Prostatakrebs: Finger weg, häufiger nur Kontrolle
Die letzte Aktualisierung der S3-Leitlinie Prostatakarzinom von 2025 räumt mit veralteten Standards auf. Die digital-rektale Untersuchung (DRU) der Prostata wird nicht mehr zur Früherkennung des Prostatakarzinoms empfohlen.
Wer nach Beratung eine Früherkennung wünscht, dem soll die Bestimmung des Prostataspezifischen Antigens (PSA) angeboten werden, erläuterte Prof. Marc Oliver Grimm, Jena. Bei einem PSA-Wert < 1,5 ng/ml liegt ein niedriges Risiko vor und es wird eine Kontrolle alle fünf Jahre empfohlen. Bei einem Wert von 1,5 bis 2,99 ng/ml liegt ein intermediäres Risiko vor und die Kontrolle sollte nach Leitlinie alle zwei Jahre empfohlen werden. Ab einem PSA-Wert von 3 ng/ml besteht ein hohes Risiko und es sollte nach drei Monaten eine erneute Kontrolle erfolgen.
Wird der Wert von ≥3 ng/ml bestätigt, sollten andere Faktoren mit in die Risikobewertung einbezogen werden: Alter, familiäre Belastung, PSA-Dichte und Ergebnis einer DRU. Standard ist dann die Bildgebung mit MRT.
Erst wenn sich dort ein Karzinomrisiko bestätigt, wird eine Biopsie empfohlen. Aktuell wird die MRT im Rahmen der Früherkennung noch nicht regelhaft von den gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet. Grimm berichtete, der Gemeinsame Bundesauschuss habe sich in Gesprächen offen gezeigt und hofft, dass die Erstattung zukünftig möglich wird.
Die aktive Überwachung früher Prostatakarzinome gewinnt an Bedeutung. Wenn ein Niedrigrisikokarzinom vorliegt (PSA < 10, kleiner oder nicht tastbarer Tumor, Gleason Score 6), gibt es keine klare Therapieempfehlung mehr, stellte Grimm klar. Der PSA sollte dann alle sechs Monate kontrolliert werden und nach 12–18 Monaten eine Rebiopsie erfolgen. Grimm hofft, dass es dadurch nicht mehr so häufig zu einer Übertherapie kommt.
Brustkrebs: Therapiedeeskalation möglich
Die Therapie des Mammakarzinoms erfolgt heute viel individualisierter als früher. In einigen Fällen hat das zur Deeskalation der Therapie geführt, wie Prof. Tanja Fehm, Düsseldorf, berichtete. Beim Hormonrezeptor-positiven frühen Brustkrebs, der häufigsten Form des Mammakarzinoms, wird das Rezidivrisiko nach Tumorstadium und Proliferationsindex KI-67 eingestuft und die Therapie danach ausgerichtet.
Ergibt sich ein intermediäres Risiko, werden genomische Tests eingesetzt, um das Rezidivrisiko für die weitere Therapieentscheidung besser einschätzen zu können. Auch das fällt nicht immer eindeutig aus. Deshalb wird parallel zur genetischen Testung und vor der OP eine drei- bis vierwöchige endokrine Induktionstherapie empfohlen.
Fällt darunter der Proliferationsmarker KI-67 um mindestens 10 Prozent ab, können die Betroffenen trotz der sonstigen Risikokonstellation mit einer endokrinen Therapie ausreichend gut behandelt werden und benötigen adjuvant keine Chemotherapie. In Deutschland ist das Konzept der endokrinen Induktion beim Mammakarzinom Standard – im Ausland häufig noch nicht.
Versorgungsdaten nutzen
Die AG “Wissen generieren durch Vernetzung von Forschung und Versorgung” soll im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs mögliche Maßnahmen entwickeln, um Daten aus der klinischen Routine für die Versorgungsforschung zu nutzen. Bisher ist die Nutzung von Versorgungsdaten laut Fachgutachten des IGES-Instituts, Berlin, weit unter Potenzial.
Gründe gibt es viele, erläuterte Dr. Martin Albrecht vom IGES-Institut. Es gibt immer noch eine fragmentierte Datenhaltung. Die Beantragung der Datennutzung ist administrativ aufwändig und der Prozess bis zur Datennutzung dauert. In einer Befragung gaben 39 Prozent der klinisch Forschenden an, Versorgungsdaten wegen unzureichender Datenqualität nicht zu nutzen.
Verbesserungen erhofft sich Albrecht von der Zusammenführung der Krebsregisterdaten, der Verknüpfung des neu eingerichteten Forschungsdatenzentrum (FDZ) Gesundheit mit den Krebsregistern und den Möglichkeiten der elektronischen Patientenakte (ePA).
Das neue Krebsregistergesetz sieht vorläufig die Krankenversicherungsnummer als Identifikator vor, um Versorgungsdaten ähnlich gut wie in den skandinavischen Ländern auswerten zu können. Albrecht ist optimistisch, dass die rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden können.
Nicht einfach ChatGPT fragen
Immer ausgefeiltere Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) halten Einzug in die Medizin. KI-Agenten können inzwischen selbstständig auf Basis großer Datenmengen Schlussfolgerungen ziehen und selber weltweit verfügbare Quellen einbeziehen.
Im interdisziplinären Tumorboard könnten KI-Agenten Analysen der komplexen Daten für die Therapieentscheidung liefern, Vorschläge für die Therapie machen und sogar schon die Argumentation für den Off-label-Antrag liefern. Die Verantwortlichkeit für medizinische Empfehlungen bleibt aber beim medizinischen Team, betonte Dr. Isabella C. Wiest, Dresden.
Auch ChatGPT hat sich zu einem KI-Agent entwickelt. Rechtlich dürfen Ärztinnen und Ärzte aber keine Patientendaten in KI-Anwendungen wie ChatGPT hochladen, betonte PD Dr. Sebastian Försch, Mainz. Die Erkrankten selbst machen das zwar, medizinische Einrichtungen müssen für die KI-Nutzung zum Schutz persönlicher Daten hauseigene Lösungen einsetzen oder für KI-Anwendungen Cloud-Anbieter mit hoher Datensicherheit einbinden.
Krebsimpfung der anderen Art
Therapeutische Krebsimpfstoffe sollen dem Immunsystem helfen, Tumoren zu erkennen und anzugreifen. Erste Erfolge von mRNA- und Peptidimpfstoffen zeichnen sich beim malignen Melanom in Kombination mit einer Immuntherapie mit einem Checkpoint-Inhibitor ab.
Überraschend ergab eine retrospektive Analyse aus der SARS-CoV-2-Pandemie, dass auch eine COVID-19-Impfung innerhalb von 100 Tagen nach Beginn der Immuntherapie signifikant das mediane und 3-Jahres-Gesamtüberleben gegenüber nicht geimpften Patientinnen und Patienten unter derselben Immuntherapie verbesserte.
Ob mRNA-Impfungen tatsächlich eine Art unspezifische Verstärkung der Immuntherapie ermöglichen, muss allerdings prospektiv untersucht werden.
Nach Krebs wieder arbeiten
35 Prozent der Menschen, die eine Krebsdiagnose erhalten, sind im erwerbsfähigen Alter. Auswertungen der Deutschen Krebsgesellschaft zeigen, dass neun von zehn dieser Betroffenen nach der Erkrankung wieder arbeiten wollen.
Nach der Therapie und Reha sind die meisten jedoch zunächst arbeitsunfähig, oft durch Langzeitfolgen der Behandlung. Ein Jahr nach der Rehabilitation arbeiten 61 Prozent wieder. Eher wieder im Beruf sind Fach- und Führungskräfte mit höherer Autonomie, besseren Anpassungsmöglichkeiten und geringer physischer Belastung.
Deutlich seltener gelingt der Wiedereinstieg in den Beruf bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten wie Krankenpflege oder Handwerk.
