Jeder Fünfte im Screening hat eine unerkannte COPD
Am Lungenkrebsscreening in Deutschland können Menschen im Alter von 50 bis 75 Jahren mit starkem Zigarettenkonsum über eine Dauer von mindestens 25 Jahren und von mindestens 15 Packungsjahren teilnehmen.
Da sind viele auch von einer chronisch-obstruktiven Atemwegserkrankung (COPD) betroffen, ob bereits diagnostiziert oder auch nicht. In der Lungenkrebs-Screening-Pilotstudie HANSE lag die Prävalenz einer unerkannten COPD bei den Teilnehmenden bei 22 Prozent, berichtete Privatdozent Dr. Mustafa Abdo vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel.
Trotz Obstruktion und Symptomen wie Husten, Auswurf oder Dyspnoe hatten diese Teilnehmenden keine Therapie. Abdo hofft, dass die Radiologinnen und Radiologen die Betroffenen im jetzt beginnenden Screening mit Hilfe der künstlichen Intelligenz (KI) automatisiert identifizieren und zur pneumologischen Abklärung schicken.
Noch besser wäre es, wenn die Fallfindung in der hausärztlichen Praxis gelingen würde, betonte er. Nach der Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease (GOLD) sollte bei folgender Konstellation an ein erhöhtes Risiko für COPD gedacht werden:
- Alter ≥35 Jahre
- Exposition gegenüber Risikofaktoren (Rauchen, Biomasse, berufliche Schadstoffe, Luftverschmutzung)
- Genetische Prädisposition
- Frühgeburt oder ungünstige frühkindliche Lebensbedingungen
- Respiratorische Symptome (Husten, Dyspnoe, Auswurf).
Bei all diesen Personen sollte zum Vorab-Screening ein validierter Fragebogen wie CAPTURE eingesetzt werden und eine Peak-Flow-Messung erfolgen. Wird statt Peak-Flow-Meter ein Mikrospirometer eingesetzt, könnte das schon in der hausärztlichen Versorgung zu einer hohen diagnostischen Genauigkeit führen. “Wir können eine COPD in der hausärztlichen Praxis diagnostizieren.
Aber wir setzen das leider nicht um”, klagte Abdo und forderte ein strukturiertes Programm, um das zu ändern. Schließlich geht in Studien eine nicht diagnostizierte COPD mit obstruktiven Symptomen mit einem deutlich erhöhten Sterberisiko schon im mittleren Lebensalter einher.
Lungentransplantation bei COPD?
Eine fortgeschrittene COPD kann eine Indikation für eine Lungentransplantation (LTX) sein. Von COPD Betroffene sollten im Transplantationszentrum vorgestellt werden, wenn sie trotz maximaler Therapie objektiv eine klinische Verschlechterung zeigen und relevant in ihrer Lebensqualität eingeschränkt sind, erläuterte Professor Dr. Katarzyna Rososinska vom Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg/Saar. Die Vorstellung kann auch parallel zur Prüfung der Option einer bronchoskopischen oder chirurgischen Lungenvolumenreduktion sinnvoll sein.
Die Patientinnen und Patienten sollten nicht zu spät im Transplantationszentrum vorgestellt werden, um gegebenenfalls noch Risikofaktoren vor der OP verbessern zu können und die Listung früh genug zu starten. In Deutschland gibt es 14 Zentren für Lungentransplantationen. Obligat vorgeschrieben ist die Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team aus fünf Facharztgruppen. “Ein-Personen-Entscheidungen gibt es nicht mehr”, betonte Prof. Rososinska.
Fachärztliche Empfehlungen zum Impfen bei COPD
In diesem Jahr ist eine fachärztliche S2k-Leitlinie zur COPD erschienen. Danach sollte auch von lungenfachärztlicher Seite Personen mit COPD zu folgenden Impfungen geraten werden, berichtete Prof. Kathrin Kahnert vom MediCenter Germering:
- Einmal jährlich Impfung gegen Influenza (ab 60 Jahren Hochdosis- oder adjuvantierter Impfstoff) und SARS-COV-2 (mRNA- oder proteinbasierter Impfstoff)
- Pneumokokkenimpfung mit einem höhervalenten Impfstoff
- Impfung gegen Pertussis bei der nächsten Tetanus-Auffrischimpfung, danach alle zehn Jahre auffrischen
- Ab einem Alter von 60 Jahren Impfung gegen RSV mit einem protein- oder mRNA-basierten Impfstoff
- Bei schwerer COPD ab 18 Jahren, bei einer nicht schweren COPD ab 60 Jahren zweimalige Impfung mit dem Herpes-zoster-Totimpfstoff im Abstand von zwei bis sechs Monaten.
Von wegen Risikoreduktion
Die wenigsten steigen vom Zigarettenrauchen ganz auf E-Zigaretten um oder hören auf dem Umweg über die E-Zigarette ganz mit dem Rauchen auf. Viele rauchen parallel Tabak- und E-Zigaretten, berichtete Prof. Natascha Sommer vom Universitätsklinikum Gießen. Dieser duale Gebrauch war in einer US-amerikanischen Fall-Kontroll-Studie bei Patientinnen und Patienten mit Lungenkrebs besonders häufig zu beobachten.
Aus der Analyse ergab sich ein 38,7 Mal höheres Lungenkrebsrisiko bei dualem Gebrauch gegenüber Nichtrauchern. Bei reinen Zigarettenrauchern war das Lungenkrebsrisiko 9,6-fach gegenüber Nichtrauchern erhöht.
Der kausale Zusammenhang zwischen dualem Konsum und Lungenkrebs ist unklar. Es gibt präklinische Hinweise auf ein Karzinomrisiko auch durch E-Zigaretten. Im Tiermodell zeigten sich abhängig vom E-Zigaretten-Aerosol DNA-Schäden in Lunge, Herz und Harnblase, DNA-Reparaturmechanismen waren vermindert, die Mutationsrate in den Zellen erhöht.
Sterben ohne Palliativmedizin
Bei COPD wird die Palliativmedizin bei weniger als 20 Prozent der Betroffenen involviert – im Mittel erst zehn Tage vor dem Tod, berichtete Dr. Franziska Kaestner, Wangen, und konstatierte anlässlich des DGP-Kongresses eine Versorgungslücke in Deutschland.
Eine COPD verläuft nicht linear und es kommt gegen Ende zu einer sehr raschen Verschlechterung des Zustands. Der Unterstützungsbedarf wird deshalb später als bei Tumorpatientinnen und -patienten erkannt.
Zudem ist noch wenig akzeptiert, ab einem gewissen Zeitpunkt bei COPD über Sterben zu sprechen. Hinweisend für den richtigen Moment zum Einbinden der Palliativmedizin sind eine hohe Symptomlast trotz optimaler Therapie, häufige Exazerbationen und Krankenhausbehandlungen und eine spürbare Verschlechterung von Funktion und Autonomie.
Besonders hilfreich ist Kaestners Erfahrung nach die Frage: Würde mich ein Tod innerhalb von zwölf Monaten wundern? Palliativmedizinisch kann die Symptomkontrolle bei COPD am Lebensende verbessert werden, es kommt zu klaren Entscheidungen und alle Beteiligten, auch die Angehörigen werden entlastet.
