Eines der Kernthemen des Deutschen Ärztetages 2027 in Wiesbaden werden Machtmissbrauch und Übergriffe in der Medizin sein. Das haben die Delegierten mit großer Mehrheit in Hannover beschlossen.
Der Abstimmung vorausgegangen war ein schockierender Bericht von mehreren Medizinstudentinnen, denen Dr. Sven Dreyer (Nordrhein) sein Rederecht überlassen hatte.
In ihrer Erklärung prangerten die Medizinstudierenden Übergriffe an, die ihnen beim Deutschen Ärztetag selbst passiert seien. Unter anderem berichteten sie von “Händen auf Rücken und Gesäßen”, “Einladungen auf Hotelzimmer oder privat zu Ihnen nach Hause”, “Einladungen doch mal eben zusammen vor die Tür zu gehen” – all das sei unangebracht. Genauso wie Kommentare “über unser hübsches Auftreten“ oder „unsere Ausschnitte”.
Respektlos und absolut inakzeptabel
Dieser Umgang sei auf einer Veranstaltung mit Akademikern sei nicht nur respektlos, sondern auch absolut inakzeptabel. So werde man keine jungen Kolleginnen für die Berufspolitik gewinnen, kritisierten die angehenden Ärztinnen.
Für ihre persönliche Erklärung vor dem Parlament erhielten die Vortragenden stehenden Applaus.
Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, zeigte sich “zutiefst erschüttert” und nannte es “verstörend”, dass sich dies so abgespielt habe. “Wir werden das aufklären, und versuchen Ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen”, versprach Reinhardt.
Leider immer noch Realität
Die zahlreichen Rednerinnen und Redner dankten den Medizinstudierenden für ihren Mut. Viele äußerten Wut und Bedauern. Übergriffige Ärzte gehörten nichts in Plenum, sie seien des ärztlichen Berufs nicht würdig.
Gestandene Ärztinnen unterstrichen aber auch, dass dies nichts neues sei und sie selbst ähnliches erlebt hätten – wie etwa, mit einem tiefen Ausschnitt kämen Anträge leichter durch.
Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt hätten eine nicht vorstellbare Intensität angenommen, erklärte Prof. Dr. Bernd Haubitz, Niedersachsen. In einer Nebentätigkeit engagiere er sich ehrenamtlich als vertraulicher Ansprechpartner für das Personal und höre hier vieles.
“Die Scham muss die Seite wechseln”
Da würden die weltberühmten Chirurgenhände unter dem OP-Tuch schnell auf den Oberschenkeln der PJlerin landen, die sich im Anschluss überlege, ob sie wirklich dieses Fach wählen sollte.
Sexualisierte Gewalt sei ein Biotop des Machtmissbrauchs, warnte Haubitz. So kehrten viele Kolleginnen der Medizin den Rücken, bevor sie überhaupt anfangen würden.
“Die Scham muss die Seite wechseln”, forderte Dr. Thomas Carl Stiller aus Niedersachsen. Es müsse zum Good Practice gehören, dass man so etwas nicht tut. Jeder, der etwas in diese Richtung bemerkt, müsse handeln. “Wir packen das von jetzt an an”, appellierte Stiller.
“Null Toleranz!”
Man müsse nicht nur beschämt auf den Boden gucken, sondern auch zugeben, dass das Problem seit langer Zeit vorliege, erklärte Dr. Pedram Emami, Hamburg. Nun sei es an der Zeit, etwas zu tun und Strategien zu entwickeln, damit diese Dinge in Zukunft nicht mehr passieren.
“Gegenüber sexualisierter Gewalt gilt ausnahmslos: Null Toleranz. Jede Tat ist eine zu viel. Daher verdienen Hinweise auf derartige Übergriffe nicht nur Aufklärung und eine offene Debatte, wie wir sie im Anschluss an die Berichte in Hannover erlebt haben, sondern auch entschlossenes Handeln”, so die Bundesvorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Blumenthal-Beier, sowie der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ), Dr. Michael Hubmann, wie auch die Vizepräsidentin des BVKJ, Dr. Anke Steuerer, und der Vizepräsident des BVKJ, Dr. Stefan Trapp.
Die Vertreterinnen und Vertreter der beiden Verbände dankten den Medizinstudentinnen für ihren Mut. Es reiche nun nicht, bei gemeinsamen Solidaritätsbekundungen stehenzubleiben.
Strukturen kritisch prüfen
Nun müsse man genau dorthin schauen, wo Übergriffe stattfinden, Strukturen kritisch prüfen und notwendige Veränderungen einleiten – das gelte für den Deutschen Ärztetag wie auch für alle anderen Bereiche in unserer Gesellschaft, so die Verbände weiter.
