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SchaufensterkrankheitUpdate zur pAVK

Eine periphere arterielle Verschlusskrankheit geht mit niedrigeren Überlebensraten einher als etwa die koronare Herzkrankheit. Was empfehlen die aktuellen Leitlinien?

Das Gehtraining steht mit dem konservativ-medikamentösen Management im Vordergrund der pAVK-Therapie.

Hätten Sie gedacht, dass Patientinnen und Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) signifikant schlechtere Überlebensraten haben als Personen mit KHK oder Karotisstenose? Nicht nur extremitätenbezogene Endpunkte wie Amputation, Lyse oder Revaskularisation erleiden pAVK-Betroffene häufiger, sondern auch Herzinfarkt und Schlaganfall [1].

Dieser Fakt rückt die pAVK in den Fokus primär- und sekundärpräventiver Maßnahmen. Wer dabei allerdings nur die Patientinnen und Patienten mit Claudicatio intermittens im Blick hat, übersieht den größten Teil der Betroffenen! Zwar ist die Claudicatio als typischstes Symptom hinweisend auf die “Schaufensterkrankheit”, aber nur zehn Prozent aller Menschen mit pAVK leiden darunter [2].

Weil die Claudicatio intermittens Ausdruck einer Belastungsischämie ist, kommt sie bei Menschen mit Cox- und Gonarthrose, Ataxie und Neuropathie nicht zum Tragen. Dasselbe gilt für Personen, die wegen pulmonaler oder kardialer Erkrankungen unter Luftnot leiden und sich deswegen weniger bewegen. Genau diese Patientinnen und Patienten entgehen oft der Aufmerksamkeit.

Die neuen Leitlinien sensibilisieren daher zu Recht für die Bedeutung der pAVK und differenzieren vier Varianten der Erkrankung [3], [4]:

  1. die asymptomatische,
  2. die chronisch symptomatische,
  3. die chronisch extremitätenbedrohende (CLTI) und
  4. die akute Beinischämie (ALI).

Um Hochrisikopatienten (CLTI = chronic limb threatening ischemia) zu identifizieren, sollen explizit belastungsabhängige Symptome und nächtliche Ruheschmerzen erfragt werden sowie auf Wunden und subtile Hautveränderungen (Vorfußblässe, Druckstellen, Rötungen, sandpapierartige Hyperkeratosen, verdickte Nägel, verzögertes Nagelwachstum, Haarverlust) hin untersucht werden. CLTI-Patienten sind hochgradig amputationsgefährdet!

Auf pAVK screenen

Das basale Screening auf eine pAVK erfolgt mittels Knöchel-Arm-Druck-Index (ABI-Messung). Die pAVK ist bei einem ABI < 0,9 definiert und soll mittels Gefäßultraschall fachärztlich abgeklärt werden. In immer mehr Bundesländern wird die ABI-Messung im Rahmen von Hausarztverträgen (HZV) vergütungsfähig. Hat man keine Möglichkeit hierzu, sind fehlende Fußpulse ein starkes Indiz für eine pAVK. Auch der Ratschow-Test ist hilfreich.

Hierzu liegt der Patient in Rückenlage mit senkrecht angehobenen Beinen und kreist zwei Minuten lang die Füße. Ein Abblassen der Haut oder Schmerzen deuten auf ein arterielles Defizit hin. Setzt sich der Patient auf und dauert es länger als fünf Sekunden, bis sich die Haut der herabhängenden Füße wieder rosig färbt, ist dies ein Hinweis auf eine abklärungsbedürftige pAVK.

Unterstützt wird der Verdacht durch das Vorhandensein der “Big-Five”-Atheroskleroserisikofaktoren: Rauchen, Hypertonus, Diabetes, Bewegungsarmut/Übergewicht, Hyperlipidämie.

Wen also auf eine pAVK screenen?

  • alle symptomatischen Patientinnen und Patienten
  • alle > 65-Jährigen mit mindestens einem Risikofaktor
  • alle Patientinnen und Patienten mit Wunden ohne Heilungstendenz

In asymptomatischen oder unselektierten Populationen konnte hingegen kein Nutzen des ABI-Screenings belegt werden [4], [5].

Medikamentöses Management

Das medikamentöse Management der pAVK besteht aus einem

  • Thrombozytenaggregationshemmer (ASS 100 oder Clopidogrel 75),
  • antihypertensiver Therapie,
  • LDL-Halbierung oder Zielwert-Einstellung auf < 55 mg/dl bzw. < 1,4 mmol/l*,
  • Diabetesmanagement, das GLP-1-Agonisten integrieren sollte,
  • ggf. Medikamente zur Raucherentwöhnung und
  • ggf. Rivaroxaban niedrigdosiert (2,5 mg) bei fehlender Blutungsneigung.

*Anmerkung der Redaktion: Die S3-Leitlinie zur pAVK enthält ein Sondervotum der DEGAM zur Lipidtherapie. Darin weist die DEGAM auf die unzureichende Evidenz für eine Zielwertstrategie hin und gibt zu bedenken, dass diese einen wesentlich höheren Aufwand und Kosten bei unklarem Nutzen bedeutet. Laut DEGAM sollte daher die Strategie der fixen Dosis bevorzugt werden.

Dabei geht es nicht um “Labor-Kosmetik” mit möglichst niedrigem LDL: Statine können vulnerable Plaques stabilisieren, indem deren Kappe gefestigt wird, was Plaquerupturen und Gefäßverschlüssen vorbeugt. Trotz aller Euphorie der positiven Effekte soll nicht unerwähnt bleiben, dass Lipidsenkung nur einen Teil des Risikomanagements darstellt, und der Effekt einer auch noch so straffen LDL-Einstellung bei einem weiterhin rauchenden, übergewichtigen Bewegungsmuffel limitiert bleiben wird.

Gehtraining ist wichtig

Daher spricht sich die S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Angiologie bei chronisch symptomatischer pAVK klar für ein primäres Gehtraining aus, das mindestens drei bis sechs Monate lang durchgeführt werden soll. Gehen sollen alle, die keine Ruheschmerzen oder Wunden haben. Chronisch symptomatische pAVK-Betroffene sollen erst bei Versagen dieser Strategie revaskularisiert werden.

Und vor allem auch nach Revaskularisation soll das Gehtraining fortgeführt werden, da der Interventionserfolg ohne Lebensstiländerung verlorengeht. Die außerordentliche Bedeutung des Bewegungstrainings ist vielen Patientinnen und Patienten, aber auch vielen Behandelnden nicht immer bewusst, und zwar im Hinblick auf die Lebensqualität, Verhinderung von Pflegebedürftigkeit durch Mobilisations- und Extremitätenerhalt und unter gesundheitsökonomischen Aspekten.

Idealerweise findet ein strukturiertes Gefäßtraining in einer Gefäßsportgruppe statt, wo nicht verfügbar alternativ auch in Herzsportgruppen. Die Therapie ist erstattungs- und verordnungsfähig als ambulante oder stationäre Rehabilitationsmaßnahme (Formular 56). Dank Initiative der Deutschen Gesellschaft für Angiologie etablieren sich bundesweit zunehmend explizit für Gefäßsport zertifizierte Rehazentren [6].

Aber auch allein kann (und soll!) trainiert werden: Die Betroffenen sollten hierfür mindestens dreimal pro Woche 30 Minuten lang “in den Schmerz hineinlaufen”, also einige wenige Schritte über die individuelle Schmerzgrenze hinausgehen, eine Pause einlegen und anschließend weiterlaufen.

Radfahren, Krafttraining sowie tägliches Spazieren können ebenfalls einen Beitrag leisten, wenngleich in geringerem Ausmaß als das strukturierte Gehen. Ist ein Gehtraining nicht möglich, bietet das Fahrrad- und Arm-Ergometertraining eine effektive und wirksame Alternative.

In Studien belegt ist nicht nur eine Zunahme der schmerzfreien Gehstrecke bis zum 3-Fachen nach drei Monaten, sondern auch eine Verbesserung der Herzleistung und der Balance. Beides trägt zur Fragilitätsprävention bei [4].

Wichtig ist: CLTI-Patienten werden umgehend revaskularisiert, egal ob interventionell oder chirurgisch, einschließlich komplexer Wundbehandlung. Seit 2020 haben Betroffene vor einer Amputation laut G-BA-Beschluss Recht auf eine Zweitmeinung.

Patientinnen und Patienten mit akuter Ischämie werden notfallmäßig revaskularisiert und antikoaguliert.

Cilostazol und Naftidrofuryl kommen nur dann (bei Nichtrauchenden!) zum Einsatz, wenn ein Gehtraining nicht möglich ist und weniger als 200 Meter schmerzfrei bewältigt werden. Stellt sich nach dreimonatiger Therapie keine Verbesserung der Gehstrecke ein, werden Cilostazol und Naftidrofuryl wieder abgesetzt.

Rauchstopp

Rauchverzicht fällt vielen Betroffenen schwer und meist gelingt er nicht beim ersten Versuch. In der SMART-Studie wurden langjährige Starkrauchende randomisiert in eine Vareniclin-Gruppe und eine Gruppe mit kombinierter Nikotinersatztherapie (Nikotin-Pflaster, -Kaugummi oder -Lutschtablette).

Wer es nicht schaffte, mit einer der beiden Strategien binnen sechs Wochen abstinent zu werden, war danach entweder mit einer Dosissteigerung des jeweiligen Präparats erfolgreich oder im Falle der frustranen Nikotinersatztherapie mit einem Wechsel hin zum Vareniclin. Hingegen blieb ein Wechsel vom Vareniclin hin zum Nikotinersatz ohne Erfolg. [7].

Derzeit sind vier Medikamente zur Raucherentwöhnung in Deutschland zugelassen: Nikotinersatzprodukte, Vareniclin, Bupropion und Cytisin. Für Vareniclin und Nikotinersatzprodukte hat der G-BA die Kostenübernahme bestätigt, und zwar dann, wenn eine “schwere Tabakabhängigkeit” vorliegt [8].

Diese kann auf zweierlei Weise dokumentiert werden: Entweder gelingt dem Versicherten ein Tabakverzicht trotz bestehender Risikokonstellationen wie COPD/Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen inklusive pAVK nicht, oder der Schweregrad der Abhängigkeit wurde mittels Fagerströmtest für Zigarettenabhängigkeit (FTZA) beurteilt.

Nachsorge

Wie sollen Menschen mit pAVK nachgesorgt werden? Entscheidend ist die konsequente Beherrschung der “Big-Five”-Risikofaktoren. Hingegen wird von einer regelmäßigen Gefäßultraschall-Nachsorge abgeraten, da unter Kosten-Nutzen-Risikoabwägung kein Benefit hinsichtlich des Outcomes der Betroffenen belegt ist.

Konsens besteht dahingehend, dass geriatrische Patientinnen und Patienten auch ohne Symptome einer pAVK (maskierte pAVK!) körperlich gewissenhaft untersucht werden und im Falle fehlender Fußpulse oder bei Druckläsionen an den Füßen eine weiterführende fachspezifische Gefäßdiagnostik erhalten sollten.

Mit diesen Leitlinienempfehlungen auf nationaler und internationaler Ebene bekommen die konservativ-medikamentöse Therapie und das Gehtraining ihren verdient hohen Stellenwert in der Behandlung der pAVK. Dies unterstreicht exemplarisch eine Metaanalyse zu chronisch symptomatischen Patientinnen und Patienten, die entweder primär konservativ oder primär invasiv revaskularisiert wurden [9].

Binnen 3,6 Jahren Nachbeobachtung entwickelten genauso viele konservativ wie invasiv Behandelte eine CLTI. In der Gruppe der konservativ Behandelten waren im Verlauf aber nur halb so viele Interventionen nötig wie in der Gruppe der primär invasiv Behandelten. Die Gesamtmortalität blieb in beiden Gruppen nach zwei Jahren gleich, zeigte im 5-Jahres-Follow-up in der Gruppe der konservativ Behandelten jedoch deutlich bessere Raten (14,6 versus 19,5 Prozent).

Fazit

  • Nur zehn Prozent der pAVK-Betroffenen präsentieren eine Claudicatio intermittens, bei einem Großteil der Patientinnen und Patienten ist die pAVK durch Komorbiditäten maskiert.
  • Menschen mit pAVK haben schlechtere Überlebenschancen als Patientinnen und Patienten mit anderen Atherosklerose-Manifestationen und sollen deshalb primär- und sekundärprophylaktisch betreut werden.
  • Das Gehtraining steht mit dem konservativ-medikamentösen Management im Vordergrund der pAVK-Therapie, auch nach Revaskularisation. Die akute und die chronisch gliedmaßengefährdende Ischämie bedürfen hingegen der sofortigen Revaskularisation zur Verhinderung einer Amputation.

Die Autorin erklärt, dass sie sich bei der Erstellung des Beitrags nicht von wirtschaftlichen Interessen leiten ließ. Sie legt die folgenden potenziellen Interessenkonflikte offen: Vortragstätigkeit: Amgen GmbH, Bayer Health Care, Biomonde, Bristol-Myers Squibb/Pfizer Pharma GmbH, LEO Pharma, Paul Hartmann AG, Viatris. Beratungstätigkeit: Amgen GmbH, Bayer Health Care, Bristol-Myers Squibb/Pfizer Pharma GmbH.

Literatur:

  1. Hagemann SHJ et al. Cardiovascular risk factors and the risk of major adverse limb events in patients with symptomatic cardiovascular disease. Heart. 2020 Nov;106(21):1686-1692. doi: 10.1136/heartjnl-2019-316088
  2. Diehm C et al. High prevalence of peripheral arterial disease and co-morbidity in 6880 primary care patients: cross-sectional study. Atherosclerosis. 2004 Jan;172(1):95-105. doi: 10.1016/s0021-9150(03)00204-1
  3. Gornik HL et al. 2024 ACC/AHA/AACVPR/APMA/ABC/SCAI/SVM/SVN/SVS/SIR/VESS Guideline for the Management of Lower Extremity Peripheral Artery Disease: A Report of the American College of Cardiology/American Heart Association Joint Committee on Clinical Practice Guidelines. Circulation. 2024 Jun 11;149(24):e1313-e1410. doi: 10.1161/CIR.0000000000001251
  4. S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit. Version 4.3, Stand: 18.9.2024. AWMF-Registernummer: 065-003
  5. Guirguis-Blake JM et al. Screening for Peripheral Artery Disease Using the Ankle-Brachial Index: Updated Evidence Report and Systematic Review for the US Preventive Services Task Force. JAMA. 2018 Jul 10;320(2):184-196. doi: 10.1001/jama.2018.4250
  6. Deutsche Gesellschaft für Angiologie – Gesellschaft für Gefäßmedizin e.V. Liste der zertifizierten Rehazentren. https://www.dga-gefaessmedizin.de/qualitaetssicherung/zertifizierung-rehaklinik-mit-gefaessexpertise/liste-der-zertifizierten-rehazentren; Online-Zugriff 27.3.26.
  7. Cinciripini PM et al. Smoking Cessation After Initial Treatment Failure With Varenicline or Nicotine Replacement: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2024 May 28;331(20):1722-1731. doi: 10.1001/jama.2024.4183
  8. Gemeinsamer Bundesausschuss. Pressemitteilung vom 15.5.25: G-BA definiert Details des neuen Leistungsanspruchs auf Arzneimittel zur Tabakentwöhnung. Verfügbar unter: https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldungen/1256; Online-Zugriff 27.3.26.
  9. Shirasu T et al. Long-Term Outcomes of Exercise Therapy Versus Revascularization in Patients With Intermittent Claudication. Ann Surg. 2023 Aug 1;278(2):172-178.
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