haben, dass in der Farbskala-Gruppe mehr Krankenhausaufenthalte, Antibiotikagaben und Therapieversagen festgestellt wurden.

In der Sputumuntersuchung zeigte sich, dass Betroffene die Farbe des Sputums farblich genauso gut einschätzen konnten wie Laborpersonal, purulentes Sputum aber nicht sicher pathogene Bakterien voraussagte. In der Subgruppe von Betroffenen mit Bronchiektasie war das Sputum sehr häufig purulent, auch ohne Nachweis pathogener Bakterien.

Fazit: Trotz vieler Limitationen legt die Studie eher nahe, dass eine reine Farbeinschätzung des Sputums keine gute Strategie für Therapieentscheidungen bei infektexazerbierter COPD ist.

Gkini E et al. Sputum colour charts to guide antibiotic self-treatment of acute exacerbation of chronic obstructive pulmonary disease: the Colour-COPD RCT. BMJ Open Respir Res. 2025 Oct 10;12(1):e003615. doi:10.1136/bmjresp-2025-003615

Harnwegsinfekt: Wie kompetent ist das Praxisteam?

Eine Studie in den Niederlanden untersuchte das Wissen von Praxisassistenzpersonal zum Umgang mit Harnwegsinfekten. Dort werden Harnwegsinfekte zum Teil ganz ohne das Hinzuziehen von Hausärztinnen und Hausärzten behandelt.

Über Social-Media-Kanäle wurden 643 Teilnehmende für eine Online-Befragung rekrutiert, von denen 478 auswertbare Antworten abgaben. Bei den Teilnehmenden handelte es sich ganz überwiegend um Frauen, die im Durchschnitt circa 40 Jahre alt waren und über zehn Jahre Berufserfahrung verfügten. 90 Prozent gaben an, genug Wissen zur Diagnose eines Harnwegsinfekts zu haben; 60 Prozent erklärten, ihr Wissen sei ausreichend, um in unkomplizierten Fällen selbst Antibiotika ohne ärztliche Unterstützung zu verschreiben.

Gleichzeitig konnten nur 25 Prozent Risikofaktoren für einen komplizierten Harnwegsinfekt korrekt identifizieren. 70 Prozent würden auch ohne typische Symptome sicherheitshalber eine Urinuntersuchung durchführen und 90 Prozent würden die Ergebnisse der Urinuntersuchung immer berücksichtigen. 50 Prozent würden Antibiotika bei positivem Urinbefund ohne wegweisende Symptome verordnen. Nur 25 Prozent würden Patientinnen mit unkompliziertem Harnwegsinfekt eine Wait-and-watch-Strategie anbieten.

Die Autorinnen und Autoren der Studie diskutieren, dass eine Delegation häufiger Beratungsanlässe sinnvoll ist, aber ohne entsprechende Fortbildung Risiken birgt.

Fazit: Die Studie erhob das Wissen von Praxisassistenzpersonal in den Niederlanden und sollte nicht dahingehend interpretiert werden, dass auch Medizinische Fachangestellte in Deutschland unzureichendes Wissen zur Beratung zu Harnwegsinfekten haben. Sie zeigt aber, dass für eine teambasierte Versorgung auch ein teambasiertes Konzept zu Fortbildung und Kompetenzerhalt notwendig ist, um eine qualitativ hochwertige Versorgung sicherzustellen.

Cox SML et al. Knowledge, attitudes, and practice around urinary tract infections of general practice assistants in the Netherlands: a cross-sectional internet survey. BMC Prim Care. 2025 Nov 3;26(1):338. doi: 10.1186/s12875-025-03025-3

Best of Leitlinien

mit Benjamin Winter, Facharzt für Innere Medizin und seit 2021 in einer Einzelpraxis im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern niedergelassen. Seit Oktober 2025 leitet er zusammen mit Lisa Degener die DEGAM-Sektion Hausärztliche Praxis und ist Lehrbeauftragter des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Greifswald.

Koronar-CT statt Herzkatheter

Was ist Ihre Lieblingsleitlinienempfehlung? Und warum?

In diesem Jahr habe ich mich intensiv mit der Nationalen Versorgungsleitlinie “Chronische KHK” von 2024 beschäftigt. Die Leitlinie sorgte nicht nur wegen der Enthaltung der internistischen Fachgesellschaften für Diskussionen – sie ist auch deshalb praxisrelevant, weil die Koronar-CT seit 1. Januar 2025 regulär als Kassenleistung erbracht werden kann.

Höchste Zeit also, sich mit dem empfohlenen diagnostischen Vorgehen vertraut zu machen. Besonders überzeugend finde ich den klar strukturierten Entscheidungspfad der Leitlinie: Wenn ein akutes Koronarsyndrom ausgeschlossen ist und klinische Hinweise auf eine erhöhte KHK-Wahrscheinlichkeit bestehen, lässt sich die Vortestwahrscheinlichkeit einfach über den Marburger Herz-Score bestimmen. Ab 3 Punkten (bzw. auch bei 4–5 Punkten laut DEGAM) soll eine Koronar-CT die Untersuchung der ersten Wahl sein.

Wie wird diese Empfehlung Ihrer Einschätzung nach aktuell umgesetzt?

Die Umsetzung ist derzeit uneinheitlich – sowohl was die Verfügbarkeit von Koronar-CT angeht als auch hinsichtlich der Befundinterpretation im Alltag.

Wie würde eine Umsetzung der Empfehlung die Versorgung verändern?

Ein konsequenter Einsatz der CT könnte die Zahl unnötiger Herzkatheteruntersuchungen in Deutschland senken und damit Überversorgung und periprozedurale Risiken vermeiden. Ergebnisse aus DISCHARGE [2] und SCOT-HEART [3] zeigen zudem, dass konservative Strategien bei Nicht-Hochrisikopatientinnen und -patienten sicher sind. Dafür braucht es aber ein Umdenken: Es sollte nicht mehr jede “Stenose” reflexartig im Katheterlabor enden

Literatur

  1. Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale VersorgungsLeitlinie COPD, Ergänzung zur 2. Auflage: Kapitel 8. 2024. doi: 10.6101/AZQ/000516
  2. DISCHARGE Trial Group. CT or Invasive Coronary Angiography in Stable Chest Pain. N Engl J Med. 2022 Apr 28;386(17):1591-1602. doi: 10.1056/NEJMoa2200963. Epub 2022 Mar 4. PMID: 35240010.
  3. Williams MC et al. Coronary CT angiography-guided management of patients with stable chest pain: 10-year outcomes from the SCOT-HEART randomised controlled trial in Scotland. Lancet. 2025 Jan 25;405(10475):329-337. doi: 10.1016/S0140-6736(24)02679-5. PMID: 39863372.
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