Das Prostatakarzinom war auch in Hamburg beim DGU-Kongress wieder ein wichtiges Thema. Schließlich ist es nach wie vor die mit Abstand häufigste bösartige Tumorerkrankung bei Männern. Laut Robert Koch-Institut gibt es jährlich an die 75.000 Neuerkrankungen, etwa 15.000 Betroffene sterben daran. Dennoch nutzen nur 17 Prozent der 50- bis 54-Jährigen und 24,8 Prozent der 60- bis 64-Jährigen das gesetzliche Angebot zur Krebsfrüherkennung.
Deren Inanspruchnahme könnte die Sterberate indessen senken. Denn bei einem früh entdeckten Prostatakrebs liegt die relative Fünf-Jahres-Überlebensrate bei rund 90 Prozent. In der 2025 aktualisierten S3-Leitlinie heißt es, dass etwa 3 von 1.000 gescreenten Männern nicht an Prostatakrebs sterben, bei 4 von 1.000 treten keine Metastasen auf. Jedoch kommen auf einen verhinderten Todesfall in etwa 14 Überdiagnosen.
PSA-Test neuer Standard in der Früherkennung
Bei der Früherkennung hat sich 2025 einiges getan. In der im Juli aktualisierten S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom wird die digital rektale Tastuntersuchung (DRU) ausdrücklich nicht mehr empfohlen. Dass diese in den Hintergrund rückt, hat gute Gründe. Denn da sie sowohl zu vielen falsch-negativen als auch zu vielen falsch-positiven Befunden führt, deren weitere Abklärung Risiken birgt, ist sie dem PSA-Test deutlich unterlegen.
Entsprechend soll laut Leitlinie nun stattdessen allen Männern ab 45 Jahren, die eine Früherkennung wünschen und eine Lebenserwartung von mindestens zehn Jahren haben, eine PSA-basierte und ans Risiko angepasste Früherkennung angeboten werden. Ist der im Blut bestimmte PSA-Wert sehr niedrig, ist die Kontrolluntersuchung erst nach fünf Jahren angezeigt, ansonsten alle zwei Jahre. Ab einem bestätigten PSA-Wert über 3 ng/ml soll jedoch eine weitere Abklärung durch MRT und gezielte Biopsien erfolgen. Die DRU kann ergänzend zur individuellen Risikoabschätzung eingesetzt werden.
Derzeit arbeitet der Gemeinsame Bundesausschuss daran, die neuen Leitlinienempfehlungen als risikoadaptiertes Screening in die Gesetzliche Krankenversicherung aufzunehmen. Mit den Ergebnissen sei spätestens im Oktober 2027 zu rechnen. Noch ist die PSA-Bestimmung zur Früherkennung also keine Kassenleistung.
Benignes Prostatasyndrom: schwieriges Terrain
Das benigne Prostatasyndrom, kurz BPS, ist überaus häufig – auch in der hausärztlichen Praxis sieht man sich vielfach damit konfrontiert. Nicht umsonst gilt der BPS-Patient unter Urologen wie dem BPS-Experten PD Dr. Malte Rieken von alta uro, Medizinisches Zentrum für Urologie in Basel, als interdisziplinäre Herausforderung. “Das betrifft allen voran die Nykturie.” Schließlich führt das nervige häufige nächtliche Wasserlassen in der Regel zunächst zum Hausarzt. Was Rieken begrüßt, da er sich klar für eine enge Kooperation mit der allgemeinmedizinischen Kollegenschaft ausspricht: Die Urologen seien zwar die Experten, könnten jedoch nicht alles abdecken.
Als erste, weil sehr effektive Behandlungsoption empfiehlt der Baseler Urologe Lifestyle-Modifikationen wie weniger trinken, vor allem abends vor dem Zubettgehen. Eine wirksame, indessen unterschätzte Maßnahme ist zudem das Führen eines Trink-Miktions-Tagebuchs. Bei der medikamentösen Therapie stehe Desmopressin im Fokus, da es eine Nykturie deutlich verbessere. Bei der Anwendung müssen allerdings die Natriumwerte engmaschig kontrolliert werden: “Es besteht die Gefahr einer Hyponatriämie.”
Zu berücksichtigen ist laut Rieken ferner, dass eine Nykturie zahlreiche unterschiedliche Ursachen haben kann. Diese Risikofaktoren sollten auch in der Hausarztpraxis bekannt sein und abgeklärt werden. Eine mögliche und häufige Ursache ist beispielsweise die Schlafapnoe. “Wird diese adäquat therapiert, wirkt sich das umgehend positiv auf die Beschwerden mit dem Wasserlassen aus.”
Hodenkrebs und dann?
Hodenkrebs ist nach wie vor die häufigste Tumorerkrankung in der Altersgruppe zwischen zwanzig und vierzig Jahren. Frühzeitige Erkennung vorausgesetzt, sind die Überlebensraten nach einer Chemotherapie, unter Umständen kombiniert mit einer Operation des betroffenen Hodengewebes, glücklicherweise hoch.
Doch wie soll es danach weitergehen? Zumal sich die Betroffenen im Zeitpunkt von Diagnose und Therapie laut Dr. Cem Aksoy, Oberarzt am Klinikum für Urologie und Kinderurologie im Krankenhaus St. Johann Nepomuk in Erfurt, in einer vulnerablen Phase ihres Lebens befinden. “Sie wird geprägt und entsprechend dominiert von Berufsausbildung, Berufseinstieg, Familienplanung und Familiengründung”.
Einen Tumor in den Hoden zu haben, schlägt da hohe negative Wellen. Schließlich bringt er Grundfeste der Männlichkeit wie Potenz und Zeugungsfähigkeit ins Wanken. Aksoy weiß das und hat deshalb die Selbsthilfeorganisation Pate www.pate-hodenkrebs.de gegründet. “Im Zentrum der Herausforderungen für die Patienten stehen sexuelle Probleme.” Um diesen wichtigsten Folgen von Hodenkrebs zu begegnen, ist vor allem Offenheit angesagt, so Aksoy.
Hier können gerade auch Hausärzte dabei helfen, Tabus zu brechen. Indem sie ihre Patienten nach der Rückkehr aus der uroonkologischen Therapie aufklären und auch Reha-Konzepte anbieten. “Diese, wie etwa intensives körperliches Intervalltraining, verbessern die Lebensqualität erheblich.”
Nachhaltigkeit: auch ein Kernthema des Kongresses
Mit dem 77. DGU-Kongress startet die Fachgesellschaft den Aufbau eines strukturierten Nachhaltigkeitsprogramms. Denn, so Kongresspräsident Prof. Dr. Bernd Wullich: “Eine bessere Umwelt bedeutet bessere Gesundheit. Deshalb müssen wir handeln und werden Lösungen entwickeln, die in Klinik und Praxis ankommen”.
Der Anfang ist gemacht. Eine kürzlich etablierte AG Nachhaltigkeit und Ökonomie bündelt Expertise aus Klinik, Praxis und Pflege. Erste Projekte laufen bereits, darunter eine CO₂-Bilanzierung in einer Pilotpraxis sowie eine Erhebung zu Single-Use- und Multi-Use-Materialien.
(mit jvb)
