Hiermit loggen Sie sich bei DocCheck aus.
Abbrechen

Motivation zur VeränderungErmutigen statt belehren: So gelingt das motivierende Gespräch

"Ich weiß ja, dass ich mich mehr bewegen sollte – aber ich schaffe es einfach nicht." Solche Aussagen spiegeln die innere Zerrissenheit vieler Patientinnen und Patienten wider. Wie gelingt es, die vorhandene Einsicht wertschätzend in echte Veränderungsbereitschaft zu überführen?

Viele Menschen sind zwar grundsätzlich bereit, ihren Lebensstil zu verändern, aber ambivalent gegenüber konkreten Maßnahmen.

Gespräche über Lebensstilveränderungen gehören zum hausärztlichen Alltag, insbesondere wenn es darum geht, über Gesundheitsrisiken aufzuklären und präventive Maßnahmen zu empfehlen.

Dabei kann es auf Abwehr stoßen, wenn Patientinnen und Patienten das Gefühl haben, dass ihnen Entscheidungen vorgegeben werden. [1]

Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass viele Menschen grundsätzlich bereit sind, etwas an ihrem Lebensstil zu verändern, jedoch ambivalent gegenüber konkreten Maßnahmen sind. Diese Ambivalenz ist kein Zeichen fehlender Motivation, sondern ein normaler Bestandteil von Veränderungsprozessen: Sie spiegelt die gleichzeitige Existenz von Gründen für und gegen eine Veränderung wider. [2]

Motivation entsteht im Gespräch

Vor diesem Hintergrund zielt die motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing, MI) darauf ab, Patientinnen und Patienten in ihrer eigenen Veränderungsbereitschaft zu unterstützen – ohne Druck oder moralischen Zeigefinger.

Ursprünglich wurde MI in den 1980er-Jahren von William R. Miller entwickelt und in den folgenden Jahren gemeinsam mit Stephen Rollnick weiter ausgearbeitet und auf verschiedene Anwendungsbereiche übertragen.

Heute wird die Methode in zahlreichen Kontexten eingesetzt, insbesondere bei der Unterstützung von Lebensstilveränderungen wie körperlicher Aktivität, Ernährung, Gewichtsmanagement, Raucherentwöhnung oder der Verbesserung der Therapietreue. [2]

Merke: Im Gegensatz zu klassischen beratenden Ansätzen steht bei der motivierenden Gesprächsführung nicht das Überzeugen oder Belehren im Vordergrund, sondern die persönlichen Beweggründe der Betroffenen für eine Veränderung herauszuarbeiten und deren eigene Motivation gezielt zu stärken. [3]

Die Haltung entscheidet

Ein wesentlicher Grundbaustein des MI ist die Autonomie-Orientierung: die Überzeugung, dass Menschen die Fähigkeit zur Veränderung grundsätzlich in sich tragen und in ihren Entscheidungen respektiert werden sollten. Daraus ergibt sich eine partnerschaftliche Gesprächsführung, bei der Ärzte als unterstützende Begleiter auf Augenhöhe agieren und individuelle Perspektiven und Erfahrungen ernst nehmen, unabhängig davon, wie diese aus fachlicher Sicht bewertet werden.

Darauf aufbauend verfolgt das MI das Prinzip der Evokation: Die Motivation zur Veränderung wird nicht vorgegeben, sondern aus dem Gegenüber heraus entwickelt.

Für die Praxis bedeutet das, dem Impuls zu widerstehen, durch Argumente oder Ratschläge direkt überzeugen zu wollen. Denn dieser sogenannte “righting reflex” kann insbesondere bei ambivalenten Personen Widerstand verstärken und die Veränderungsbereitschaft eher verringern. [1], [2], [3]

Ziel der motivierenden Gesprächsführung ist es, die Ambivalenz sichtbar zu machen und die Betroffenen dabei zu unterstützen, eigene Gründe für eine Veränderung zu formulieren. [1], [3] Im Gespräch zeigt sich dies in unterschiedlichen Äußerungen, die entweder für eine Veränderung sprechen (“change talk”) oder den aktuellen Zustand stützen (“sustain talk”).

Die Gesprächsführung zielt darauf ab, “change talk” gezielt zu fördern, während “sustain talk” zwar empathisch aufgenommen, aber nicht weiter verstärkt wird. So entwickeln Patientinnen und Patienten zunehmend eigene Argumente für eine Veränderung und bewegen sich schrittweise in diese Richtung. [2]

So lenkt MI das Gespräch

Im Praxisalltag lässt sich MI als strukturierter, aber flexibler Prozess verstehen, der sich aus mehreren aufeinander bezogenen Schritten zusammensetzt und sich an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten orientiert (s. Tabelle). [3]

Am Beginn steht der Aufbau einer vertrauensvollen Gesprächsbasis (“engaging”), bei dem durch empathisches Zuhören und offene Fragen eine sichere und kooperative Gesprächsatmosphäre geschaffen wird. Dies kann beispielsweise durch offene Einstiegsfragen gelingen wie: “Können Sie mir mehr darüber erzählen, was Sie im Moment beschäftigt?” oder “Gibt es etwas, was Sie für Ihre Gesundheit verändern möchten?”

Gemeinsam den Fokus festlegen

Im weiteren Verlauf wird gemeinsam ein Fokus für das Gespräch festgelegt (“focusing”), indem die verschiedenen Anliegen der Betroffenen strukturiert und priorisiert werden, etwa mit Fragen wie: “Sie haben mehrere Themen angesprochen – wollen wir gemeinsam entscheiden, wie wir beginnen?” oder “Was bereitet Ihnen aktuell die meisten Sorgen?” [2], [3]

Aufbauend darauf folgt die Phase der Evokation, in der gezielt die intrinsische Motivation der Patientinnen und Patienten gefördert wird, indem deren eigene Gründe, Wünsche und Ziele für eine Veränderung herausgearbeitet werden. [3] Hierbei spielen offene Fragen, Reflexionen und das aktive Aufgreifen von Aussagen eine zentrale Rolle, zum Beispiel: “Ich frage mich, wie sich Ihr Alltag verändern würde, wenn Sie damit beginnen würden” oder “Inwiefern ist Ihnen diese Veränderung wichtig?”

Gleichzeitig können Skalierungsfragen eingesetzt werden, um die Bedeutung einer Veränderung greifbar zu machen, etwa: “Auf einer Skala von 0 bis 10 – wie wichtig ist Ihnen das?” [2]

Anschließend kann durch gezieltes Nachfragen, warum keine niedrigere Zahl gewählt wurde, der sogenannte “change talk” weiter verstärkt werden, da Betroffene beginnen, eigene Argumente für eine Veränderung zu formulieren. Ergänzend können Affirmationen eingesetzt werden, um positive Eigenschaften, Anstrengungen oder Fortschritte zu würdigen und so Selbstwirksamkeit und Motivation zu stärken, etwa durch Aussagen wie: “Es ist beeindruckend, dass Sie sich trotz Schwierigkeiten weiterhin mit Ihrer Gesundheit auseinandersetzen.” [2]

Zusammenfassungen strukturieren das Gespräch und können gezielt Aussagen hervorheben, die auf Veränderung ausgerichtet sind, zum Beispiel mit Formulierungen wie: “Lassen Sie mich kurz zusammenfassen, was ich bisher verstanden habe … Habe ich etwas übersehen?” [2]

Wenn ausreichend Motivation entstanden ist, folgt die Planungsphase (“planning”), in der gemeinsam ein konkreter Handlungsplan entwickelt wird, der möglichst spezifisch und alltagsnah formuliert ist. [3] Dies kann eingeleitet werden mit Fragen wie: “Möchten Sie einen verbindlichen Plan für die nächsten zwei bis drei Wochen entwickeln?” oder “Was könnten Sie in den kommenden Wochen konkret umsetzen?”

Dabei zeigt sich, dass konkrete und klar formulierte Ziele die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung erhöhen, weshalb allgemeine Vorsätze in spezifische Handlungen übersetzt werden sollten. [2]

Verbindlichkeit stärken

Um die Verbindlichkeit zu stärken, kann der Patient gebeten werden, den Plan in eigenen Worten zu wiederholen, wodurch Struktur geschaffen und Missverständnisse vermieden werden. Ergänzend kann das Vertrauen in die Umsetzung überprüft werden, beispielsweise durch eine Einschätzung auf einer Skala von 0 bis 10. Liegt die Einschätzung vergleichsweise niedrig, kann gemeinsam nach Anpassungsmöglichkeiten gesucht werden, um den Plan realistischer zu gestalten.

Abschließend kann die Umsetzung durch unterstützende Maßnahmen begleitet werden, etwa durch Follow-up-Termine, die Einbindung von Bezugspersonen oder einfache Formen der Selbstbeobachtung, um die Verhaltensänderung langfristig zu stabilisieren. [2]

Insgesamt zeigt sich, dass die Kombination aus strukturierter Gesprächsführung, gezielten Fragen und einer wertschätzenden Haltung dazu beiträgt, dass Patientinnen und Patienten ihre eigene Motivation entwickeln und konkrete Schritte zur Veränderung umsetzen. [1], [2], [3]

Fazit

  • Motivierende Gesprächsführung bedeutet, Patientinnen und Patienten nicht zu überzeugen, sondern ihre eigene Motivation zur Veränderung gezielt zu aktivieren.
  • In der Praxis gelingt das vor allem durch offene Fragen, aktives Zuhören und “change talk”: Hierbei wird Widerstand mit Empathie begegnet, anstatt ihn durch Konfrontation zu verstärken.
  • Die Wahrscheinlichkeit für eine nachhaltige Verhaltensänderung steigt, wenn es gelingt, diese intrinsische Motivation direkt mit einem konkreten, realistischen Handlungsschritt zu verknüpfen.

Quellen:

  1. Medical Tribune: Wie klappt das motivierende Patientengespräch in der ärztlichen Praxis? Zuletzt geprüft am 12.05.2026
  2. Cole SA, Sannidhi D, Jadotte YT, Rozanski A: Using motivational interviewing and brief action planning for adopting and maintaining positive health behaviors. Progress in cardiovascular diseases 2023; 77: 86-94
  3. Deutsche Psychologen Akademie: Motivierende Gesprächsführung – Eine evidenzbasierte Methode. Zuletzt geprüft am 15.05.2026
E-Mail-Adresse vergessen? Schreiben Sie uns.
Passwort vergessen? Sie können es zurücksetzen.
Nur wenn Sie sich sicher sind.

Sie haben noch kein Passwort?

Gleich registrieren ...

Für Hausärztinnen und Hausärzte, Praxismitarbeitende und ÄiW (Allgemeinmedizin und Innere Medizin mit hausärztlichem Schwerpunkt) ist der Zugang immer kostenfrei.

Mitglieder der Landesverbände im Hausärztinnen- und Hausärzteverband profitieren außerdem von zahlreichen Extras.

Hier erfolgt die Registrierung für das Portal und den Newsletter.


Persönliche Daten

Ihr Beruf

Legitimation

Die Registrierung steht exklusiv ausgewählten Fachkreisen zur Verfügung. Damit Ihr Zugang freigeschaltet werden kann, bitten wir Sie, sich entweder mittels Ihrer EFN zu legitimieren oder einen geeigneten Berufsnachweis hochzuladen.

Einen Berufsnachweis benötigen wir zur Prüfung, wenn Sie sich nicht mittels EFN autorisieren können oder wollen.
(max. 5 Dateien; PDF, JPG, PNG oder TIF)

Mitglied im Hausärzteverband
Mitglieder erhalten Zugriff auf weitere Inhalte und Tools.
Mit der Registrierung als Mitglied im Hausärzteverband stimmen Sie zu, dass wir Ihre Mitgliedschaft überprüfen.

Newsletter
Sie stimmen zu, dass wir Ihre E-Mail-Adresse für diesen Zweck an unseren Dienstleister Mailjet übermitteln dürfen. Den Newsletter können Sie jederzeit wieder abbestellen.

Das Kleingedruckte
Die Zustimmung ist notwendig. Sie können Sie jederzeit widerrufen, außerdem steht Ihnen das Recht zu, dass wir alle Ihre Daten löschen. Jedoch erlischt dann Ihr Zugang.
Newsletter abbestellen

Wenn Sie den Newsletter abbestellen wollen, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an und wählen Sie die gewünschte Funktion. Wir senden Ihnen dann eine E-Mail zur Bestätigung.