“Im Prinzip verfügen wir in Deutschland über die Werkzeuge, Menschen mit Lebererkrankungen gut zu behandeln – doch es fehlt uns an passenden Versorgungsstrukturen.” Diese Aussage verdeutlichte Prof. Heiner Wedemeyer aus Hannover anhand eines Patientenbeispiels.
Der Patient leidet unter Leberzirrhose mit Aszites sowie Typ-2-Diabetes. Diesem Stadium ging vermutlich eine metabolisch dysfunctions-assoziierte steatotische Lebererkrankung (MASLD) voraus.
Wie Wedemeyer berichtete, ist der Mann sehr verzweifelt und sagt: “Ich bin schon vor Jahren durch das Raster gefallen und ich habe Angst, dass das auch in den nächsten Jahren so weitergeht.” Diese Befürchtung ist nicht unbegründet, denn niedergelassene Fachärztinnen und -ärzte haben in der Regel keine Zeit, alle ein bis zwei Wochen seine wiederkehrende Aszites zu punktieren.
Auch die hausärztliche Versorgung kommt an ihre Grenzen und ist mit seiner Lebermedikation überfordert, da aufgrund der eingeschränkten Leberfunktion einige Anpassungen erforderlich sind.
“Für derartige Fälle haben wir keine ausreichenden Versorgungsstrukturen”, erklärte der Gastroenterologe, Hepatologe und Endokrinologe. Das betreffe z.B. auch das erhöhte Leberkrebsrisiko dieses Patienten, der gemäß der Leitlinie, alle sechs Monate einen qualifizierten Ultraschall benötigt. “Aber wer soll den durchführen?”, fragte Wedemeyer.
Insgesamt bemängelte der Experte, dass flächendeckende funktionierende Strukturen zur Früherkennung, Prävention und Versorgung von Lebererkrankungen fehlen. “Wir brauchen klar vorgegebene Behandlungswege”, forderte Wedemeyer.
Mehr Prävention, klare Behandlungswege
Auch bei der Prävention ist noch viel Luft nach oben. Um beim Fallbeispiel zu bleiben: Der Mann hat seit 20 Jahren erhöhte Gamma-GT-Werte, doch ihm wurde lediglich geraten, weniger Alkohol zu trinken. Die Ernährung war kein Thema, dabei steht diese im Zentrum der Prävention von Fettleber.
Wedemeyer zufolge besteht eine wichtige Aufgabe der Fachgesellschaft darin, die Menschen über das Risiko für eine Lebererkrankung aufzuklären und ein Bewusstsein zu schaffen, welche Auswirkungen der Lebensstil und insbesondere die Ernährung auf die Lebergesundheit haben – um damit letztlich die Krankheitslast in der Bevölkerung zu verringern.
Darüber hinaus gibt es genetische Risikofaktoren, anhand derer sich z.B. eindeutig unterscheiden lässt, ob ein geringes oder ein hohes Risiko für eine Fettleber vorliegt. “Wir haben diese Tools, aber niemand fordert sie an”, konstatierte Wedemeyer.
Da diagnostische Verfahren wie die Leberelastographie oder die qualitätsgesicherte Sonografie derzeit nicht ausreichend vergütet werden, mangele es auch an der Umsetzung. Gleiches gelte für essenzielle Vorsorgemaßnahmen, wie das HCC-Screening bei Zirrhotikern, das alle sechs Monate durchgeführt werden sollte.
“Wir müssen daran arbeiten, die Vergütungssysteme so anzupassen, dass Patientinnen und Patienten nicht aus monetären Gründen benachteiligt werden”, forderte Wedemeyer. Für die strukturelle Umsetzung brauche es jedoch auch den politischen Willen.
Nahrungsbestandteile mit Fernwirkung
“Die Darmgesundheit beginnt auf dem Teller”, konstatierte Prof. Birgit Terjung, Bonn. Dies sei ein klarer Appell an die Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen – aber auch an die Verantwortung von Ärztinnen und Ärzten, Politikerinnen und Politikern und nicht zuletzt der Lebensmittelindustrie.
“Denn die präventive Ernährung ist meiner Ansicht nach mehr als ein individuelles Gesundheitsziel, sie ist relevanter Bestandteil einer resilienten Gesundheitsversorgung”, betonte die Gastroenterologin und Ernährungsmedizinerin.
Wie die Forschung der letzten Jahre zeigte, wirken die aufgenommenen Nahrungsmittel nicht nur lokal auf die Darmschleimhaut, sondern beeinflussen über eine “Fernwirkung” auch andere, entfernt liegende Organsysteme, darunter etwa Herz, Hirn, Lunge und Harnorgane.
Bekannt sind die Darm-Hirn-Achse, die Darm-Herz- oder die Darm-Leber-Achse über welche die Ernährung sekundär zur Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber oder neurodegenerativen Erkrankungen beitragen kann.
“Daher ist es unbestritten, dass wir mit den Ernährungs- und Lebensstilfaktoren über ein enormes präventives Potenzial verfügen”, erklärte Terjung.
Praktische Empfehlungen zur Ernährung
Um einer MASLD vorzubeugen oder ihr Fortschreiten zu verhindern, ist die “Mittelmeerdiät” zu empfehlen. Neben der ballaststoffreichen Ernährung ist dabei der weitgehende oder vollständige Verzicht auf Fleischprodukte entscheidend, da sich dieser präventiv auf die Entstehung von Entzündungen und von Krebserkrankungen auswirkt. Täglich zwei bis drei Tassen Kaffee gelten ebenfalls als gesund.
Dass hochverarbeitete Nahrungsmittel vermieden werden sollten, ist vielen Menschen bewusst. Dennoch werden sie viel zu häufig konsumiert. Terjung zufolge liegt das unter anderem daran, dass diese Nahrungsmittel nicht klar gekennzeichnet sind und daher nicht als hochverarbeitet erkannt werden.
Dabei führt ein zehnprozentiger Anteil dieser Nahrungsmittel täglich zu einem um 12 Prozent erhöhten Risiko für Krebserkrankungen, z.B. Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs [1], [2], [3]. Die Expertin fordert daher eine verbraucherfreundliche Nährwertkennzeichnung auf verpackten Lebensmitteln.
Quelle: Online-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V.: “Lebergesundheit in Deutschland – Prävention braucht Struktur, nicht nur Appelle”.
Literatur
