© Michael Amme Dr. Max Elstermann von Elster
Facharzt für Allgemeinmedizin, Sportmedizin, manuelle Therapie, Betriebsarzt
Ich sehe ein großes Spektrum von Menschen, die sich mit gesunder Lebensführung beschäftigen: Von Patientinnen und Patienten, die nur ein Blutbild haben wollen, über solche, die komplexe Laboranalysen wünschen, bis hin zu denjenigen, bei denen Geld keine Rolle spielt und die auch mal um die tausend Euro für Blutuntersuchungen ausgeben.
Letzteres kommt in hausärztlichen Praxen aber selten vor; diese Menschen sind eher in den auf Social Media stark beworbenen “Longevity-Praxen” angebunden.
Um welche Altersgruppe handelt es sich vor allem? Und welche Themen beschäftigen sie?
Viele sind in ihren Vierzigern oder auch etwas älter. Oft handelt es sich um Menschen, die bereits einige Jahre hart gearbeitet und gutes Geld verdient haben, eventuell auch schon das erste Mal ernsthaft erkrankt waren und sich nun mit der eigenen Gesundheit und Endlichkeit beschäftigen. Sie wollen “etwas tun” und haben genug Geld, sich das zu leisten.
Ganz viele wollen aktuell Hormone bestimmen lassen, vor allem Vitamin D und Sexualhormone. Ich beobachte einen aus den USA kommenden Trend, wonach man mit Testosteronsubstitution angeblich viel erreichen kann.
Was halten Sie davon?
Ich finde es grundsätzlich gut, wenn sich Menschen mit einem gesunden Lebensstil beschäftigen. Allerdings handelt es sich oft um Personen, die ohnehin schon wenig Risikofaktoren aufweisen; außerdem existiert für viele auf Social Media beworbenen Methoden keine wissenschaftliche Evidenz. Andere Menschen beschäftigen sich mit Longevity, wollen gleichzeitig aber nichts an dem ändern, was wirklich wichtig ist, zum Beispiel Rauchen und Bewegungsmangel.
Und dann gibt es natürlich die Hochrisikopatienten, die gar nichts ändern wollen. Mein Problem dabei: Wenn ich mir die Zeit nehme, um mit den ersten beiden Gruppen über evidenzbasierte und nicht evidenzbasierte Empfehlungen zu diskutieren, fehlt sie mir für die Leute, die wirklich krank sind.
Was für eine Strategie haben Sie gefunden, um damit umzugehen?
Erstens: Prioritäten setzen. In erster Linie kümmere ich mich um meine kranken Patientinnen und Patienten, auch wenn ich gerne hauptsächlich präventiv tätig wäre. Ich versuche aber, Zeiträume explizit für die Prävention zu schaffen, zum Beispiel biete ich eine sportmedizinische Sprechstunde an. Zweitens: Motivation. Ich finde es wichtig, dass wir Hausärztinnen und Hausärzte uns nicht frustrieren lassen.
Wir haben die Möglichkeit, eine Bindung zu den Menschen aufzubauen und diese zu nutzen, um sie bei Lebensstiländerungen zu unterstützen. Drittens: Respekt für die Lebensweise der Menschen und ihre Entscheidungen.
Wenn jemand an seinem ungesunden Lebensstil absolut nichts ändern will, dann muss ich das respektieren, auch wenn ich es nicht gut finde. Gleichzeitig sollten wir nicht von vornherein ablehnend reagieren, wenn ein Patient erzählt, dass er eine bestimmte Longevity-Methode ausprobieren will.
Die Menschen denken oft, dass der Hausarzt erstens keine Zeit und zweitens keine Ahnung hat, weil er sich sowieso nicht mit den aktuellen Themen beschäftigt. Wenn ich mir die Sache aber erst mal anschaue und ernst nehme, kann ich im Austausch bleiben.
Inwieweit können bzw. sollten Hausärztinnen und Hausärzte in Hinblick auf solche Trends auf dem Laufenden sein?
Die Trends ändern sich so schnell, dass es schwierig ist, up to date zu bleiben. Ich selbst höre gerne Podcasts. Bei Longevity-Podcasts stecken meist finanzielle Interessen dahinter, sie können aber helfen, ein Gefühl dafür zu bekommen, was die Leute beschäftigt. Das kostet allerdings viel Zeit. Daher empfehle ich vor allem, den Patientinnen und Patienten zuzuhören. Eine aus meiner Sicht sehr gute Quelle, um auf dem Laufenden zu bleiben, ist auch der Podcast “Studienlage” (s. Tipp im Kasten).
Podcast-Tipp
“Studienlage” ist ein Podcast von Jana Husemann, Ilja Karl und Hannes Blankenfeld. Hausärztinnen und Hausärzte besprechen hier Leitlinien und Grundbegriffe der evidenzbasierten Medizin, zerlegen Pharma-Werbung und enttarnen Medizin-Mythen.
www.studienlage.letscast.fm/
Was sind die wichtigsten Empfehlungen, die Sie in Hinblick auf gesunde Lebensführung und Langlebigkeit geben?
Ich lege meinen Fokus neben dem Rauchstopp vor allem auf Bewegung. Die Evidenz zeigt, dass Bewegung einen sehr großen Einfluss auf die Langlebigkeit hat. Der größte Benefit liegt darin, jemanden, der sich gar nicht bewegt, dazu zu motivieren, sein Verhalten ein wenig zu ändern – das nützt viel mehr, als wenn ich einen Sportler dazu bringe, dass er acht statt vier Stunden pro Woche trainiert. Gewichtsreduktion hingegen ist nicht mein primärer Fokus.
Das Thema ist für die Menschen sehr frustrierend und es gibt ohnehin kaum jemanden, der sein Gewicht nicht reduzieren möchte. Außerdem korreliert die Sterblichkeit zwar mit Übergewicht, aber viel weniger stark, als die meisten vermuten: Das geht erst ab einem BMI von 35 so richtig los. Relevant für die Beratung finde ich, dass Schlaf und Gewicht ganz eng zusammenhängen: Studien zeigen, dass Leute, die gut schlafen, auf Dauer weniger Kalorien zu sich nehmen – 270 Kilokalorien pro Tag bei einer Stunde mehr Schlaf.
Ich berate auch zur Ernährung, wobei hier die Datenlage sehr schlecht ist. Die grundsätzlichen Empfehlungen zu gesunder Ernährung sind natürlich sinnvoll und wir wissen zum Beispiel, dass die mediterrane Diät und die DASH-Diät positive Effekte haben.
Auch ist der Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln nachgewiesenermaßen mit einer erhöhten Mortalität sowie einer erhöhten täglichen Kalorienaufnahme (circa 500 kcal/Tag) assoziiert; ich empfehle daher, Lebensmittel so ursprünglich wie möglich zu verzehren und ggf. selbst zu kochen.
Es gibt jedoch keine Evidenz zu speziellen Ernährungsformen, die Industrie und Influencer in den sozialen Medien propagieren. Auch gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine Daten, die zeigen, dass Longevity-Medikamente oder Supplements die Lebensspanne verlängern. Und das gilt explizit auch für Vitamin D.
Wie motivieren Sie zu Lebensstiländerungen?
Ich versuche, motivational zu arbeiten. Zum Beispiel nutze ich das Rubikon-Modell (s. Kasten), damit die Menschen lernen, Bewegung in ihren Alltag zu integrieren: Kann ich mir einen Termin im Kalender blocken? Was mache ich, wenn es regnet? Gibt es Alternativen? Was mache ich, wenn ich gerade keine Lust habe? Oder wenn ich von der Arbeit komme und ins Fitnessstudio will, aber total Hunger habe? Was hält mich häufig vom Sport ab und was kann ich dagegen tun?
Rubikon-Modell
Das Rubikon-Modell ist ein motivationspsychologisches Modell von Heinz Heckhausen und Peter Gollwitzer, welches menschliches Handeln in vier Phasen mit dazugehörigen Fragestellungen einteilt:
Abwägungsphase: 1. Was ist das konkrete Problem? 2. Was würde helfen? 3. Was kann ich selbst tun? 4. Was will ich genau erreichen?
Planungsphase: 1. Was muss ich wann, wie und wo tun?
Handlungsphase: 1. Wie fange ich an? 2. Wie halte ich durch?
Bewertungsphase: 1. Was habe ich erreicht? 2. Fehleranalyse (Selbstlob und sachliche Eigenkritik). Hier ist es ärztlicherseits z.B. wichtig, auch Anstrengung und erreichte Teilziele wertzuschätzen.
Dr. Max Elstermann von Elster erklärt, dass bei ihm in Bezug auf dieses Interview keine Interessenkonflikte bestehen.