Erstmals vergibt das Forum Weiterbildung im Hausärztinnen- und Hausärzteverband diesen September den "Preis für exzellente Weiterbildung". Ein Einblick in den Alltag der drei Preisträger-Praxen – und ihre Tipps, wie die Zusammenarbeit mit jungen Kollegen für beide Seiten gewinnbringend sein kann.
Gute Weiterbilderinnen und Weiterbilder sind essentiell, um ÄiW für die hausärztliche Medizin zu begeistern.
Vom “Schattenarzt” zum “fliegenden Adler”
Von einer Weiterbildung zur reinen Praxisnachfolge-Gewinnung hält Dr. Andreas Streller nichts. “Das ist zu kurz gedacht”, meint er. Für eine gute Weiterbildung brauche es vielmehr “Herzblut” – und Freude, wenn “die Adler groß werden und fliegen lernen”.
Strellers “Adler” sind mitunter weit geflogen: Seit seiner Niederlassung 1993 bildet er weiter, ein früherer Arzt in Weiterbildung (AiW) ist nach der Zeit bei ihm nach Neuseeland gegangen. “Wir halten noch heute Kontakt”, sagt er. Das gelte für alle ÄiW, so der 65-Jährige.
Für seine Weiterbildung sucht sich Streller stets neue Inspiration und Feedback, etwa in Train-the-Trainer-Seminaren des Kompetenzzentrums Weiterbildung Allgemeinmedizin Niedersachsen (KANN). Ein Konzept, das er daraus in seinen Praxisalltag integriert hat, ist das des “Schattenarztes”: “Meine ÄiW sitzen zunächst auf einem Stuhl direkt hinter mir, quasi in meinem Schatten. Sobald sie sich bereit fühlen, tauschen wir.”
Praxistipp 1: In der Praxis von Dr. Andreas Streller gibt es – wie teils auch in anderen Praxen – eine bauliche Besonderheit: zwei Sprechzimmer, die durch eine Tür verbunden sind. Hier können ÄiW erste eigene Konsultationen durchführen und sind für Feedback immer “eine Armlänge entfernt”.
Praxistipp 2: Felix Streller, der seinen Vater mitnominiert hat und heute angestellt in der Praxis arbeitet, fand in der Zeit als AiW eine Liste zur Besprechung komplexer Fälle hilfreich: “Einmal pro Woche haben wir diese gezielt besprochen.” Der Austausch und die “ehrliche Offenheit”, dass auch erfahrene Kollegen selten sofort eine Lösung haben, seien extrem lehrreich gewesen.
Ein besonderer Blick auf das knappe Gut Zeit
Zeit dürfte wohl in jeder Hausarztpraxis ein knappes Gut sein. Umso bewusster nimmt sie sich Dr. Bernd Lehmann für die Themen, die ihm am Herzen liegen – so wie die Weiterbildung. “Ich schaue da nicht auf die Uhr”, sagt er lächelnd. “Irgendwie ist doch immer Zeit.” Genau das wusste Jonathan Ko in seiner Weiterbildungszeit besonders zu schätzen.
“Die intensive Betreuung war etwas Besonderes”, erinnert sich der heutige Facharzt für Allgemeinmedizin. Viele Aufgaben hatte er beim Antritt seiner Stelle bereits gemacht, jedoch eher “einfach so” oder “nach Gefühl” – Lehmann hat sich dann die Zeit genommen, zu erklären. Das Sonografieren etwa habe er hauptsächlich bei Lehmann gelernt, sagt Ko. “Er hat so lange nachgeschallt, wie wir ÄiW das gebraucht haben, ganz ohne Druck.”
Keine Frage: Das Lehren gehört für Lehmann dazu. Der 61-Jährige hat auf zwei Kontinenten in sieben Kliniken gearbeitet und gelehrt, hat schon als PJ-Student mit Kommilitonen einen Modell-Untersuchungskurs ausgearbeitet – weil er mit dem bestehenden nicht zufrieden war. Seit seiner Niederlassung vor rund 20 Jahren ist er Lehrpraxis, betreut Praktikanten, PJler, ÄiW. “Ich habe 32 Jahre klinische Erfahrung, und die will ich weitergeben”, sagt Lehmann. Das sei sein Hauptmotiv, nicht die gezielte Suche einer Nachfolge, sagt er. “Das”, sagt er schmunzelnd, “hat noch Zeit.”
Praxistipp 1: Dr. Bernd Lehmann sieht nicht nur die Zeit, die er investiert – er sieht auch einen potenziellen Zeitgewinn für sich. Alle vier bis sechs Wochen findet ein Fachgespräch in seiner Praxis statt. Lehmann gibt das Thema vor, der AiW bereitet aktuelle Leitlinien auf, gemeinsam wird über die Umsetzung im Praxisalltag diskutiert. Ein Beispiel: die Therapie der Herzinsuffizienz. Das Ganze findet in einer Mittagspause statt, Zeitdauer etwa 1 Stunde. “So bleibe ich schnell auf dem neusten Stand.”
Praxistipp 2: Eine tägliche gemeinsame Teepause gegen 11 Uhr “mit balint-haftem Austausch”, vor allem für komplexe oder psychosomatische Fälle.
Begeisterung für den Beruf – trotz Schattenseiten
Bei Dr. Marianne Ladleif und Gabriele Jaster hat die Vermittlung fachlicher Kenntnisse – allen voran die Oberbauch- und Schilddrüsensonografie – einen hohen Stellenwert. Mindestens genauso wichtig ist den beiden Weiterbilderinnen jedoch, die Freude an der Hausarztmedizin vorzuleben.
Weiterlesen
Hausärztinnen- und Hausärzteverband
Verband lobt Preis für exzellente Weiterbildung aus
Gute Weiterbilderinnen und Weiterbilder sind essenziell, um Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung (ÄiW) für die…
Interview
KODEX Gute Weiterbildung: Ideal für den Nachwuchs
Editorial HA 10/24
Steuerung ist das Gebot der Stunde
Mitarbeitende
Zeugnis für Arbeit/Weiterbildung: Das sind die Unterschiede
Arbeitgebende Ärztinnen und Ärzte müssen mitunter Zeugnisse ausstellen. Arbeitszeugnisse für scheidende Praxis-Mitarbeitende müssen wohlwollend sein…
OLG Frankfurt
Urteil: “Arzt für ästhetische Medizin” irreführend
practica
Studierende schnuppern den Spirit der Allgemeinmedizin
Kleinanzeigen rund um Ihre Praxis
Praxisbörse Mai 2026
Weiterbildungsangebot
10 Jahre Werkzeugkasten: Nachwuchs-Referenten willkommen
Hausärztinnen- und Hausärzteverband Nordrhein
Neues Spitzenteam in Nordrhein
Aus- und Weiterbildung
Zunehmende Ambulantisierung erfordert neue Konzepte
Für Hausärztinnen und Hausärzte, Praxismitarbeitende und ÄiW (Allgemeinmedizin und Innere Medizin mit hausärztlichem Schwerpunkt) ist der Zugang immer kostenfrei.
Mitglieder der Landesverbände im Hausärztinnen- und Hausärzteverband profitieren außerdem von zahlreichen Extras.