Tatsächlich erwiesen sich in Untersuchungen vor der Covid-19-Pandemie fast zwei Drittel (65,7) der Teilnehmenden als resilient, immerhin knapp 21 Prozent konnten mit der Belastung gut umgehen und erholten sich bald wieder. Nur ein kleiner Teil (ca. neun Prozent) zeigte eine verzögerte Erholung und bei rund 10 Prozent kam es zu einer Chronifizierung des psychischen Belastungszustandes [1].
Vergleichbare Zahlen finden sich für die Zeit nach der Covid-19-Pandemie – auch hier war die häufigste Reaktionsform die Resilienz (66 Prozent), also die Aufrechterhaltung der psychischen Gesundheit [2].
“Ein gesellschaftlich relevanter Aspekt ist dabei, dass ein höherer sozioökonomischer Status sowie ein höherer Bildungsgrad wesentliche Schutzfaktoren für die Resilienz darstellen”, berichtete Prof. Klaus Lieb, Mainz. Weitere Schutzfaktoren sind ein höheres Alter (> 60 Jahre) und männliches Geschlecht.
Resilienz ist ein Adaptionsprozess
“In der Forschung ist die Resilienz als ein Outcome definiert; sie gilt also nicht als stabile Persönlichkeitseigenschaft, sondern entspricht der Adaptation an eine Stressbelastung, die wir anhand von Langzeitverläufen untersuchen können”, erklärte Lieb.
So wurde beispielsweise in der längsschnittlichen Beobachtungsstudie LORA (Longitudinal Assessment of Resilience) über mehrere Jahre hinweg beobachtet, wie Stress und psychische Verfasstheit bei den Probanden zusammenwirken [3].
Anhand dieses Wechselspiels lassen sich laut Lieb Resilienzmechanismen ableiten und Resilienzfaktoren beschreiben – rund 150 Resilienzfaktoren sind bereits bekannt.
Zu den Top 5 der Resilienzfaktoren zählen Lieb zufolge die dispositionelle Resilienz (eine angeborene, genetisch beeinflusste Veranlagung für psychische Widerstandsfähigkeit), eine gute soziale Unterstützung, ein Kohärenzgefühl (bestehend aus den Komponenten Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit, Sinnhaftigkeit), eine erlebte Selbstwirksamkeit sowie eine gute, erfüllende Partnerschaft [4].
Darüber hinaus unterstützen beispielsweise auch die kognitive Flexibilität und Optimismus die Resilienz. “Wir gehen davon aus, dass solche Resilienzfaktoren in der Auseinandersetzung mit Stressoren bestimmte Mechanismen im Gehirn aktivieren, so dass das Gehirn als Resilienzorgan den Adaptationsprozess in Gang setzt, zum Beispiel eine positive Neubewertung der Stressoren”, verdeutlichte der Psychiater.
Stress kann wie eine Impfung wirken
Wie die Forschung zeigt, ist es gar nicht so günstig, sich jede Belastung vom Leib zu halten. Denn Menschen, die in Ihrem Leben bereits einmal eine Stresssituation gut überstanden haben, können mit neuen Belastungen oft besser umgehen, sind also quasi “geimpft” gegen Stress. Möglich ist sogar, dass sie nach einer gut gemeisterten Krise über sich hinauswachsen, also anschließend ein höheres Level an psychischer Stabilität erreichen als zuvor.
In der Fachwelt spricht man von “posttraumatischem Wachstum”. Allerdings geht man Lieb zufolge heute davon aus, dass es Kipppunkte gibt, deren Überschreiten zu einer permanenten Systemveränderung führt – etwa einer Depression – dann ist viel Kraft erforderlich, um diesen Zustand wieder rückgängig zu machen. “Daher gilt es, die Resilienz zu stärken, bevor ein solcher Zustand eintritt”, betonte der Resilienzforscher.
Digitale Interventionen im Kommen
Die bisher üblichen Resilienz-Interventionen für Risikogruppen umfassen beispielsweise Entspannungsübungen, Psychoedukation, Emotionsregulation oder Problemlösungsstrategien.
“Diese Methoden sind weit weg von dem, was wir eigentlich benötigen, nämlich der Auseinandersetzung mit dem Stressor und die anschließende Förderung der Resilienz-Mechanismen”, erklärte Lieb. Auch bei den bislang erreichten Effektstärken ist Lieb zufolge noch Luft nach oben.
Zunehmend verbreiten sich auch digitale Ansätze. In einer Meta-Analyse mit 101 randomisiert kontrollierten Studien zeigte die digitale Resilienz-Unterstützung geringe positive Auswirkungen auf psychische Belastungen, die psychische Gesundheit sowie Resilienzfaktoren [5].
Diese Effekte blieben über eine kurze Nachbeobachtungszeit stabil und waren vergleichbar mit denen persönlicher Interventionen. “Die Abbruchraten sind bei digitalen Angeboten jedoch höher als bei face-to-face Interventionen”, berichtete der Experte.
Verhaltens- und Verhältnis-Prävention
Im Hinblick auf psychische Gesundheit umfasst die Verhaltensprävention etwa Maßnahmen zur Stressreduktion, zum Zeitmanagement aber auch z.B. Sportwochen an Hochschulen. “Für sehr wichtig halte ich, Überforderungssituationen zu vermeiden”, mahnte Lieb.
Entgegen der weit verbreiteten Ansicht, dass im Home-Office weniger gearbeitet würde, sieht Lieb hier eher die Gefahr der Überarbeitung, da die Trennung zwischen Arbeitsplatz und Privatbereich entfalle.
“Wir beobachten eine höhere Produktivität im Home-Office”, erklärte Lieb. Im Sinne der Verhaltensprävention und der Förderung der Resilienz kann im hausärztlichen Bereich insbesondere die Selbstfürsorge, eine gute Schlafhygiene sowie regelmäßige Bewegung empfohlen werden. “Diese Maßnahmen sind auch für die psychische Gesundheit extrem wichtig”, betonte Lieb.
Die Verhältnisprävention betrifft dagegen Veränderungen der biologischen, sozialen oder technischen Umwelt. Darunter fallen beispielsweise die Optimierung von Arbeits- oder Studienbedingungen oder das Führungskräftecoaching.
Quelle: Öffentliche Vorlesungsreihe “Depression im Dialog” im Rahmen des allgemeinmedizinischen DFG-Graduiertenkollegs POKAL, gefördert von der Stiftung Allgemeinmedizin. Session: Resilienz Was macht uns widerstandsfähig gegen psychische Erkrankungen?
Literatur:
