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Aus Wissenschaft und ForschungHP 12/26: Die DEGAM informiert

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) stellt die neuesten medizinischen Erkenntnisse vor, die für den Praxisalltag der Hausärztinnen und Hausärzte relevant sind.

Was tut sich in Wissenschaft und Forschung?

Trauernde unterstützen

Trauer ist keine Krankheit, sondern ein Lebensphänomen. Dennoch gibt es Menschen, die dabei Unterstützung innerhalb des Gesundheitssystems brauchen.

Während es in der ICD-10 keine Diagnose gibt, die das abbildet, wird in der ICD-11 neu eine anhaltende Trauerstörung definiert, die länger als sechs Monate anhält und das Leben beeinträchtigt. Welche Unterstützung für trauernde Menschen hilfreich ist, ist unklar. Ein systematischer Review hat in acht Datenbanken randomisiert kontrollierte Studien gesucht und zusammengefasst. 169 Studien konnten ausgewertet werden, diese untersuchten ein breites Spektrum von Interventionen mit unterschiedlichen Endpunkten und zum Teil erheblichen Bias. Moderate Evidenz zeigte, dass eine individuelle Psychotherapie depressive Symptome und Trauersymptome bessern kann. Mit geringerer Evidenz können moderierte Selbsthilfegruppen oder eine intensivere Versorgung und Anbindung helfen. Limitierend war in den Studien, dass sehr unterschiedliche Betroffene und zum Teil sehr spezielle Zielgruppen (zum Beispiel Trauer in Kriegssituationen, nach Suizid und Tod von Kindern) eingeschlossen wurden.

Fazit: Individuelle Psychotherapie, Selbsthilfegruppen und eine intensivere Anbindung zum Beispiel in der hausärztlichen Versorgung können Trauernde unterstützen. Es bleibt unklar, welche Trauernden am ehesten von einer gezielten Unterstützung profitieren.

Quelle: Ahluwalia S et al. Care of Bereaved Persons: A Systematic Review. Ann Intern Med. 2026 Apr;179(4):535-547. doi: 10.7326/ANNALS-24-03679


Schnelltests vor Antibiotikaverordnung?

Point-of-Care-Tests sind eine Möglichkeit, Antibiotika gezielter zu verordnen. Eine randomisierte kontrollierte Studie in 13 europäischen Ländern hat zuletzt allerdings keine geringere Verordnungsrate für Antibiotika bei respiratorischen Infekten durch Schnelltests gefunden [1]. Eine qualitative Befragung von Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzten sollte daher mehr Klarheit bringen, ob und wie Schnelltests die Verordnung von Antibiotika beeinflussen.

Ärztinnen und Ärzte fanden die Schnelltests in Situationen hilfreich, in denen sie selbst unsicher oder ambivalent waren, ob sie Antibiotika verordnen sollten. Dann folgten sie auch dem Ergebnis des Schnelltests. Das war vor allem bei älteren Menschen und in Situationen mit weniger Follow-up-Möglichkeiten wie vor dem Wochenende der Fall. Sie nutzten die Tests auch, um zweifelnde Patientinnen und Patienten zu überzeugen, dass sie keine Antibiotika benötigten. Waren sie nach der Anamnese und der klinischen Untersuchung jedoch überzeugt, dass Antibiotika notwendig waren, trauten sie dem Testergebnis nicht und verordneten trotz negativem Test Antibiotika.

Patientinnen und Patienten waren mit dem Testverfahren zufrieden, wenn es dazu führte, dass sie Antibiotika erhielten, oder wenn sie einer Antibiotikaverordnung eher ablehnend gegenüberstanden und damit Sicherheit bekamen, dass diese nicht nötig war. Auch sie vertrauten dem Testergebnis nicht, wenn sie davon überzeugt waren, Antibiotika zu benötigen. Die Autorinnen und Autoren diskutieren, dass Point-of-Care-Tests alleine nur dann hilfreich sind, wenn Behandelnde sich unsicher sind, ob Antibiotika verordnet werden sollen, dass diese Fälle aber so selten sind, dass sie insgesamt keine Reduktion der Verordnung ergeben.

Fazit: Point-of-Care-Tests unterstützen Ärztinnen und Ärzte in Situationen, in denen sie unsicher sind, ob sie Antibiotika verordnen sollen, oder in Situationen, in denen sie keine Antibiotika verordnen wollen und zweifelnde Patientinnen und Patienten überzeugen wollen, das zu akzeptieren. Darüber hinaus führen Schnelltests jedoch nicht automatisch zu einer selteneren Antibiotikaverordnung.

Quelle: Wanat M et al. Clinician and patient experiences with point-of-care testing for acute respiratory infections in primary care: a qualitative process evaluation of the PRUDENCE trial. Lancet Prim Care, 2026; 2: 100105. doi: 10.1016/j.lanprc.2025.100105

Literatur: 1. van der Velden AW et al. Point-of-care testing strategy versus usual care to safely reduce antibiotic prescribing for acute respiratory tract infections in primary care (PRUDENCE): a pragmatic, randomised controlled trial in 13 countries. Lancet Prim Care 2026; 2: 100104. doi: 10.1016/ j.lanprc.2025.100104


Best of Leitlinien: Viel wissen, wenig tun

Was ist Ihre Lieblingsleitlinienempfehlung? Und warum?

Meine “Lieblingsempfehlung” in der DEGAM-Leitlinie “Nicht-spezifische Nackenschmerzen” ist die klare Priorisierung nichtmedikamentöser, aktivierender Maßnahmen: Patientenedukation, Bewegung/Übungen und das Vermeiden von Schonung kombiniert mit der expliziten Empfehlung, passive Maßnahmen und Bildgebung ohne Red Flags zurückhaltend einzusetzen.

Diese Empfehlung ist maximal praxisnah: Sie passt in den hausärztlichen Alltag, spart Zeit (klare Botschaft statt Diagnostikspirale) und stärkt die Selbstwirksamkeit der Patientinnen und Patienten. Im Vergleich zur vorherigen S3-Version wird die Botschaft noch stringenter formuliert und evidenzbasierter gewichtet: weniger “kann man erwägen”, mehr “sollte man tun bzw. lassen”. Besonders hilfreich ist die konkrete Formulierung von Bewegungsempfehlungen statt unspezifischer Ratschläge.

Auf welcher Studienlage basiert diese Empfehlung?

Die Empfehlung basiert auf einer soliden bis moderaten Evidenz aus systematischen Reviews und RCTs: Für Bewegungstherapie sind dies konsistente moderate Effekte auf Schmerz und Funktion, für Edukation/Aktivierung gute Evidenz zur Vermeidung von Chronifizierung. International entspricht dies unter anderem Empfehlungen aus NICE- und anderen Leitlinien, die ebenfalls “stay active”, Edukation und Zurückhaltung bei Bildgebung betonen.

Wie wird diese Empfehlung Ihrer Einschätzung nach aktuell umgesetzt?

In der Praxis wird sie noch uneinheitlich umgesetzt: Häufig dominieren Bildgebung, Krankschreibung und passive Therapien. Zeitdruck und Patientenerwartungen (“Ich brauche ein MRT”) erschweren die konsequente Aktivierung. ABER: Die Leitlinie hilft durch ihre klare, detaillierte Auflistung auch nicht empfohlener eher passiver Maßnahmen, sodass man bei konkreter Nachfrage seitens der Patientinnen und Patienten gut argumentieren kann.

Wie würde eine Umsetzung der Empfehlung die Versorgung verändern?

Weniger Überdiagnostik, geringere Chronifizierungsraten und mehr funktionelle Verbesserung. Gleichzeitig wäre die Versorgung effizienter: weniger unnötige Verordnungen, mehr zielgerichtete Beratung. Kurz: Viel wissen, um wenig (aber das Richtige) zu tun.


Hinweis: Auf diesen Seiten stellt die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) neueste medizinische Erkenntnisse vor, die für den Praxisalltag der Hausärztinnen und Hausärzte relevant sind. Die Seiten werden redaktionell selbstständig von der DEGAM verantwortet und unterliegen keinen inhaltlichen Vorgaben durch Verlag oder Anzeigenkunden. Die Autorinnen und Autoren erklären, dass zu den Inhalten der Seiten keine Interessenkonflikte vorliegen.

Impressum

  • Redaktion: Dr. med. Sabine Gehrke-Beck, Institut für Allgemeinmedizin, Charité–Universitätsmedizin (verant.)
  • DEGAM-Bundesgeschäftsstelle: Natascha Hövener, Dr. Philipp Leson, Schumannstr. 9, 10117 Berlin, Tel.: (030) 20 966 98 00, www.degam.de
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