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Experten InterviewHIV-Therapie im Wandel: Beste Chancen bei früher Diagnose

Welche aktuellen Entwicklungen gibt es bei der Behandlung von Menschen mit HIV? Wie wird die Therapie zukünftig aussehen und womit können Hausärztinnen und Hausärzte zu einer besseren Prognose der Betroffenen beitragen? Diese Fragen erläuterte Prof. Christoph D. Spinner, Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie am TUM Klinikum Rechts der Isar in München.

HIV: Der Fokus verschiebt sich von der reinen Viruskontrolle hin zu Lebensqualität, Komorbiditäten, Prävention und altersmedizinischen Fragen

Dr. Marion Hofmann-Aßmus im Gespräch mit Prof. Christoph Spinner

Was sind die wichtigsten Eckpfeiler des Wandels der HIV-Therapie, die Sie auf den 20. AIDS & Infektiologie Tagen beschrieben haben?

Der größte Wandel ist, dass HIV heute bei rechtzeitiger Diagnose sehr gut behandelbar ist und die Lebenserwartung unter moderner antiretroviraler Therapie (ART) nahezu normal sein kann. Entscheidend sind der schnelle Therapiebeginn, einfache, sichere und hochwirksame Eintabletten-Regime sowie die konsequente Vermeidung später Diagnosen, die weiterhin mit Morbidität und Mortalität verbunden sind. Für die hausärztliche Praxis bleibt wichtig: Bei Indikatorerkrankungen sollte HIV aktiv mitgedacht und getestet werden.

Was bedeutet dieser Wandel für die Betroffenen?

Für Menschen mit HIV bedeutet dieser Wandel vor allem Normalisierung: Therapie ist heute oft nur noch eine Tablette täglich oder in ausgewählten Fällen eine langwirksame Injektion, bei sehr guter Wirksamkeit und Verträglichkeit. Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus von der reinen Viruskontrolle hin zu Lebensqualität, Komorbiditäten, Prävention und altersmedizinischen Fragen.

Gerade deshalb profitieren Patientinnen und Patienten enorm von einer frühen Diagnose und einer guten fachärztlich-hausärztlichen Zusammenarbeit, um die Begleiterkrankungen zu managen sowie erkrankungsspezifische Präventionsprogramme umzusetzen. Dabei rückt neben dem allgemeinen Karzinomscreening auch die konsequente Umsetzung der STIKO- Empfehlungen sowie die Prävention von Herz-/Kreislauferkrankungen in den Fokus.

In welcher Veränderung stecken die größten Potenziale?

Das größte Potenzial liegt in der früheren Diagnostik und damit im Verhindern der späten Erstdiagnose, denn genau hier gehen noch immer wichtige Therapie-Chancen verloren. Auch können neue, langwirksame, injizierbare Therapien die Behandlung sogar bei Adhärenzproblemen vereinfachen und gleichzeitig höhere Ansprechraten erreichen als Tabletten-Regime. Für Hausärztinnen und Hausärzte ist das besonders relevant, weil sie bei unklaren Befunden oder typischen Indikatorerkrankungen häufig die erste Stelle sind, an der HIV überhaupt in Betracht gezogen werden sollte.

Nach wie vor weiß in Deutschland etwa jeder zwölfte Patient mit HIV nichts von seiner Diagnose und mehr als ein Drittel der Diagnosen wird erst in fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert. Dabei gilt es auch für Hausärztinnen und Hausärzte zu wissen: Bei Verdacht auf eine HIV-Infektion oder Risikoanamnese ist der HIV-Test eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung und kann über Angabe des entsprechenden Ausnahmekennzeichen budgetneutral auf dem Laborüberweisungsschein angefordert werden.

Gibt es auch beim Thema Stigmatisierung eine (positive) Veränderung?

Ja, es gibt eine positive Entwicklung: HIV ist medizinisch deutlich besser beherrschbar, und das hilft auch, das alte Bild einer unweigerlich schweren Erkrankung zu überwinden. Trotzdem bleibt Stigmatisierung ein reales Problem – vor allem, wenn Diagnosen spät gestellt werden oder wenn Patientinnen und Patienten aus Scham medizinische Kontakte meiden.

Ein offener, nicht wertender Umgang und das routinierte Mitdenken von HIV bei Indikatorerkrankungen sind deshalb auch ein wichtiger Beitrag gegen Stigma und aus meiner Sicht auch medizinisch begründet. Denn HIV kann bei Einhaltung der allgemein üblichen Hygienemaßnahmen nicht übertragen werden. Außerdem weiß man schon länger, dass erfolgreich behandelte und mit HIV lebende Menschen, das Virus nicht weitergeben können. Das Prinzip wird als Schutz durch Therapie bezeichnet.

Besteht Ihrer Meinung nach eine realistische Chance für eine HIV-Impfung?

Eine schützende HIV-Impfung ist derzeit noch nicht realistisch verfügbar, auch wenn die Forschung daran intensiv weiterläuft. Die eigentliche Herausforderung ist die hohe Variabilität von HIV und die Komplexität einer breit wirksamen Immunantwort.

Für die Praxis heißt das: Prävention bleibt weiterhin zentral, also Testen, frühe Behandlung, Präexpositionsprophylaxe (PrEP) und die konsequente Abklärung verdächtiger klinischer Konstellationen wie sexuell übertragbare Infektionen, mit Viren assoziierte Neoplasien wie HPV-assoziierte Karzinome oder Lymphome sowie andere Indikatorerkrankungen.

Eine Übersicht der Indikator-Erkrankungen findet sich beispielsweise bei Aware.HIV, einem Forschungsprojekt in Europa, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Diagnoserate von Menschen mit HIV, die noch nichts von ihrer Erkrankung wissen, zu verbessern (s. Kasten).

Wie sieht die Zukunft der HIV-Therapie aus?

Ich erwarte noch einfachere, individuellere und langfristig besser akzeptierte Therapiekonzepte. Langwirksame Injektionsregime und weitere innovative Ansätze werden an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig wird die Versorgung älterer Menschen mit HIV wichtiger, inklusive der Behandlung von kardiovaskulären, metabolischen und onkologischen Begleiterkrankungen. Dabei ist für Innovationen aktuell vor allem der Marktzugang in Deutschland ein relevantes Thema.

Ähnlich wie in anderen Indikationen wurden zuletzt nicht mehr alle neuen Therapiekonzepte und antiviralen Medikamente in Deutschland eingeführt.

Eine politische Balance zwischen Kosten-, Nutzen-Bewertung jenseits der virologischen Suppression und Marktattraktivität für pharmazeutische Unternehmer spielt hierbei eine wichtige Rolle und ist derzeit – ähnlich wie viele andere Maßnahmen im Gesundheitswesen – in Diskussion.

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