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Serie MedizinGendermedizin: (K)eine Frage der Versorgungsgerechtigkeit

Das Geschlecht bestimmt maßgeblich über Pathogenese, Symptomatik und therapeutisches Ansprechen. Geschlechtersensible Medizin darf deshalb kein Randthema mehr sein. Doch bis zur medizinischen Gleichbehandlung wird es noch dauern.

Eine Geschlechtersensibilität ist keineswegs in der medizinischen Praxis angekommen.

Männlich, rund 75 Kilo – die Referenzgröße in Medizin und Pharmakologie. Das hat eine lange Tradition. “Bereits im antiken Griechenland galt der männliche Körper als Standard und der weibliche nur als Abweichung davon”, so Prof. Dr. Gertraud Stadler, Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité in Berlin.

So stammten sämtliche Erkenntnisse über die Jahrhunderte hinweg einzig von Männern. “Chirurgische Eingriffe übte man ebenso nur an männlichen Leichen”.

In den medizinischen Lehrschriften fanden sich mithin keine an Frauen gewonnenen Daten. Als schließlich in den 1950er Jahren die moderne klinische Forschung durchstartete, wertete man Frauen als “zu kompliziert”: Ihre hormonellen Veränderungen wie die Menstruation, so die Befürchtung, könnten Studienergebnisse ruinieren. Der Contergan-Skandal tat sein Übriges. Die Sorge, dass es während einer Studie zur Schwangerschaft kommt, war immens.

Angesichts dessen waren Frauen von 1970 bis 1990 komplett von Wirkstoffstudien ausgeschlossen. Laut Prof. Stadler ist dieses Missverhältnis in den klinischen Forschungen bis heute nicht ausgeglichen: “Nach wie vor stammt die deutliche Mehrheit der Daten, allen voran in der Kardiologie, von Männern”.

Der Gender-Gap ist allgegenwärtig

Obwohl inzwischen durchaus bekannt ist, dass es viele Unterschiede gibt, ist eine Geschlechtersensibilität keineswegs in der medizinischen Praxis angekommen. “Wir therapieren Frauen und Männer absolut gleich”, gibt Prof. Dr. Dr. Kai Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Uniklinikum Frankfurt/M., zu bedenken.

Die in Rom niedergelassene Gynäkologin Dr. Judith Bildau nennt Endometriose als ein eklatantes Beispiel für den Gender-Gap. “Zur Diagnose steht nach wie vor einzig eine Laparoskopie unter Vollnarkose und zur Therapie nur die Anti-Baby-Pille zur Verfügung”. Dafür, dass sie ihren Patientinnen nichts anderes anbieten kann, schämt sie sich, sagt Dr. Bildau. “Wäre Endometriose eine Krankheit von Männern, gebe es längst eine eigene Medikation dafür”.

Apropos geschlechtsspezifisches Medikament: Bei Frauen, die das Schlafmittel Zolpidem eingenommen hatten, kam es verstärkt zu selbstverschuldeten Autounfällen in den Morgenstunden. Denn da sie den Wirkstoff schlechter metabolisiert hatten, waren sie nicht voll reaktionsfähig. Daraufhin, so Dr. Bildau, wurde die Dosierung für Frauen angepasst, nämlich auf die Hälfte reduziert. “Allerdings nur in den USA, in Europa nicht”.

Der Gender-Gap zeigt sich auch in der Politik, wie die Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt Dorothee Bär regelmäßig im Parlament erfährt: “Wir haben nach wie vor mit vielen und großen Vorurteilen zu kämpfen”.

Schleppender Wissenstransfer

Was dem Genderbewusstsein in der Medizin im Weg steht, ist unter anderem der (zu) langsame Transfer von Forschungswissen in die Praxis. Bekanntlich bekommen Frauen zwar erst im höheren Alter einen Herzinfarkt, versterben jedoch deutlich häufiger daran.

Was laut Prof. Stadler mit daran liegt, dass das Infarktgeschehen aufgrund unspezifischer Symptome häufig übersehen werden kann. Eine bedeutende Rolle spielen allerdings auch Defizite bei Diagnose und Therapie. Denn: “Das Wissen über die frauenspezifischen Unterschiede ist noch nicht in die Leitlinien eingeflossen. Es dauert mitunter zwanzig Jahre, bis die Daten aus der Forschung in die Praxis kommen”.

Der nur zögerliche Wissenstransfer ist auch in den OP-Sälen problematisch, berichtet Prof. Zacharoswki. “Frauen benötigen nicht zuletzt wegen ihres geringeren Blutvolumens eine intensivere Vorbereitung auf eine Operation”. Dazu müssten die Patientinnen früher untersucht und auf ihre OP-Fitness beurteilt werden. Was nicht geschieht. Nur zwei Exempel von vielen.

Frauen sind leidensfähiger

Der weitere Stolperstein für die geschlechtssensible Medizin… “Frauen sind die stärkeren Männer”, weiß Prof. Zacharoswki. Dass Frauen eine hohe Leidensfähigkeit besitzen und “sehr zäh” sein können, bestätigt auch Dr. Bildau. Prof. Stadler ergänzt, “dass Frauen vielfach einfach keine Umstände machen möchten”. Zudem werden viele ihrer Beschwerden als psychogen eingestuft: Das ist halt der Stress… Auch die Patientinnen selbst suchen die Ursachen vielfach im psychisch-seelischen Bereich.

In Folge werden Frauen weniger ernst genommen. Was etwa bei Schmerzen dazu führt, dass ihnen statt Analgetika eher Sedativa verordnet werden. Für Prof. Zacharoswki “eine Vollkatastrophe”, da der Schmerz auf keinen Fall chronisch werden darf.

Hausarztpraxen im Fokus

Damit das Gesundheitssystem künftig alle Geschlechter gleichermaßen adäquat versorgen kann, müssen nach den Worten von Prof. Stadler die bislang bekannten genderspezifischen Aspekte endlich verstärkt in die Ausbildung eingebracht werden.

Auch Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth, betont ausdrücklich, dass hier den Hausarztpraxen als wichtige erste Anlaufstellen, auch für Prävention und Beratungsangebote, eine vorrangige Rolle zukommt. Vom IHF gibt es deshalb auch ein Lernmodul: “Geschlechterspezifische Unterschiede in der Behandlung von Patientinnen und Patienten” zur geschlechtersensiblen Medizin (www.hausarzt.link/W2e7o).

Quelle: ZEIT FORUM Gesundheit “Mann als Maß? – Genderbewusstsein in der Medizin”.

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