Wichtige Rolle des Hausarztes
Immer mehr Patienten und immer komplexere Krankheitsbilder bei gleichzeitig knapper werdenden Ressourcen – Wie kann unter diesen Bedingungen eine verlässliche medizinische Primärversorgung gelingen? Ein besonderer Fokus des Kongresses wurde deshalb auch auf die hausärztliche Medizin gerichtet.
Denn schon heute nehmen 17.800 Internisten und Internistinnen an der hausärztlichen Primärversorgung teil. Charakterisiert wird die hausärztliche Tätigkeit durch eine breite Themenvielfalt im Alltag der Praxis.
Beim Kongress wurden neben klinischen Fragestellungen auch grundlegende systemische Themen diskutiert: Wie kann das Primärarztsystem in Deutschland künftig aussehen? Welche Aufgaben können sinnvoll delegiert werden? Wie sollte die Versorgung effizient und patientenzentriert organisiert werden? “Wir brauchen neue Versorgungswege, denn die alten reichen nicht mehr”, so Führer-Sakel.
Hausärztliche Medizin ist weit mehr als die erste Anlaufstelle im System. Sie übernimmt eine koordinierende Rolle, verbindet Prävention, Diagnostik und Langzeitbetreuung und ist entscheidend für die Qualität der Versorgung. Gerade in der hausärztlichen Praxis wird sichtbar, wie sich der Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin konkret auswirkt – hin zu einer stärker präventiven, vernetzten und patientenzentrierten Versorgung.
Prävention ist die Zukunft der Medizin
“Wir erleben derzeit keinen schrittweisen Fortschritt, sondern einen echten Paradigmenwechsel”, erläuterte die Kongresspräsidentin Frau Prof. Dagmar Führer-Sakel, Essen. Die Innere Medizin müsse sich deshalb stärker fragen, welche Innovationen nutzen und wie man wissenschaftliche Erkenntnisse schneller, differenzierter und gerechter in die Versorgung einbringen könne.
Im Fokus stehen Themen, die sowohl den medizinischen Alltag als auch die Organisation der Versorgung verändern. Das Spannungsfeld umfasse auch Themen wie moderne Präventionskonzepte und den Einsatz der KI bzw. die digitale Transformation.
“Wenn es einen Bereich gibt, in dem wir in der Medizin tatsächlich umdenken müssen, dann ist es die Prävention”, so Führer-Sakel. Die Prävention sei systemrelevant. Es müsse gelten: Prävention statt Reparatur. In der Prävention liege der Schlüssel für die Medizin der Zukunft.
Lungenkrebsscreening gestartet
Lungenkrebs ist in Deutschland weiterhin die häufigste krebsbedingte Todesursache. Jährlich erkranken 58.000 Menschen neu und 45.000 sterben an dieser Erkrankung. Eine wesentliche Ursache für die schlechte Prognose ist die unspezifische Symptomatik und die sich daraus ergebende verzögerte Diagnosestellung.
“Der Zeitpunkt der Diagnosestellung entscheidet maßgeblich über die Prognose”, sagte Prof. Tim O. Hirche, Wiesbaden. Internationale Studien hätten gezeigt, dass ein regelmäßiges Screening mittels Niedrigdosis-CT die Lungenkrebs-bedingte Sterblichkeit signifikant senken kann. Damit lassen sich häufig die Tumore in einem Frühstadium erkennen, in dem eine Heilung noch möglich ist.
Am 1. April dieses Jahres startete ein Früherkennungsprogramm der gesetzlichen Krankenkassen. Es richtet sich an Menschen im Alter von 50 bis 75 Jahren, die über viele Jahre geraucht haben oder weiterhin rauchen. Dies gilt in Deutschland für 3 bis 5 Millionen Menschen. Moderne CT-Techniken machen das Screening heute besonders schonend. “Die Strahlenbelastung ist gering, die diagnostische Aussagekraft hoch”, so Hirche. So eröffnet sich eine realistische Chance, die Prognose deutlich zu verbessern.
Fortschritte in der Diabetologie
“Neue Technologien und eine erstmals verfügbare Immuntherapie verändern die Diabetesversorgung grundlegend”, so Prof. Annie Mathew, Essen. Neue Systeme zur automatisierten Insulinsteuerung seien ein wesentlicher Fortschritt, d.h. sie funktionieren wie eine “digitale Bauchspeicheldrüse”.
Ein Sensor misst kontinuierlich den Glukosewert und ein Algorithmus berechnet in Echtzeit den Insulinbedarf, bevor eine Pumpe automatisch die Insulinmenge abgibt und dies rund um die Uhr. Leitlinien empfehlen ein solches System für Menschen mit einem Typ-1-Diabetes und für solche mit einem Typ-2-Diabetes unter einer intensivierten Insulintherapie. Statt ständiger Eigenkontrolle unterstützt ein solches System die Steuerung und schafft mehr Sicherheit, mehr Freiheit und eine deutlich höhere Lebensqualität.
Mit dem Wirkstoff Teplizumab steht seit Anfang 2026 erstmals eine Therapie zur Verfügung, die bei Menschen im Frühstadium eines Typ-1- Diabetes das Fortschreiten zur klinisch manifesten Erkrankung deutlich verzögern kann. “Das verschafft Betroffenen wertvolle Zeit ohne Insulinpflicht”, so Mathew.
Adipositas ist mehr als Übergewicht
Das Paradigma, dass Adipositas eine bloße Fortsetzung von Übergewicht ist, gilt nicht mehr. “Neue Erkenntnisse aus der Stoffwechselforschung zeigen: Entscheidend für gesundheitliche Risiken ist nicht primär die Menge an Körperfett, sondern die Fähigkeit des Körpers, überschüssige Energie sicher zu speichern und im Organismus richtig zu verteilen”, so Prof. Dr. Michael Stumvoll, Leipzig. Wenn diese Regulation gestört sei, werde Fett vermehrt in Organen wie der Leber abgelagert. Nicht die Fettmenge sei entscheidend sondern die Stoffwechselantwort.
Im Zentrum der aktuellen Forschung steht das Fettgewebe selbst. Es fungiert als hormonell aktives Organ, das zentrale Stoffwechselprozesse steuert. “Die Umwandlung überschüssiger Energie in Fett ist ein evolutionär sinnvoller Schutzmechanismus”, so Stumvoll.
Wird diese Speicherfunktion jedoch gestört oder dauerhaft gefordert, kommt es zu einer krankhaften Fettverteilung mit Ablagerungen in Herz, Leber und Muskulatur. Diese Prozesse gelten als entscheidender Treiber für die Insulinresistenz und weitere metabolische Folgeerkrankungen.
Entscheidend ist nicht allein, wie viel wir essen, sondern was wir essen, wie wir essen und ob der Körper Energie speichern, richtig verteilen und wieder freisetzen kann. Adipositas sollte deshalb als systemische Erkrankung verstanden werden, da mehrere Organsysteme eng miteinander interagieren. Dies bedeute, so Stumvoll, dass wir weg kommen müssen von einer eindimensionalen Betrachtung des Körpergewichts hin zu einer differenzierten Risikobewertung.
