Viele Patientinnen und Patienten fragen mittlerweile gezielt nach Semaglutid, gleichzeitig werden mögliche Nachteile der Therapie kontrovers diskutiert. Was bedeutet das für die hausärztliche Praxis?
Semaglutid stellt derzeit eine der wirksamsten medikamentösen Optionen zur Behandlung der Adipositas dar.
Adipositas zählt zu den häufigsten chronischen Erkrankungen in der hausärztlichen Versorgung. Sie ist mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes, arterielle Hypertonie, kardiovaskuläre Erkrankungen, Schlafapnoe, Arthrose und zahlreiche weitere Folgeerkrankungen verbunden. Gleichzeitig erleben viele Betroffene die Erkrankung als belastend, da langfristige Gewichtsreduktionen trotz erheblicher Bemühungen oft ausbleiben.
In den vergangenen Jahren haben GLP-1-Rezeptoragonisten die medikamentöse Behandlung der Adipositas grundlegend verändert. Insbesondere Semaglutid hat durch die in Studien beobachteten ausgeprägten Gewichtsverluste große Aufmerksamkeit erhalten.
Viele Patientinnen und Patienten fragen mittlerweile gezielt nach einer Therapie mit Semaglutid. Gleichzeitig werden die hohen Kosten, die langfristige Therapiedauer sowie mögliche Nebenwirkungen kontrovers diskutiert.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie wirksam Semaglutid tatsächlich ist und welche Evidenz für klinisch relevante Endpunkte vorliegt. Ein aktueller Cochrane-Review [1] untersuchte diese Fragestellung anhand randomisierter kontrollierter Studien systematisch und bewertete sowohl Nutzen als auch potenzielle Risiken der Therapie.
Fazit für die Hausarztpraxis
Der Cochrane-Review umfasst 18 randomisierte Studien mit insgesamt 27.949 Erwachsenen mit Adipositas oder Übergewicht. Die Ergebnisse zeigen konsistent, dass Semaglutid zu einer deutlichen und klinisch relevanten Gewichtsreduktion führt. Im Vergleich zu Placebo verloren die Teilnehmenden durchschnittlich rund 11 Prozent mehr ihres Ausgangsgewichts. Zudem erreichten deutlich mehr Personen eine Gewichtsabnahme von mindestens 5 bzw. 10 Prozent ihres Ausgangsgewichts.
Gleichzeitig traten unter Semaglutid häufiger unerwünschte Wirkungen auf. Vor allem gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall wurden häufiger berichtet. Schwere unerwünschte Ereignisse waren insgesamt selten und unterschieden sich nicht eindeutig zwischen den Gruppen. Therapieabbrüche aufgrund von Nebenwirkungen waren jedoch häufiger als unter Placebo.
Für klinisch besonders relevante Endpunkte wie Mortalität, Lebensqualität oder schwere kardiovaskuläre Ereignisse bleibt die Evidenz bislang begrenzt. Die Ergebnisse deuten zwar auf mögliche Vorteile hin, erlauben derzeit jedoch noch keine abschließende Beurteilung des langfristigen Nutzens.
Für die hausärztliche Praxis bedeutet dies: Semaglutid stellt derzeit eine der wirksamsten medikamentösen Optionen zur Behandlung der Adipositas dar. Die Therapie sollte jedoch nicht isoliert als kurzfristige “Abnehmspritze”, sondern als Bestandteil eines langfristigen Behandlungskonzepts verstanden werden. Grundlage bleiben weiterhin Ernährungsumstellung, Bewegung und Verhaltensänderungen. Nutzen, Risiken, Kosten und individuelle Therapieziele sollten gemeinsam mit den Betroffenen besprochen werden.
Für die Umsetzung in der Hausarztpraxis sind zudem eine sorgfältige Indikationsstellung, realistische Erwartungssteuerung und strukturierte Verlaufskontrollen entscheidend. Neben dem Gewicht müssen auch Verträglichkeit, ggf. Laborparameter, Lebensqualität und alltagsrelevante Therapieziele überprüft werden.
Wichtig sind zudem die Aufklärung über mögliche gastrointestinale Nebenwirkungen, Kostenfragen, die notwendige Langfristigkeit der Behandlung und das Risiko einer erneuten Gewichtszunahme nach Absetzen.
Insgesamt nimmt die Hausarztpraxis bei der Semaglutid-Behandlung eine zentrale Rolle ein: Sie kann die Therapie einordnen, begleiten, Nebenwirkungen früh erkennen und bei Bedarf Ernährungsberatung, Bewegungstherapie, psychosoziale Unterstützung oder spezialisierte Adipositasversorgung einbinden.
Interessenkonflikte:
Die Autorin und der Autor sind die Verfasser des Buchs “Evidenz für die Hausarztpraxis”. Dr. Schmidt-Haghiri erklärt, dass darüber hinaus keine Interessenkonflikte bestehen.
Prof. Schelling legt folgende potenzielle Interessenkonflikte offen: Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Gesellschaft zur Förderung der Impfmedizin mbH (GZIM). Vorträge und/oder Beratung: Alexion, GSK, MSD, Sanofi, Pfizer, BioNTech, Moderna, Takeda, Bavarian Nordic, Viatris, Seqirus, Novartis, Kassenärztliche Vereinigung Bayern/Nordrhein, LGL – LAGI, LGL – LARE, BLÄK, ÄKN, BHÄV.
Literatur:
Bracchiglione J et al. Semaglutide for adults living with obesity. Cochrane Database of Systematic Reviews 2025, Issue 10. Art. No.: CD015092. doi:10.1002/14651858.CD015092.pub2
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