Weiterhin Verbesserungspotenzial
Mehr als die Hälfte der kardiovaskulären Krankheitslast ist auf modifizierbare Risikofaktoren zurückzuführen. Die gezielte Kontrolle dieser Risikofaktoren vor allem Hypertonie und Rauchen ist mit deutlich mehr gesunden Lebensjahren verbunden. Für einzelne Risikofaktorkonstellationen wurden Gewinne von 15 Jahren ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung oder vorzeitigen Tod beschrieben.
Der EU-Safe-Hearts-Plan für Deutschland greift dies auf, wobei als zentrale Handlungsfelder Prävention, Früherkennung und auch eine effiziente und gerechte Versorgung definiert sind. Ziele sind regelmäßige Screenings der kontrollierbaren Risikofaktoren, genauer gesagt der “3Bs” nämlich Blutdruck, Blutfette und Blutzucker.
Aktuelle Daten zeigen, dass das Verbesserungspotenzial bei der Prävention auch in Deutschland nach wie vor hoch ist. Das Nationale Herz-Netz stellt ein zentrales Puzzlestück für die Umsetzung des EU-Hearts-Plan in Deutschland dar (Stefan Blankenberg, Hamburg).
Kardiovaskuläres Kontinuum
Kardiovaskuläre Erkrankungen entstehen nicht spontan und nicht isoliert. Vielmehr entwickeln sie sich über Jahre entlang eines Kontinuums. Von ersten atherosklerotischen Veränderungen über das akute Koronarsyndrom und Vorhofflimmern bis hin zu Herzklappenerkrankungen und Herzinsuffizienz greifen pathophysiologische Prozesse eng verzahnt ineinander und verstärken sich gegenseitig.
Lange wurde dieses ineinandergreifende Fortschreiten im Sinne einer Abfolge als kaum aufzuhalten betrachtet. Doch genau hier setzt die moderne Herzmedizin an. Sie versucht, dieses Kontinuum an mehreren Punkten gleichzeitig aufzubrechen und zwar durch eine frühzeitige Diagnostik, moderne individualisierte Therapien und eine engmaschige Nachsorge.
Ein Blick auf die Entwicklung der Atherosklerose zeigt, wie früh kardiovaskuläre Erkrankungen beginnen. Über Jahrzehnte entstehen aus initialen Gefäßveränderungen klinisch relevante Ereignisse wie Herzinfarkte. Zwar belegen Daten aus dem Deutschen Herzbericht rückläufige Mortalitätsdaten bei KHK, doch dieser Trend flacht ab. Ein Blick in europäische Nachbarländer legt nahe, dass dem nicht so sein müsste (Stephan Willems, Hamburg).
KI bereichert die Diagnostik
Die Diagnostik entwickelt sich rasant: Neben etablierten kommen zunehmend KI-basierte Verfahren zum Einsatz. In einer Analyse wurde anhand von KI-gestützten EKG-Daten ein 4- bis 24-fach erhöhtes Risiko für das spätere Auftreten einer Herzinsuffizienz identifiziert (doi 10.1093/eurheartj/ehae914). Damit wird deutlich: Risikokonstellationen lassen sich frühzeitig erkennen, lange bevor klinische Symptome auftreten.
Machine Learning und Deep Learning ermöglichen bereits heute, komplexe Risikoprofile zu analysieren und präventive Maßnahmen gezielter einzusetzen (doi 10.1093/eurheartj/ehaf254) (Stephan Willems, Hamburg).
Paradigmenwechsel bei plötzlichem Herztod
Die bislang dominante Orientierung an der linksventrikulären Auswurffraktion nämlich kleiner als 35 Prozent für die ICD-Implantation wird zunehmend erweitert. Auch wurde das Risiko für einen akuten Herztod durch die Möglichkeiten der modernen medikamentösen Therapie der Herzinsuffizienz deutlich reduziert.
Neue Ansätze zielen auf eine individualisierte multimodale Risikostratifizierung ab, welche zusätzliche Faktoren einbezieht. Dazu gehören MRT-basierte Narben- und Fibroseanalysen ebenso wie genetische Marker und differenzierte EKG-Parameter (Stephan Willems, Hamburg).
Smartwatches ersetzen kein Blutdruckmessgerät
30 Prozent aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehen auf die Hypertonie zurück. Die Kontrolle der Hypertonie führt im mittleren Alter zu einem Lebenszeitgewinn von 1,2 Jahren bei Männern und von 2,4 Jahren bei Frauen. Umso wichtiger sind frühzeitige Diagnosestellung und konsequente Therapie.
Hier könnten digitale Technologien zukünftig eine größere Rolle spielen. Denn neue Wear-ables integrieren inzwischen aufblasbare Manschetten und ermöglichen somit eine direkte Blutdruckmessung am Handgelenk.
Smartwatches und andere Wearables eröffnen neue Möglichkeiten der Gesundheitsüberwachung. Anders als klassische Messverfahren begleiten sie Menschen durchgängig im Alltag und erfassen eine Vielzahl physiologischer Signale. Auf der Basis dieser Daten können Muster identifiziert werden, die mit einem erhöhten Blutdruck vereinbar sind.
Nutzer erhalten Hinweise, die auf ein mögliches Risiko hindeuten, bevor eine klassische Diagnose gestellt wird. So entsteht ein neues Prinzip der Früherkennung und zwar nicht punktuell sondern longitudinal. Die Stärke der digitalen Technologien liegt darin, dass Muster erkannt, statt dass Einzelmesswerte gemessen werden.
Smartwatches können die Früherkennung von Bluthochdruck verbessern und leisten einen wichtigen Beitrag zur Prävention. Doch es gilt weiterhin: Die valide Blutdruckmessung am Oberarm und die ärztliche Einordnung bleiben der diagnostische Standard. Digitale Anwendungen können so als Brücke fungieren zwischen unbemerktem Risiko und medizinischer Abklärung.
Eine wichtige Voraussetzung für eine sinnvolle Anwendung aller Wearables ist die korrekte Einordnung der Daten. Die digitalen Anwendungen müssen zwingend in einen medizinischen Kontext gesetzt werden. Nur so lässt sich vermeiden, dass aus Mustern falsche Schlüsse gezogen oder relevante Risiken übersehen werden (Christina Magnussen, Hamburg).
Vorhofflimmern: Frühe Katheterablation bietet Vorteile
Die Notwendigkeit eines integrativen Ansatzes zeigt sich besonders im Hinblick auf das Zusammenspiel von Vorhofflimmern und Herzinsuffizienz. Beide Erkrankungen entstehen in einer engen Wechselbeziehung, d.h. strukturelle, elektrische und hämodynamische Veränderungen führen dazu, dass sie sich gegenseitig verstärken. Daraus folgt: Es reicht nicht aus, einzelne Krankheitsbilder isoliert zu behandeln. Vielmehr rücken frühe, interdisziplinäre und strukturierte Therapiekonzepte in den Blickpunkt.
Aktuelle Leitlinien untermauern die Bedeutung einer frühen Rhythmuskontrolle bei Vorhofflimmern. Ein früher Eingriff mittels Katheterablation bietet klinische Vorteile gegenüber einer späteren oder rein symptomorientierten Strategie.
Daten aus randomisierten Studien und Metaanalysen zeigen, dass eine frühzeitige Katheterablation Vorteile hinsichtlich klinisch relevanter Endpunkte wie Hospitalisierungen bieten kann, bei gleichzeitig vergleichbarem Sicherheitsprofil gegenüber einer antiarrhythmischen medikamentösen Therapie (doi 10.1016/j.hrthm.2026.03.1885) (Stephan Willems, Hamburg).
