Jobverlust, Trennung oder Scheidung, psychische oder Suchterkrankungen, Mietschulden: Es gibt viele Gründe, warum Menschen ihre Wohnung verlieren. Laut aktuellem Wohnungslosenbericht [1] der Bundesregierung sind deutschlandweit mehr als eine halbe Million Menschen betroffen, davon leben schätzungsweise knapp 50.000 auf der Straße.
Wohnungslosigkeit und Krankheit hängen eng miteinander zusammen: So empfindet sich nur etwa ein Drittel der Menschen ohne Unterkunft als körperlich und psychisch gesund. Erkrankungen können einen Wohnungsverlust mitverursachen. Umgekehrt führt das Leben ohne Wohnung häufig dazu, dass Erkrankungen neu entstehen oder sich aufgrund unzureichender Versorgung und Pflege verstärken und chronifizieren.
Welche konkreten pflegerischen und medizinischen Versorgungsbedarfe wohnungslose Menschen haben, wird seit Januar 2025 in einem Forschungsprojekt an der Ostfalia Hochschule Wolfsburg systematisch mithilfe der I.D.A.- App erfasst. Mit diesem digitalen Instrument können Mitarbeitende sozialer Einrichtungen auch ohne medizinische Vorbildung entsprechende Daten erheben.
Projektmitarbeiterin Michelle Madeleine Spörhase erklärte dazu: “Zum einen ist das Misstrauen wohnungsloser Menschen gegenüber medizinischem Personal groß. Zum anderen schätzen medizinische Fachkräfte die Lebensrealitäten dieser Menschen oft falsch ein.”
Wohnungslose haben massive Gesundheitsprobleme
Die vorläufigen Ergebnisse zeigen: “Die gesundheitlichen Probleme sind massiv und betreffen alle Organsysteme”, berichtete Spörhase.
Besonders häufig sind Erkrankungen der Atemwege, des Herz-Kreislauf- und Gefäßsystems, Infektionskrankheiten, chronische Schmerzen, Hautprobleme und schlecht heilende Wunden, Osteoarthritis, Parasitenbefall, schlechter Zahnstatus und Mangelernährung sowie Harnwegsinfekte und Nierenversagen. Infolge von Drogenkonsum oder Traumata sind auch neurologische und psychische Erkrankungen häufig.
Angesichts dieser vielen, häufig parallel auftretenden Gesundheitsprobleme forderte Spörhase: “Wir brauchen eine ganzheitliche intersektorale Versorgung, die über die bloße medizinische Behandlung hinausgeht.”
Das Fehlen ebensolcher Strukturen zeigt sich auch in der pflegerischen Versorgung von Menschen ohne Obdach in der Notaufnahme, wie Christin Beschorner vom Asklepios Klinikum Hamburg, berichtete. Viele der Hürden seien systembedingt: fehlende Krankenversicherung, kein stabiles soziales Umfeld, geringe Gesundheitskompetenz und häufig Depressionen.
“Scham spielt eine riesige Rolle – vor anderen und vor sich selbst”, betonte Beschorner, zudem gebe es eine “hohe Symptomtoleranz, selbst bei schweren chronischen Erkrankungen”.
Internationale Daten zeigten, dass obdachlose Patientinnen und Patienten in Notaufnahmen häufig untertriagiert werden – mit negativen Folgen für Verweildauer und Mortalität. Großbritannien sei hier weiter: Seit Inkrafttreten des Homelessness Reduction Acts von 2017 müsse dort jede stationäre Einrichtung eine Checkliste zum Entlassmanagement für wohnungslose Menschen abarbeiten.
Überbrückung zwischen Straße und Klinik
Wie wichtig eine Überbrückungsstruktur zwischen Straße und Klinik ist, verdeutlichte auch Christina Wenzel von der Caritas-Krankenstube in Hamburg. Deren Angebot richtet sich an Menschen, die “zu krank für die Straße, aber zu gesund fürs Krankenhaus” sind.
Die Einrichtung bietet ambulante medizinische und pflegerische Versorgung, verfügt aber auch über 18 stationäre Betten und versorgt wohnungslose Menschen nach Operationen, nach Tuberkulose-Therapien oder zur präoperativen Stabilisierung.
“Manchmal stehen Menschen mit Arztbrief vor unserer Tür, die vor Tagen entlassen wurden, ohne Hinweis auf uns – und das, obwohl wir ein Bett frei gehabt hätten”, sagte Wenzel. Die fehlende Vernetzung zwischen unterschiedlichen Hilfen führe außerdem zu “Drehtüreffekten” ohne Dokumentationskontinuität.
Wenzel warb für das Modell von Community Health Nurses, die sich insbesondere für die Verhältnisprävention von Menschen ohne Obdach einsetzen: “Es gibt wohl keine andere Personengruppe, bei der sich die Verbesserung der Lebensverhältnisse so unmittelbar auf den Gesundheitszustand auswirkt.”
Wie niedrigschwellige Versorgung funktionieren kann, schilderte auch Julia Dittmar von der Praxis am Stralauer Platz in Berlin. Das Angebot vereint medizinische, zahnmedizinische und soziale Unterstützung unter einem Dach. “Zu uns kommen Menschen, die morgens mit starken Schmerzen aufwachen, alles juckt, deren Schlafsack feucht ist – das ist ihr Alltag”, erklärte Dittmar.
Zentral sei der Ansatz ohne neue Barrieren: “Ich kenne keine Hausarztpraxis, in der man vor der Behandlung duschen kann oder wo im Wartezimmer auch Verhalten unter Alkohol- oder Drogeneinfluss toleriert wird.” Weil die Behandlungskontinuität fehlt, seien Erfolge kaum oder gar nicht messbar. “Aber für viele sind Projekte wie unseres die einzige Chance zu überleben.”
Heike Horr und Nicole Tammert aus Kiel wiederum präsentierten mit dem Zahnmobil Schleswig-Holstein eine mobile, spendenfinanzierte Zahnarztpraxis. Sie fahren Orte an, an denen sich wohnungslose Menschen und Geflüchtete aufhalten.
“Viele waren schon jahrelang nicht mehr beim Zahnarzt und kommen mit heftigsten Schmerzen”, berichtete Horr. Aufgrund fehlender Mundhygiene, Drogen- und Alkoholkonsum hätten die meisten ihrer Patientinnen und Patienten einen sehr schlechten Zahnstatus.
Die häufigste Maßnahme seien Extraktionen. Aufgrund fehlender Anschlussbehandlung sei eine Versorgung mit Kronen oder Brücken hingegen kaum möglich. Dafür baut das Zahnmobil eine andere Sorte Brücken, wie Tammert betonte: “Und zwar Brücken zu Menschen, die sonst außen vor bleiben.”
Quelle: 23. Gesundheitspflegekongress am 8. November 2025 in Hamburg
Literatur: 1. Wohnungslosenbericht der Bundesregierung, www.hausarzt.link/I91DH
