© Hausen T, 2005 Abb. 2: Berücksichtigung des Gesundheitszustands der Patienten
Es gibt schon länger zahlreiche Studien, die einen nur beschränkten Nutzen einer Antibiotikumtherapie im Vergleich zur symptomatischen Therapie nachweisen konnten [7] , [8] . Das gilt auch für die Steptokokken-Angina [9] . Wir können demnach oft ohne nachteilige Folgen verzichten und eine spontane Besserung abwarten.
Schlussendlich können die Patientinnen und Patienten auch mit der Empfehlung entlassen werden, sich bei einer Verschlechterung umgehend wieder zu melden. Dabei hat die Erfahrung gezeigt, dass hier der Zusatz “selbst, wenn es sich bis morgen verschlechtert haben sollte!” unbedingt erfolgen muss (s. Fallbeispiel).
Fallbeispiel: Bei Verschlechterung wiederkommen!
Ein älterer Patient bat um einen Hausbesuch, weil es seiner Frau so schlecht gehe. Die Ehefrau hatte ihn lange vom Anruf beim Arzt zurückgehalten, weil ihr dieser bei der Vorstellung in der Praxis vor einigen Tagen gesagt hatte, es handle sich um eine harmlose Grippe. Beim Hausbesuch konnte eine Pneumonie diagnostiziert werden. Wegen des schlechten Allgemeinbefindens war eine Einweisung ins Krankenhaus unumgänglich.
Antibiotika korrekt auswählen
Die Auswahl und Verordnung von Antibiotika scheint oftmals eher der Mode als der Empirie zu folgen. In den 1980er Jahren waren Tetracycline die am meisten verordneten Substanzen. Nach deren zunehmendem Versagen folgten die Makrolide, Cephalosporine und zuletzt die Kombination aus Amoxicillin plus Clavulansäure.
Dabei ist es nicht nachvollziehbar, aus Gründen der Sicherheit vermehrt Amoxicillin mit Clavulansäure zu verordnen. Betalaktamase-Bildner zählen immer noch zu den seltenen Erregern, sodass nicht Sicherheit verordnet wird, sondern eher ein potenzieller Leberschaden.
Die Wahrscheinlichkeit des möglichen Erregers – also die Empirie – sollte die Wahl des Antibiotikums bestimmen! Je schmaler das Spektrum, desto erfolgreicher die Therapie und desto geringer die “Kollateralschäden”, vor allem auf das Mikrobiom und ausgelöste parallele Resistenzbildung!
Fallbeispiel: Eitrige Angina
Ein Kollege klagte: “Mir geht es schlecht! Ich habe eine eitrige Angina. Dabei nehme ich schon ein Breitbandantibiotikum und es wird nicht besser!” Vergessen hatte er offensichtlich, dass eine eitrige Angina fast ausschließlich von Streptokokken A ausgelöst wird und diese immer noch am besten auf Penicillin ansprechen.
Es gibt keine Therapie mit einem Antibiotikum, die so verblüffend erfolgreich ist wie die Penicillingabe bei diesem Infekt. Der Erfolg ist so sicher, dass es den Patientinnen und Patienten bereits nach den ersten 24 Stunden und dreimaliger Einnahme des Penicillins so deutlich besser gehen muss, dass die Diagnose als falsch angesehen werden muss, wenn dieser Erfolg ausbleiben sollte. Wichtigste Differenzialdiagnose dürfte ein Morbus Pfeiffer sein.
Richtig dosieren
Wenn Dosis und Einnahmefrequenz nicht stimmen, resultiert statt Erfolg eine Resistenzbildung. Die häufigste Fehldosierung erfolgt bei Amoxicillin. Dessen Dosis richtet sich nach dem Körpergewicht (zum Beispiel bis 75 kg 750 mg, darüber 1.000 mg). Auf jeden Fall unerlässlich ist eine dreimalige Einnahme pro Tag. Immer wieder wird jedoch ein Gramm Amoxicillin verordnet und die Einnahmehäufigkeit auf eine zweimalige Einnahme reduziert.
Was für die Patientinnen und Patienten angenehmer und für die Adhärenz besser ist, ist pharmakokinetisch ein grober Fehler. Im Verlauf von 24 Stunden wird die MHK90 unter dieser Fehldosierung mehrfach unterschritten; Misserfolg und Resistenzbildung sind vorprogrammiert. Bei Azithromycin und Levofloxacin ist die propagierte Einmalgabe ebenfalls eine Unterdosierung.
Vor der Therapie steht die Diagnose!
Je kürzer, desto besser!
Veraltete Vorgaben zur Therapiedauer (Pneumonie → 10 Tage, Sinusitis → 7 Tage, Bronchitis → 5 Tage) basieren auf der Überzeugung, dass alle Bakterien vernichtet werden müssen und eine zu kurze Dauer die Infektion wieder aufflackern lässt. Heute wissen wir es besser: Jeder Tag der Gabe eines Antibiotikums verlängert den Druck auf die Bakterien zur Resistenzbildung.
Außerdem intensiviert jeder Tag mit einem Antibiotikum den Schaden im Mikrobiom und fördert damit nicht nur akute Probleme wie eine Clostridium-difficile-Infektion, sondern vor allem die Gefahr chronischer Schäden. Zum Beispiel sind Morbus Crohn und Colitis ulcerosa unter anderem auf die häufige Einnahme von Antibiotika in der Kindheit zurückzuführen [10] .
Die Maxime für die Dauer einer Antibiotikumtherapie sollte unter diesen Umständen nicht nach starren Vorgaben, sondern nach der Klinik erfolgen! Denn der Infektion wird mit dem Antibiotikum so viel Power entzogen, dass der Körper den “Rest” wieder alleine erledigen kann.
Wir können den Patientinnen und Patienten sagen: “Wenn Sie ein Antibiotikum einnehmen und es Ihnen besser geht, Sie es aber noch ein paar Tage einnehmen sollten, rufen Sie mich an und wir entscheiden, ob Sie es absetzen können.” Inzwischen zeigen mehr als 150 Studien, dFass kurze Antibiotikaregime zu vergleichbaren Ergebnissen führen wie längere [11] , [12] , [13] . Der Vorteil ist auf jeden Fall eine geringere Resistenzbildung.
Lungenfunktion als “Wegweiser”
Bei der akuten Exazerbation der COPD ändert sich das Erregerspektrum mit der Lungenfunktion, das heißt bei fortgeschrittener Einschränkung der Lungenfunktion ist eher mit gramnegativen Erregern zu rechnen [14]. Wichtig zu wissen: Gramnegative Keime als mögliche Auslöser sind eine der wenigen Indikationen für eine Therapie mit Ciprofloxacin.
Fallbeispiel
5.3.: Frau S., 50 Jahre, Ex-Raucherin klagte über Frieren, Schwitzen und vermehrte Verschleimung ohne Besserung auf häufigere Inhalation. Kein Fieber, klinisch normales Atemgeräusch ohne Giemen mit leicht feuchten Rasselgeräuschen, CRP 50 mg/l.
Therapie: 50 mg Prednisolon für 5 Tage (Verteilung 2/3 morgens, 1/3 etwa 15 Uhr), Moxifloxacin 400 mg 1 x 1 (ein Fehler (s.u.)!).
8.3.: Wiedervorstellung zur Kontrolle. Keine Besserung, zusätzlich Engegefühl; CRP 100 mg/l, Leukozyten 7.200/µl, Lymphozyten 19,9%, Segmentkernige 71,3%. Lungenfunktion: FEV1 < 35% des Sollwerts, daher Problemkeime wahrscheinlich.
Therapie: Ciprofloxacin 500 mg 2 x 1.
12.3.: Subjektiv Besserung bei Schlappheit; CRP < 10 mg/l.
Erläuterung: Die Patientin entwickelte eine akute Exazerbation, bei der der Auskultationsbefund und der leicht erhöhte CRP-Wert für eine bakterielle Ursache sprachen. Unter dem verordneten Antibiotikum verschlechterte sich das Krankheitsbild. Der ansteigende CRP-Wert bestätigte den Misserfolg. Mit dem Wechsel auf eine Substanz, die der FEV1 (<35%) entsprechend gegen die Problemkeime ausgerichtet ist, trat Besserung ein.
Fazit
Die Vorgabe für eine Therapie mit einem Antibiotikum muss lauten:
So oft wie nötig, aber so selten wie eben möglich.
Wenn, dann das richtige Antibiotikum
in der korrekten Dosis und Frequenz
und so kurz wie möglich.
Interessenskonflikte: Der Autor gibt folgende Interessenkonflikte an: Honorar für Artikel: Pari; Beratung: Cegla.
Literatur:
Hausen T. Pneumologie für die Praxis – Akute und chronische Atemwegserkrankungen mit Besonderheiten im fortschreitenden Alter. Elsevier Verlag, 2018.
Hausen T. CRP: Entscheidungshilfe für oder wider Antibiotika. Der Hausarzt, 16/2020.
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