Chronische Kreuzschmerzen gehören zu den häufigsten und zugleich anspruchsvollsten Beratungsanlässen in der Hausarztpraxis. Meist lässt sich keine spezifische Ursache wie eine Fraktur, ein Tumor, eine Infektion oder eine entzündliche Erkrankung nachweisen.
Ergeben Anamnese und Untersuchung keine entsprechenden Warnhinweise, besteht die hausärztliche Aufgabe vor allem darin, unnötige Diagnostik und Schonung zu vermeiden, die Aktivität zu fördern und einer weiteren Chronifizierung entgegenzuwirken. Viele Betroffene fragen dabei, welche Form der Bewegung sinnvoll ist und mit welchem Nutzen sie realistisch rechnen können.
Der Cochrane-Review von Hayden et al. untersuchte Bewegungstherapie bei Erwachsenen mit seit mehr als zwölf Wochen bestehenden nicht spezifischen Kreuzschmerzen [1]. Eingeschlossen wurden 249 randomisierte kontrollierte Studien mit 24.486 Teilnehmenden. Untersucht wurden unter anderem Rumpfkräftigung, allgemeines Kraft- und Ausdauertraining, Pilates sowie gemischte Übungsprogramme.
Gegenüber keiner Behandlung, üblicher Versorgung oder Placebo verringerte Bewegungstherapie die Schmerzen zum frühesten Nachbeobachtungszeitpunkt im Mittel um 15,2 Punkte auf einer Skala von 0 bis 100 (95%-Konfidenzintervall [KI] 12,2 bis 18,3). Die funktionellen Einschränkungen verbesserten sich um 6,8 Punkte (95%-KI 5,3 bis 8,3).
Im Vergleich mit allen anderen untersuchten konservativen Behandlungen zusammengenommen waren die Unterschiede kleiner: 9,1 Punkte bei den Schmerzen und 4,1 Punkte bei der Funktion. Unerwünschte Wirkungen wurden nur in zwölf Studien systematisch erfasst; dabei handelte es sich überwiegend um geringfügige Beschwerden wie Muskelkater oder vorübergehend verstärkte Rückenschmerzen [1].
Bewegungstherapie bei chronischen Kreuzschmerzen
Zusammenfassung in einfacher Sprache
Körperliche Bewegung zur Behandlung chronischer Kreuzschmerzen
Hayden JA, Ellis J, Ogilvie R, Malmivaara A, van Tulder MW. Exercise therapy for chronic low back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews 2021, Issue 9. Art. No.: CD009790. doi: 10.1002/14651858.CD009790.pub2
Ist körperliche Bewegung eine wirksame Therapie zur Behandlung lang anhaltender Kreuzschmerzen?
Kernaussagen
- Im Vergleich zu keiner Behandlung, der üblichen Versorgung oder einer Placebo-Behandlung führt körperliche Bewegung bei Menschen mit lang anhaltenden (chronischen) Kreuzschmerzen wahrscheinlich zu einer Verringerung der Schmerzen.
- Im Vergleich zu häufig angewandten Behandlungen wie Elektrotherapie oder Aufklärung bewirkt körperliche Bewegung möglicherweise eine Verringerung der Schmerzen und eine Verbesserung von Aktivitätseinschränkungen.
- Auf diesem Gebiet wird viel geforscht, aber es besteht ein Bedarf an größeren und besser konzipierten Studien, um verlässliche Schlussfolgerungen zu ermöglichen.
Wie könnte körperliche Bewegung Menschen mit lang anhaltenden Kreuzschmerzen helfen?
Lang anhaltende (chronische) Kreuzschmerzen sind weltweit eine häufige Ursache für Aktivitätseinschränkungen und sind teuer in Bezug auf gesundheitsbezogene Kosten und versäumte Arbeitsstunden. Bewegungstherapien zielen darauf ab, die Muskelkraft und Gelenkbeweglichkeit zu steigern und die Muskelfunktion und das Bewegungsausmaß zu verbessern.
Bewegungstherapien sollten Schmerzen und Aktivitätseinschränkungen verringern und die Erholung sowie die Rückkehr zu den gewohnten Aktivitäten beschleunigen. Bewegungstherapien werden von Gesundheitsfachkräften zusammengestellt oder verordnet und umfassen eine Vielfalt unterschiedlicher Bewegungsformen, -umfänge und -methoden.
Beispiele für Bewegungstherapien sind allgemeine körperliche Fitnessprogramme, die in einer Gruppe durchgeführt werden, Gymnastik in Form von Walking-Programmen und die Kräftigung bestimmter Muskeln oder Muskelgruppen zur Verbesserung der Rumpfstabilität.
Was wollten wir herausfinden?
Wir wollten wissen, ob körperliche Bewegung die Schmerzen und Aktivitätseinschränkungen von Menschen mit chronischen Kreuzschmerzen mehr verbessert als keine Behandlung, die übliche Versorgung, eine Placebo-Behandlung oder andere häufig angewandte Behandlungen. In unserem Review verstehen wir unter chronischen Kreuzschmerzen Schmerzen, die drei Monate oder länger andauern oder die zunächst vergehen, aber mehr als zweimal innerhalb eines Jahres wiederkehren.
Es gibt keine bestimmte Ursache wie einen Tumor oder eine Verletzung. Beispiele für häufig angewandte Behandlungen sind Mobilisations- oder Manipulationsbehandlungen an der Wirbelsäule oder psychologische Therapien. Die “übliche Versorgung” ist die Versorgung durch einen Hausarzt.
Wie gingen wir vor?
Wir suchten nach Studien, in denen die Wirkungen einer Bewegungstherapie auf Schmerzen oder Aktivitätseinschränkungen im Vergleich zu keiner Behandlung, der üblichen Versorgung, einer Placebo-Behandlung oder anderen häufig angewandten Behandlungen untersucht wurden. Die Teilnehmenden mussten Erwachsene mit chronischen Kreuzschmerzen sein.
Wir verglichen die Ergebnisse der Studien, fassten sie zusammen und bewerteten unser Vertrauen in die Evidenz, basierend auf Faktoren wie den Methoden und Größen der Studien.
Was fanden wir heraus?
Wir fanden 249 Studien mit insgesamt 24.486 Teilnehmenden. Die meisten Studien wurden in Europa durchgeführt (122 Studien); weitere häufige Studienorte waren Asien, Nordamerika und der Nahe Osten. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden betrug 43,7 Jahre; 59 % waren Frauen.
Die durchschnittliche Schmerzintensität der Teilnehmenden lag zu Beginn der Studien bei 51 Punkten auf einer 100-Punkte-Skala, wobei 100 die höchste Schmerzintensität bedeutet. Sie litten 12 Wochen bis 3 Jahre (78 Studien) oder länger als 3 Jahre (72 Studien) an Rückenschmerzen; 99 Studien machten keine Angaben darüber, wie lange ihre Teilnehmenden an Kreuzschmerzen litten.
In 61 % der Studien (151 Studien) wurde die Wirksamkeit von zwei oder mehr unterschiedlichen Bewegungsformen untersucht, und in 57 % der Studien (142 Studien) wurde eine Bewegungstherapie mit einer Behandlung ohne Bewegung verglichen. Die häufigsten Bewegungsformen waren Rumpfkräftigung (127 Studiengruppen), gemischte Übungen (>2 Arten) (109 Studiengruppen), Pilates (29 Studiengruppen), allgemeine Kräftigungsübungen (52 Studiengruppen) und Ausdauertraining (30 Studiengruppen).
Die Übungen fanden im Rahmen von Einzel-Sitzungen mit einer Gesundheitsfachperson (163 Studiengruppen) oder in Gruppenübungssitzungen (162 Studiengruppen) statt. Mehr als die Hälfte der Studien schloss neben der körperlichen Bewegung eine andere Behandlung mit ein (247 Studiengruppen), darunter Aufklärung oder Beratung (137 Studiengruppen), Elektrotherapie (46 Studiengruppen) oder Manuelle Therapie (21 Studiengruppen).
Die meisten Studien erhoben Schmerzen (223 Studien) und Aktivitätseinschränkungen (223 Studien). Nur 12 Studien berichteten über Daten, die wir zu den unerwünschten Wirkungen der Behandlungen verwenden konnten. In den Studien wurden die Teilnehmenden kurzfristig (6 bis 12 Wochen; 184 Studien), mittelfristig (13 bis 47 Wochen; 121 Studien) und langfristig (48 Wochen oder länger; 69 Studien) nachbeobachtet.
Außerdem fanden wir 172 weitere, neuere Studien, die wir in die nächste Version unserer Übersicht aufnehmen werden.
Hauptergebnisse
Die Teilnehmenden, die eine Bewegungstherapie durchführten, bewerteten ihre Schmerzen drei Monate nach Behandlungsbeginn auf einer Skala von 0 bis 100 durchschnittlich um 15 Punkte und ihre Aktivitätseinschränkungen um 7 Punkte besser als die Teilnehmenden, die keine Behandlung, die übliche Versorgung oder eine Placebo-Behandlung erhielten.
Körperliche Bewegung ist wahrscheinlich zu allen Nachbeobachtungszeitpunkten wirksamer zur Behandlung von Schmerzen (35 Studien, 2.746 Personen) und wahrscheinlich geringfügig wirksamer zur Behandlung von Aktivitätseinschränkungen (38 Studien, 2.942 Personen) als keine Behandlung, die übliche Versorgung oder eine Placebo-Behandlung.
Körperliche Bewegung ist möglicherweise wirksamer zur Behandlung von Schmerzen (64 Studien, 6.295 Personen) und wahrscheinlich wirksamer zur Behandlung von Aktivitätseinschränkungen (52 Studien, 6.004 Personen) als andere häufig angewandte kurz- und mittelfristige Behandlungen.
Nur wenige Studien berichteten über meist geringfügige unerwünschte Wirkungen der körperlichen Bewegung, am häufigsten verstärkte Kreuzschmerzen und Muskelkater. Die Gruppen, die keine körperliche Bewegung durchführten, berichteten jedoch über ähnliche Arten und eine ähnliche Häufigkeit von unerwünschten Wirkungen.
Was sind die Einschränkungen der Evidenz?
Unser Vertrauen in die Evidenz ist begrenzt. Die Studien setzten Bewegungstherapien auf verschiedene Weise ein und unterschieden sich in den berichteten Ergebnissen. Einige Studien waren sehr klein – die durchschnittliche Anzahl der Teilnehmenden lag bei nur 98. Es ist möglich, dass der methodische Aufbau einiger Studien die positiven Wirkungen von körperlicher Bewegung größer erscheinen ließ, als sie es in Wirklichkeit sind.
Wie aktuell ist diese Evidenz?
Die Evidenz ist auf dem Stand vom 28. April 2018.
Fazit für die Hausarztpraxis
Der Review stützt Bewegungstherapie als zentrale aktive Behandlungsoption bei chronischen nicht spezifischen Kreuzschmerzen. Die durchschnittliche Schmerzreduktion erreicht gegenüber keiner Behandlung, üblicher Versorgung oder Placebo im Mittel knapp die vorab definierte Schwelle klinischer Relevanz; die Verbesserung der Funktion bleibt kleiner.
Entsprechend sollten realistische Therapieziele vereinbart werden: nicht die sofortige Schmerzfreiheit, sondern eine zunehmende Belastbarkeit, mehr Sicherheit bei Bewegung und eine bessere Teilhabe im Alltag und Beruf.
Eine für alle Betroffenen überlegene Trainingsform lässt sich aus dem Review nicht ableiten. Für den hausärztlichen Alltag sind daher individuelle Fähigkeiten, Begleiterkrankungen, Vorlieben und die langfristige Umsetzbarkeit entscheidend. Ein schrittweise aufgebautes Programm, das tatsächlich regelmäßig durchgeführt wird, ist meist sinnvoller als die theoretisch “beste” Übung. Vorübergehende Beschwerden wie Muskelkater oder eine leichte Beschwerdezunahme zu Beginn sollten eingeordnet und erklärt werden, ohne neue oder veränderte Warnzeichen zu bagatellisieren.
Die aktuellen internationalen Leitlinien bestätigen diese Einordnung. Die WHO spricht in ihrer Leitlinie von 2023 bedingte Empfehlungen zugunsten strukturierter Information und Beratung, strukturierter Bewegungsprogramme, kognitiv-verhaltenstherapeutischer Verfahren und einer multikomponentigen biopsychosozialen Versorgung aus [2].
NICE rät ebenfalls zur Fortführung normaler Aktivitäten und dazu, bei der Auswahl eines Gruppenbewegungsprogramms Bedürfnisse, Präferenzen und Fähigkeiten zu berücksichtigen. Manuelle Therapie soll nur als Bestandteil eines Behandlungspakets mit Bewegung angeboten werden; von Traktion, TENS, therapeutischem Ultraschall sowie Gürteln oder Korsetts wird abgeraten [3].
Eine aktuell gültige deutsche Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) zum nicht spezifischen Kreuzschmerz liegt derzeit nicht vor. Die NVL von 2017 ist abgelaufen; im AWMF-Register ist sie als in Überarbeitung gekennzeichnet [4]. Ihre Grundrichtung – Aktivierung, Vermeidung unnötiger Bildgebung und bei komplexen Verläufen ein multimodales Vorgehen – stimmt jedoch mit den heutigen internationalen Empfehlungen überein.
Für die Hausarztpraxis folgt daraus: Nach Ausschluss spezifischer Ursachen sollte Bewegung früh, positiv und konkret empfohlen, an die Lebenssituation angepasst und bei psychosozialen Hindernissen in ein umfassenderes Behandlungskonzept eingebettet werden.
Für die praktische Umsetzung können Hausärztinnen und Hausärzte das “Rezept für Bewegung” nutzen. Es ermöglicht eine strukturierte Empfehlung gesundheitsorientierter Bewegungsangebote, etwa mit dem Schwerpunkt Haltungs- und Bewegungssystem; wohnortnahe Angebote sind über die Bewegungslandkarte des Deutschen Olympischen Sportbunds auffindbar [5]. Eine weitere Option ist Muster 36 zur Empfehlung verhaltensbezogener Primärprävention, unter anderem im Bereich Bewegungsgewohnheiten.
Es handelt sich nicht um eine Heilmittelverordnung, sondern um eine Empfehlung, die Patientinnen und Patienten bei ihrer Krankenkasse einreichen können [6]. Bei chronischen Kreuzschmerzen ersetzen diese Instrumente keine individuell indizierte Physiotherapie oder multimodale Behandlung, können aber den Einstieg in regelmäßige körperliche Aktivität unterstützen.
Interessenkonflikte: Die Autorin und der Autor sind die Verfasser des Buchs “Evidenz für die Hausarztpraxis”. Dr. Schmidt-Haghiri erklärt, dass darüber hinaus keine Interessenkonflikte bestehen. Prof. Schelling legt folgende potenzielle Interessenkonflikte offen: Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Gesellschaft zur Förderung der Impfmedizin mbH (GZIM). Vorträge und/oder Beratung: Alexion, GSK, MSD, Sanofi, Pfizer, BioNTech, Moderna, Takeda, Bavarian Nordic, Viatris, Seqirus, Novartis, Kassenärztliche Vereinigung Bayern/Nordrhein, LGL – LAGI, LGL – LARE, BLÄK, ÄKN, BHÄV.
Literatur:
- Hayden JA, Ellis J, Ogilvie R, Malmivaara A, van Tulder MW. Exercise therapy for chronic low back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews 2021, Issue 9. Art. No.: CD009790. doi: 10.1002/14651858.CD009790.pub2
- World Health Organization. WHO guideline for non-surgical management of chronic primary low back pain in adults in primary and community care settings. Geneva: World Health Organization; 2023. ISBN 978-92-4-008178-9.
- National Institute for Health and Care Excellence. Low back pain and sciatica in over 16s: assessment and management. NICE guideline NG59. Published 2016, last updated 2020. Zugriff am 23.06.2026.
- Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz. 2. Auflage, Version 1. 2017. AWMF-Register-Nr. nvl-007; Gültigkeit abgelaufen, derzeit in Überarbeitung. Zugriff am 23.06.2026.
- Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB), Bundesärztekammer (BÄK), Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP). Rezept für Bewegung. 2025. Verfügbar unter: www.hausarzt.link/eTlme. Zugriff am 23.06.2026.
- Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Präventionsempfehlungen: Formular zur Empfehlung von verhaltensbezogener Primärprävention (Muster 36). Verfügbar unter: www.hausarzt.link/sDZjs. Zugriff am 23.06.2026.
