“Soziale Probleme treten häufig als Vorboten oder als Begleiterscheinungen von Erkrankungen auf”, sagt Dr. Thomas Kloppe, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Hausärzte zählten dann zu den ersten Ansprechpartnern, die die Kombination von gesundheitlichen Beschwerden und sozialen Nöten erkennen können.
Dass sich eine systematische Vor-Ort-Vernetzung des Gesundheitssystems mit anderen Hilfesystemen auszahlt, wurde jüngst mit dem Modellvorhaben “LIPSY” des Bundesprogramms rehapro bestätigt: Vier Psychologinnen des Helios-Parkklinikums Leipzig hatten dazu direkt im Jobcenter Leipzig ein Screening und eine Diagnostik angeboten sowie weitere medizinische Hilfen vermittelt.
Je nach festgestellter Erkrankung und sozialer Lebenssituation waren den Betroffenen anschließend unterschiedliche Hilfen aus der Akutmedizin und der Rehabilitation angeboten worden.
Die Evaluation des Projektes “Leipzig – individuelle und professionelle Stabilisierung für psychisch kranke Menschen” (LIPSY) ist jüngst beim 35. Reha-Kolloquium in Leipzig vorgestellt worden. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hatte das Projekt von 2020 bis 2025 gefördert.
Verkürzte Wege führen zurück ins System
Die 12-Monats-Prävalenz psychischer Störungen bei Erwachsenen in Deutschland liegt bei rund 28 Prozent. Werden Betroffene arbeitslos, kann dies die gesundheitliche und soziale Lage schnell verschlechtern – etwa durch finanzielle Engpässe, reduzierte soziale Kontakte, das Wegfallen von strukturierenden, sinnstiftenden Aktivitäten.
LIPSY zielte darauf ab, psychische Erkrankungen bei den Empfängern von Bürgergeld frühzeitig zu erkennen, die Betroffenen ins medizinische Versorgungssystem zu lotsen und so deren Chancen auf eine Integration in den Arbeitsmarkt zu erhöhen.
“Wichtig war, dass die Integrationsfachkräfte im Jobcenter aktiv potenziell Betroffene angesprochen und auf die Sprechstunde der Psychologinnen vor Ort hingewiesen haben”, berichtete Dr. Maria Koschig. Die Psychologin vom Institut für Sozialmedizin der Uni Leipzig hat das Modellvorhaben wissenschaftlich begleitet.
Gut die Hälfte der Betroffenen (51,2 Prozent) waren weiblich, das Durchschnittsalter lag bei 36 Jahren. 89 Prozent von ihnen lebten eigenständig, lediglich 4,8 Prozent waren verheiratet. Etwa zehn Prozent hatten keinen Schulabschluss, gut 50 Prozent hatten Schulden und waren bereits knapp fünf Jahre arbeitslos. Etwa jeder Vierte hatte noch nie mehr als 14 Stunden pro Woche gearbeitet.
Trotz der Belastungen hatten etwa 40 Prozent der Betroffenen in den sechs Monaten vor Projekteintritt keine Hilfen bei psychischen Problemen in Anspruch genommen. “Indem wir die Wege zwischen Jobcenter und Klinik verkürzt haben, konnten wir die Betroffenen wieder in das Versorgungssystem einbinden”, sagt Koschig. “Das Ausmaß psychischer Belastung blieb während des Betrachtungszeitraumes von eineinhalb Jahren jedoch stabil.
Es ist mehr Zeit nötig, um innerhalb dieser schwer belasteten, unterversorgten und langzeitarbeitslosen Gruppe eine gesundheitliche Verbesserung abbilden zu können.”
Geplant ist, den im Rahmen des Projektes eingesetzten Screening-Bogen zu publizieren und ihn zum Einsatz in der Hausarztpraxis nutzbar zu machen.
Sozialanamnese – um dann an Kollegen zu verweisen
Denn auch Hausärztinnen und Hausärzte werden in ihrer Praxis mit sozialen Problemlagen konfrontiert. “Dann gilt es, den Raum dafür zu öffnen und die Patienten zu ihrem sozialen und beruflichen Leben zu befragen”, empfiehlt Kloppe.
Im Anamnesegespräch sollte die berufliche und finanzielle Lage angesprochen werden. Mit Nachfragen zu Wohnsituation, Familie und sozialem Umfeld lasse sich einschätzen, wie stark der Patient belastet ist und ob professionelle Unterstützung nötig ist.
Wichtig in der Praxis: Eine Sozialanamnese bedeute nicht, dass die Hausärztin oder der Hausarzt selbst eine soziale Beratung leisten müsse, unterstreicht Kloppe. Vielmehr gelte es, die Betroffenen zu ermutigen, entsprechende Hilfen in Anspruch zu nehmen, und ihnen beispielsweise die Adresse der nächsten allgemeinen Sozialberatung mitzugeben. (siehe Link-Tipp)
Diese Angebote seien leicht im Internet zu recherchieren, ein kurzer Anruf könne die Angaben konkretisieren. Auch wenn Patienten darauf dringen, ist eine “alleinige schnelle Krankschreibung oftmals nicht die Lösung”, sagt Kloppe. Zudem bringe es die Ärzte in das Dilemma, dass sie ein soziales Problem mit Instrumenten der Gesundheitsversorgung lösen sollen.
