Hiermit loggen Sie sich bei DocCheck aus.
Abbrechen

Vorsicht bei HitzewellenHitze erhöht Sterberisiko bei Diabetes um 20 Prozent

Hitzewellen stellen Menschen mit Diabetes vor besondere Herausforderungen: schnelle Dehydrierung, schwankende Blutzuckerwerte, Kreislaufprobleme. Wie hoch das Risiko tatsächlich ist, zeigen erste Daten eines laufenden Cochrane Reviews. Und: Auch Mikro- und Nanoplastik gerät als potenzieller Störfaktor im Glukosestoffwechsel zunehmend in den Fokus.

Bei Hitze verliert der Organismus schneller Flüssigkeit, der Blutzucker steigt. Für Diabetiker birgt das das Risiko von Stoffwechselentgleisungen.

Berlin. Rekordtemperaturen, tropische Nächte, Hitzewarnungen – der Sommer 2026 hat Deutschland erneut mit extremer Hitze konfrontiert. Bereits kurz nach dem kalendarischen Sommeranfang knackte das Thermometer vielerorts die 40-Grad-Marke. Was bereits für gesunde Menschen belastend ist, kann für Menschen mit Diabetes lebensbedrohlich werden.

Die Gründe dafür sind pathophysiologisch gut nachvollziehbar: Bei hohen Temperaturen verliert der Organismus schneller Flüssigkeit – der Blutzucker steigt. Für Diabetiker birgt das das Risiko von Stoffwechselentgleisungen.

Gleichzeitig kann Hitze die Glukoseregulation auch direkt destabilisieren: Wärme aktiviert insulinunabhängige Glukosetransporter und kann zu unerwarteten Hypoglykämien führen, während Stress und eingeschränkte Flüssigkeitszufuhr Hyperglykämien begünstigen. Periphere Neuropathien beeinträchtigen die autonome Temperaturregulation und die Wahrnehmung körpereigener Warnsignale.

Hohe Temperaturen treffen auf vorgeschädigte Organe

Herz, Kreislauf und Nieren werden durch Hitze zusätzlich beansprucht – Organsysteme, die bei Menschen mit Diabetes häufig vorgeschädigt sind. Hinzu kommt: Subkutan appliziertes Insulin wird bei erhöhter Hauttemperatur schneller resorbiert, was die Dosierung schwer kalkulierbar macht. Die klinischen Folgen reichen von Hypo- und Hyperglykämie über Kreislaufprobleme und Hitzeerschöpfung bis hin zu Hitzschlag sowie kardialen und renalen Komplikationen.

Was Betroffene und ihre Behandlungsteams seit Jahren beobachten, will ein interdisziplinäres und multiprofessionelles Team um Privatdozentin Dr. Sabrina Schlesinger vom Deutschen Diabetes Zentrum (DDZ) in Düsseldorf nun erstmals systematisch untersuchen. Die Forschenden erstellen derzeit einen Cochrane Review – unter anderem zu der Frage, wie sich Hitze auf den Verlauf und die Progression von Diabetes auswirkt.

Als Parameter wählten sie zunächst Mortalitäts- und Hospitalisierungsraten. Aus einem initialen Pool von mehr als 15.000 Arbeiten wurden nach mehrstufiger Filterung rund 134 Studien eingeschlossen – überwiegend Registeranalysen aus den USA, China, Australien und Europa –, die Mortalitäts- und Hospitalisierungsraten unter Hitzebedingungen mit regionalen Bevölkerungsdaten vergleichen.

Erhöhte Mortalitäts- und Hospitalisierungsraten

Die vorläufigen Ergebnisse sind eindeutig: „Das relative Sterberisiko von Menschen mit Diabetes ist in Hitzewellen um etwa 20 Prozent erhöht. Mit jedem Temperaturanstieg um weitere fünf Grad steigt es um 13 Prozent“, sagte Schlesinger beim diesjährigen Diabeteskongress in Berlin. Das Hospitalisierungsrisiko liege in Hitzewellen um 12 Prozent höher, pro 5-Grad-Zunahme um vier Prozent.

Methodisch stand das Team vor der grundlegenden Schwierigkeit, dass keine einheitliche Definition von Hitze existiert. Die eingeschlossenen Studien arbeiteten teils mit absoluten Schwellenwerten (Tmax >30–35 °C über mindestens zwei bis drei aufeinanderfolgende Tage), teils mit relativen, auf lokale Durchschnittstemperaturen bezogenen Definitionen. Dennoch bemerkenswert: „Obwohl Hitze nicht in allen Studien gleich definiert wurde, waren die Ergebnisse recht homogen und wiesen alle in dieselbe Richtung“, betonte die Referentin.

Im weiteren Verlauf sind Subgruppenanalysen nach Diabetestyp, Region und sozioökonomischem Status geplant, wobei das Team die stärksten Effekte an Tag null bis drei nach Beginn der Hitzeperiode erwartet.

Für die hausärztliche Praxis bedeutet das: Eine Aufklärung vor dem Sommer über Anpassung der Insulindosierung, sachgerechte Lagerung von Medikamenten und Sensortechnik, empfohlene Trinkmengen und Warnsymptome für Hitzenotfälle wird immer wichtiger.

Auch Mikroplastik wirkt sich auf Glukosestoffwechsel aus

Neben dem Anstieg der Temperaturen gibt es aber noch weitere Umweltfaktoren, die sich auf den Glukosestoffwechsel auswirken könnten. Privatdozent Dr. Dennis Niebel vom Universitätsklinikum Regensburg verwies auf die wachsende Forschung zu Mikro- und Nanoplastik (MNP).

Aktuell fielen weltweit jährlich über 550 Millionen Tonnen Kunststoff an, von denen weniger als zehn Prozent recycelt werden. Einmal in der Umwelt, verteilen sie sich nach einem „Trojanischen-Pferd-Effekt“ global.

In den menschlichen Organismus gelangen MNP über Haut, Lungen und Nahrungskette. Die Datenlage zu gesundheitlichen Effekten stütze sich bislang auf Tierversuche und In-vitro-Studien: Mäuse, die MNP inhalieren, entwickelten persistierende Hyperglykämie, Insulinresistenz und erhöhte Triglyzeridwerte. Auch das Darmmikrobiom veränderte sich und trug zu gestörtem Glukosestoffwechsel bei.

Endokrine Drüsen reagieren besonders empfindlich auf MNP

Eine wissenschaftliche Einordnung liefert eine im April 2026 im Lancet Diabetes & Endocrinology erschienene Veröffentlichung, die MNP als emergente endokrine Disruptoren beschreibt [1]. Sie zeigt auf, warum endokrine Drüsen besonders vulnerabel sind: Als hochgradig vaskularisierte Strukturen sind sie MNP stark exponiert.

MNP ahmen demnach Hormonsignale nach, stören intrazelluläre Signalkaskaden und unterbrechen den hormonellen Crosstalk, der für die systemische Homöostase essenziell ist. In-vitro-Studien belegten funktionelle Störungen an Schilddrüse, Nebenniere, Ovar und pankreatischen Inselzellen – mit potenzieller Exazerbation von Diabetes, Adipositas und Infertilität.

„Leider gibt es bislang keine validen Verfahren, um MNP aus unseren Körpern zu beseitigen”, erklärte Niebel. Er appellierte daher an die Ärzteschaft, Forschungslücken zu adressieren, nach Möglichkeit nachhaltige Produkte zu verwenden, Patientinnen und Patienten aufzuklären und die eigene Position auch dafür zu nutzen, politischen Wandel einzufordern. Denn schließlich produziere auch der Medizinbetrieb selbst erhebliche Mengen Einwegplastik und trage eine Mitverantwortung.

Quelle: Diabeteskongress 2026

Literatur:

  1. doi 10.1016/ S2213-8587(26)00074-4
E-Mail-Adresse vergessen? Schreiben Sie uns.
Passwort vergessen? Sie können es zurücksetzen.
Nur wenn Sie sich sicher sind.

Sie haben noch kein Passwort?

Gleich registrieren ...

Für Hausärztinnen und Hausärzte, Praxismitarbeitende und ÄiW (Allgemeinmedizin und Innere Medizin mit hausärztlichem Schwerpunkt) ist der Zugang immer kostenfrei.

Mitglieder der Landesverbände im Hausärztinnen- und Hausärzteverband profitieren außerdem von zahlreichen Extras.

Hier erfolgt die Registrierung für das Portal und den Newsletter.


Persönliche Daten

Ihr Beruf

Legitimation

Die Registrierung steht exklusiv ausgewählten Fachkreisen zur Verfügung. Damit Ihr Zugang freigeschaltet werden kann, bitten wir Sie, sich entweder mittels Ihrer EFN zu legitimieren oder einen geeigneten Berufsnachweis hochzuladen.

Einen Berufsnachweis benötigen wir zur Prüfung, wenn Sie sich nicht mittels EFN autorisieren können oder wollen.
(max. 5 Dateien; PDF, JPG, PNG oder TIF)

Mitglied im Hausärzteverband
Mitglieder erhalten Zugriff auf weitere Inhalte und Tools.
Mit der Registrierung als Mitglied im Hausärzteverband stimmen Sie zu, dass wir Ihre Mitgliedschaft überprüfen.

Newsletter
Sie stimmen zu, dass wir Ihre E-Mail-Adresse für diesen Zweck an unseren Dienstleister Mailjet übermitteln dürfen. Den Newsletter können Sie jederzeit wieder abbestellen.

Das Kleingedruckte
Die Zustimmung ist notwendig. Sie können Sie jederzeit widerrufen, außerdem steht Ihnen das Recht zu, dass wir alle Ihre Daten löschen. Jedoch erlischt dann Ihr Zugang.
Newsletter abbestellen

Wenn Sie den Newsletter abbestellen wollen, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an und wählen Sie die gewünschte Funktion. Wir senden Ihnen dann eine E-Mail zur Bestätigung.