Die Häufigkeit des Pankreaskarzinoms nimmt in den westlichen Ländern stark zu. Dies betrifft insbesondere Frauen und ältere Menschen, zudem scheint das Karzinom zunehmend häufiger bei unter 50-Jährigen aufzutreten [1]. Hierzulande erkrankten im Jahr 2020 etwa 20.230 Menschen an einem Pankreaskarzinom bzw. an einem duktalen Adenokarzinom (Pankreasadenokarzinom) der Bauchspeicheldrüse, der häufigsten Form der Erkrankung [2].
Dabei ist die Prognose für die Betroffenen denkbar schlecht: Langzeitüberlebende gibt es so gut wie gar nicht; die relative Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei elf Prozent (bei Männern und Frauen) und ist somit die niedrigste in Deutschland neben dem Mesotheliom [2].
“Dennoch ist die Wahrnehmung dieser aggressiven Tumorart in der Öffentlichkeit noch nicht wirklich angekommen – im Gegensatz zu anderen Tumoren wie etwa der Brust oder der Lunge”, berichtete Prof. Patrick Michl, Universitätsklinikum Heidelberg.
Schon heute steht das Pankreaskarzinom an vierter Stelle der Krebstodesursachen und könnte, Prognosen zufolge, bis zum Jahr 2030 auf die zweite Stelle vorrücken [2]. Damit stellt das Pankreaskarzinom nicht nur ein individuelles – sondern auch ein relevantes gesundheitspolitisches Problem dar.
Späte Diagnose, fehlende Prävention
Die geringen Überlebensraten sind vor allem auf die späte Diagnosestellung zurückzuführen. Bei über der Hälfte der Betroffenen erfolgt die Diagnose erst, wenn bereits eine lokal fortgeschrittene oder metastasierte Erkrankung vorliegt. Dabei gilt die frühe und aggressive Metastasierung als charakteristisch für das Pankreaskarzinom.
Ein Grund für die späte Diagnose ist, dass spezifische Warnzeichen im Frühstadium fehlen. Symptome wie Gelbsucht, Rücken- oder Bauchschmerzen, Gewichtsverlust oder neu aufgetretener Diabetes mellitus treten häufig erst im fortgeschrittenen Verlauf auf.
Darüber hinaus gibt es – im Gegensatz zu anderen Krebsarten wie Darmkrebs – keine gut sichtbaren Vorstufen bzw. Vorläuferläsionen, die bei Routineuntersuchungen erkannt und direkt behandelt werden könnten.
“Nur etwa 20 Prozent der Patientinnen und Patienten sind nach der Diagnose noch für eine radikale Chirurgie geeignet und selbst nach einem erfolgreichen Eingriff überlebt nur ein Teil der Operierten noch für längere Zeit”, erklärte Michl. Dazu kommt eine hohe Rückfallrate: 80 Prozent der Betroffenen entwickeln trotz einer vollständigen (R0)-Resektion ein Rezidiv innerhalb von zwei Jahren.
Michl betonte: “Somit ist das Pankreaskarzinom eines der Entitäten in der Gastroenterologie, bei der wir ganz massiv in die Prävention investieren müssen.” Dazu gehöre die primäre Prävention im Rahmen der Darmgesundheit bzw. der Ernährung.
Risikofaktoren beachten
Zu den unspezifischen Risikofaktoren für Pankreaskarzinom zählen Rauchen, Übergewicht, Fettleber, übermäßiger Alkoholkonsum sowie Diabetes mellitus. Daraus ergeben sich folgende Maßnahmen zur Prävention: Verzicht auf Alkohol und Tabak sowie regelmäßige Bewegung.
Warum das Pankreaskarzinom zunehmend häufiger auftritt, ist noch unklar. Doch da insbesondere Menschen in westlichen Ländern betroffen sind, könnte es mit der (zu üppigen) Ernährung zusammenhängen.
Folglich können eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung, wie z.B. Mittelmeerdiät, sowie eine Gewichtsabnahme empfohlen werden. Allerdings gibt es bislang keine spezifischen Ernährungsempfehlungen mit nachgewiesenem Nutzen. “Einschränkend ist zu sagen, dass die genannten Risikofaktoren nur mit einer moderaten Risikoerhöhung einhergehen”, ergänzte der Gastroenterologe.
Risikogruppen kontrollieren
Die aktuelle DGVS-Leitlinie empfiehlt kein Screening für die Allgemeinbevölkerung [2].
Allerdings bestehen laut Michl sehr wohl Risikokonstellationen, die jedoch zu wenig bekannt seien und folglich zu selten beachtet würden. Darunter fallen Patientinnen und Patienten mit Zysten in der Bauchspeicheldrüse, die gemäß der Leitlinie überwacht werden müssen. Dafür sollten die Betroffenen einmal pro Jahr zum MRT/MRCP oder endoskopischen Ultraschall (EUS) überwiesen werden.
Außerdem sollte bei solchen Personen eine genetische Abklärung erfolgen, die zwei oder mehr erstgradig-verwandte Familienmitglieder mit Pankreaskarzinom aufweisen. Gleiches gilt für Familien mit bekannten genetischen Syndromen oder Mutationen, die mit einem häufigeren Auftreten mehrerer Tumorarten assoziiert sind. Michl zufolge besteht “eine hohe Dunkelziffer genetisch bedingter Karzinome bei scheinbar “sporadischen” Fällen.
Nationale Strategie erforderlich
Eine systematische genetische Testung gefährdeter Patientinnen und Patienten könnte dabei helfen, auch deren Angehörige frühzeitig zu identifizieren und zu schützen. Um dieses Ziel zu erreichen, forderte Michl den Ausbau multizentrischer Registerstudien und eine stärkere Nutzung künstlicher Intelligenz, um individuelle Risikoprofile zu erstellen. Besonders wichtig sei die frühzeitige Identifikation von Personen mit erhöhtem Risiko, etwa mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes.
“Das deutsche Gesundheitssystem ist viel zu sehr auf Behandlung ausgerichtet!”, so Michl. Doch die Therapie des Pankreaskarzinoms ist bislang keine Erfolgsgeschichte. Eine nationale Strategie – beispielsweise im Rahmen einer “Dekade der Prävention” in Analogie zur “Dekade gegen Krebs”– sei nötig, um diese stille Gefahr wirksam zu bekämpfen.
Einen vielversprechenden neuen Ansatz gibt es immerhin für Personen mit hohem Risiko bzw. unklarer Läsion in der Bauchspeicheldrüse. Hier könnte ein Bluttest anhand metabolischer Signaturen helfen, ein Pankreaskarzinom zuverlässiger auszuschließen [3]. “Derzeit laufen einige Studien, daher hoffe ich, dass die Datenlage in den nächsten Jahren besser wird”, sagte Michl.
Quelle: Online-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. “Stille Gefahr im Bauch – warum beim Pankreaskarzinom dringend neue Wege zur Früherkennung und Prävention nötig sind”, am 04.06.2025.
Literatur
