Hiermit loggen Sie sich bei DocCheck aus.
Abbrechen

Experteninterview“Lifestyle of Longevity” versus “Sport ist Mord”

Longevity liegt im Trend. Ohnehin sehr gesundheitsbewusste Menschen investieren viel Zeit, Geld und Energie, um ihren Lebensstil zu optimieren; dabei folgen sie zum Teil wissenschaftlich fragwürdigen Empfehlungen. Daneben gibt es weiterhin viele Hochrisikopatienten, die gar nichts ändern wollen. Allgemeinmediziner Dr. Max Elstermann von Elster erklärt, wie er mit diesem Gegensatz umgeht.

Studien zeigen, dass Leute, die gut schlafen, auf Dauer weniger Kalorien zu sich nehmen.

Sport, Superfoods und Supplements: Viele Menschen beschäftigen sich aktuell mit Longevity. Werden Sie von Patientinnen und Patienten oft auf das Thema angesprochen?

Ich sehe ein großes Spektrum von Menschen, die sich mit gesunder Lebensführung beschäftigen: Von Patientinnen und Patienten, die nur ein Blutbild haben wollen, über solche, die komplexe Laboranalysen wünschen, bis hin zu denjenigen, bei denen Geld keine Rolle spielt und die auch mal um die tausend Euro für Blutuntersuchungen ausgeben.

Letzteres kommt in hausärztlichen Praxen aber selten vor; diese Menschen sind eher in den auf Social Media stark beworbenen “Longevity-Praxen” angebunden.

Um welche Altersgruppe handelt es sich vor allem? Und welche Themen beschäftigen sie?

Viele sind in ihren Vierzigern oder auch etwas älter. Oft handelt es sich um Menschen, die bereits einige Jahre hart gearbeitet und gutes Geld verdient haben, eventuell auch schon das erste Mal ernsthaft erkrankt waren und sich nun mit der eigenen Gesundheit und Endlichkeit beschäftigen. Sie wollen “etwas tun” und haben genug Geld, sich das zu leisten.

Ganz viele wollen aktuell Hormone bestimmen lassen, vor allem Vitamin D und Sexualhormone. Ich beobachte einen aus den USA kommenden Trend, wonach man mit Testosteronsubstitution angeblich viel erreichen kann.

Was halten Sie davon?

Ich finde es grundsätzlich gut, wenn sich Menschen mit einem gesunden Lebensstil beschäftigen. Allerdings handelt es sich oft um Personen, die ohnehin schon wenig Risikofaktoren aufweisen; außerdem existiert für viele auf Social Media beworbenen Methoden keine wissenschaftliche Evidenz. Andere Menschen beschäftigen sich mit Longevity, wollen gleichzeitig aber nichts an dem ändern, was wirklich wichtig ist, zum Beispiel Rauchen und Bewegungsmangel.

Und dann gibt es natürlich die Hochrisikopatienten, die gar nichts ändern wollen. Mein Problem dabei: Wenn ich mir die Zeit nehme, um mit den ersten beiden Gruppen über evidenzbasierte und nicht evidenzbasierte Empfehlungen zu diskutieren, fehlt sie mir für die Leute, die wirklich krank sind.

Was für eine Strategie haben Sie gefunden, um damit umzugehen?

Erstens: Prioritäten setzen. In erster Linie kümmere ich mich um meine kranken Patientinnen und Patienten, auch wenn ich gerne hauptsächlich präventiv tätig wäre. Ich versuche aber, Zeiträume explizit für die Prävention zu schaffen, zum Beispiel biete ich eine sportmedizinische Sprechstunde an. Zweitens: Motivation. Ich finde es wichtig, dass wir Hausärztinnen und Hausärzte uns nicht frustrieren lassen.

Wir haben die Möglichkeit, eine Bindung zu den Menschen aufzubauen und diese zu nutzen, um sie bei Lebensstiländerungen zu unterstützen. Drittens: Respekt für die Lebensweise der Menschen und ihre Entscheidungen.

Wenn jemand an seinem ungesunden Lebensstil absolut nichts ändern will, dann muss ich das respektieren, auch wenn ich es nicht gut finde. Gleichzeitig sollten wir nicht von vornherein ablehnend reagieren, wenn ein Patient erzählt, dass er eine bestimmte Longevity-Methode ausprobieren will.

Die Menschen denken oft, dass der Hausarzt erstens keine Zeit und zweitens keine Ahnung hat, weil er sich sowieso nicht mit den aktuellen Themen beschäftigt. Wenn ich mir die Sache aber erst mal anschaue und ernst nehme, kann ich im Austausch bleiben.

Inwieweit können bzw. sollten Hausärztinnen und Hausärzte in Hinblick auf solche Trends auf dem Laufenden sein?

Die Trends ändern sich so schnell, dass es schwierig ist, up to date zu bleiben. Ich selbst höre gerne Podcasts. Bei Longevity-Podcasts stecken meist finanzielle Interessen dahinter, sie können aber helfen, ein Gefühl dafür zu bekommen, was die Leute beschäftigt. Das kostet allerdings viel Zeit. Daher empfehle ich vor allem, den Patientinnen und Patienten zuzuhören. Eine aus meiner Sicht sehr gute Quelle, um auf dem Laufenden zu bleiben, ist auch der Podcast “Studienlage” (s. Tipp im Kasten).

Was sind die wichtigsten Empfehlungen, die Sie in Hinblick auf gesunde Lebensführung und Langlebigkeit geben?

Ich lege meinen Fokus neben dem Rauchstopp vor allem auf Bewegung. Die Evidenz zeigt, dass Bewegung einen sehr großen Einfluss auf die Langlebigkeit hat. Der größte Benefit liegt darin, jemanden, der sich gar nicht bewegt, dazu zu motivieren, sein Verhalten ein wenig zu ändern – das nützt viel mehr, als wenn ich einen Sportler dazu bringe, dass er acht statt vier Stunden pro Woche trainiert. Gewichtsreduktion hingegen ist nicht mein primärer Fokus.

Das Thema ist für die Menschen sehr frustrierend und es gibt ohnehin kaum jemanden, der sein Gewicht nicht reduzieren möchte. Außerdem korreliert die Sterblichkeit zwar mit Übergewicht, aber viel weniger stark, als die meisten vermuten: Das geht erst ab einem BMI von 35 so richtig los. Relevant für die Beratung finde ich, dass Schlaf und Gewicht ganz eng zusammenhängen: Studien zeigen, dass Leute, die gut schlafen, auf Dauer weniger Kalorien zu sich nehmen – 270 Kilokalorien pro Tag bei einer Stunde mehr Schlaf.

Ich berate auch zur Ernährung, wobei hier die Datenlage sehr schlecht ist. Die grundsätzlichen Empfehlungen zu gesunder Ernährung sind natürlich sinnvoll und wir wissen zum Beispiel, dass die mediterrane Diät und die DASH-Diät positive Effekte haben.

Auch ist der Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln nachgewiesenermaßen mit einer erhöhten Mortalität sowie einer erhöhten täglichen Kalorienaufnahme (circa 500 kcal/Tag) assoziiert; ich empfehle daher, Lebensmittel so ursprünglich wie möglich zu verzehren und ggf. selbst zu kochen.

Es gibt jedoch keine Evidenz zu speziellen Ernährungsformen, die Industrie und Influencer in den sozialen Medien propagieren. Auch gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine Daten, die zeigen, dass Longevity-Medikamente oder Supplements die Lebensspanne verlängern. Und das gilt explizit auch für Vitamin D.

Wie motivieren Sie zu Lebensstiländerungen?

Ich versuche, motivational zu arbeiten. Zum Beispiel nutze ich das Rubikon-Modell (s. Kasten), damit die Menschen lernen, Bewegung in ihren Alltag zu integrieren: Kann ich mir einen Termin im Kalender blocken? Was mache ich, wenn es regnet? Gibt es Alternativen? Was mache ich, wenn ich gerade keine Lust habe? Oder wenn ich von der Arbeit komme und ins Fitnessstudio will, aber total Hunger habe? Was hält mich häufig vom Sport ab und was kann ich dagegen tun?

Dr. Max Elstermann von Elster erklärt, dass bei ihm in Bezug auf dieses Interview keine Interessenkonflikte bestehen.

E-Mail-Adresse vergessen? Schreiben Sie uns.
Passwort vergessen? Sie können es zurücksetzen.
Nur wenn Sie sich sicher sind.

Sie haben noch kein Passwort?

Gleich registrieren ...

Für Hausärztinnen und Hausärzte, Praxismitarbeitende und ÄiW (Allgemeinmedizin und Innere Medizin mit hausärztlichem Schwerpunkt) ist der Zugang immer kostenfrei.

Mitglieder der Landesverbände im Hausärztinnen- und Hausärzteverband profitieren außerdem von zahlreichen Extras.

Hier erfolgt die Registrierung für das Portal und den Newsletter.


Persönliche Daten

Ihr Beruf

Legitimation

Die Registrierung steht exklusiv ausgewählten Fachkreisen zur Verfügung. Damit Ihr Zugang freigeschaltet werden kann, bitten wir Sie, sich entweder mittels Ihrer EFN zu legitimieren oder einen geeigneten Berufsnachweis hochzuladen.

Einen Berufsnachweis benötigen wir zur Prüfung, wenn Sie sich nicht mittels EFN autorisieren können oder wollen.
(max. 5 Dateien; PDF, JPG, PNG oder TIF)

Mitglied im Hausärzteverband
Mitglieder erhalten Zugriff auf weitere Inhalte und Tools.
Mit der Registrierung als Mitglied im Hausärzteverband stimmen Sie zu, dass wir Ihre Mitgliedschaft überprüfen.

Newsletter
Sie stimmen zu, dass wir Ihre E-Mail-Adresse für diesen Zweck an unseren Dienstleister Mailjet übermitteln dürfen. Den Newsletter können Sie jederzeit wieder abbestellen.

Das Kleingedruckte
Die Zustimmung ist notwendig. Sie können Sie jederzeit widerrufen, außerdem steht Ihnen das Recht zu, dass wir alle Ihre Daten löschen. Jedoch erlischt dann Ihr Zugang.
Newsletter abbestellen

Wenn Sie den Newsletter abbestellen wollen, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an und wählen Sie die gewünschte Funktion. Wir senden Ihnen dann eine E-Mail zur Bestätigung.