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KongressberichtUmdenken bei Rückenschmerzen

Ebenso wie Rückenschmerzen selbst, grassiert deren Fehlinterpretation durch statische Diagnosen. Die Folge sind unwirksame Therapien und unnötige Chronifizierung. Aktuelle Forschungen zeigen: Um die Erkrankung richtig zu verstehen und zu behandeln, bedarf es der Analyse dynamischer Bewegungsmuster sowie ganzheitlicher Untersuchungsansätze.

Muskelaktivität und Belastungsverteilung bestimmen den Rückenschmerz.

Sie gehören rund um den Globus zu den häufigsten Beschwerden. Allein in Deutschland geht jährlich etwa jeder dritte Erwachsene wegen Rückenschmerzen zum Arzt. Bei bis zu zwanzig Prozent werden sie chronisch. Das beeinträchtigt Lebensqualität wie Arbeitsfähigkeit erheblich und verursacht pro Jahr 25 Millionen Euro an Kosten.

Doch trotz zahlreicher chirurgischer, medikamentöser und rehabilitativer Maßnahmen hat sich die Prävalenz chronischer Rückenschmerzen (cLBP) in den letzten Jahrzehnten kaum verändert, sagt Prof. Dr. biol. hum. Hendrik Schmidt, Berlin Institute of Health Julius Wolff Institut, Center for Musculoskeletal Biomechanics and Regeneration an der Charité Berlin.

Und er weiß auch, woran das liegt: “Die herkömmlichen konventionellen diagnostischen Verfahren erfassen die Komplexität der Wirbelsäulenfunktion nicht ausreichend. Das dynamische Verhalten der Wirbelsäule im Alltag wird so nicht angemessen abgebildet”.

Viele Diagnosemethoden sind obsolet

Die Standarddiagnostik mit bildgebenden Verfahren identifiziert die spezifische Ursache nur in 10 bis 15 Prozent der Fälle. Standardtests wie der Schober-Test oder die Finger-to-Floor-Messung erfassen nur etwa fünfzig Prozent der tatsächlichen Beweglichkeit. Nur zwei Exempel, weshalb “sechzig Prozent aller Diagnoseverfahren weltweit sofort wegfallen können”, so Prof. Schmidt.

Denn sie führen oft zu nicht zielgerichteten Therapien: “Die zugrundeliegenden funktionellen Einschränkungen werden nicht adressiert und die ursächlichen biomechanischen und psychosozialen Faktoren bleiben unbeachtet”.

Holistischer biopsychosozialer Ansatz

Die Forschungsgruppe von Prof. Schmidt untersucht die dynamische Interaktion von Morphologie, Motion und Mechanics – die sogenannten 3 Ms. “Das dient als Grundlage für ein besseres Verständnis von cLBP”. Bei der Morphologie geht es um strukturelle Veränderungen wie Degeneration der Bandscheiben und Wirbel oder paraspinale Muskeldegeneration, welche die Bewegungsfähigkeit der Wirbelsäule beeinflussen.

Motion dreht sich um individuelle Bewegungsmuster. “Deren Einschränkungen liefern entscheidende Hinweise auf funktionelle Störungen, die oft in angrenzenden Regionen auftreten, nicht nur an der Stelle des Schmerzes”, so Prof. Schmidt. Beim Aspekt Mechanics geht es darum, Muskelaktivität und Belastungsverteilung zu bestimmen und so herauszufinden, wie die Wirbelsäule mechanisch auf alltägliche Aktivitäten reagiert.

Eine weitere zentrale Rolle spielen psychosoziale Faktoren wie etwa Wahrnehmung, Emotionen und Motivation. “Erst die holistische Integration von Bewegung, Funktion, Mechanik, Muskelaktivität und psychosozialen Faktoren ermöglicht eine realistische Einschätzung und damit eine präzise Diagnose”.

Das, so der Berliner Experte weiter, ebnet den Weg zu endlich effektiven, weil personalisierten Therapien und optimiert die Präventionsinterventionen.

Die Schmerzintensität im Alltag variiert stark

Zur praktischen Umsetzung des Ansatzes werden zum einen dynamische 24-Stunden-Bewegungsanalysen durchgeführt. Dabei geben auf dem Rücken schmerzfrei fixierte Sensoren detaillierten Aufschluss über die Bewegungsabläufe im Alltag. Laut Prof. Schmidt zeigt sich in der Auswertung bei Personen mit chronischen Rückenschmerzen eine deutlich reduzierte Haltungs- und Bewegungsvariabilität in der Wirbelsäule.

“Das betrifft insbesondere den Lendenbereich, was auf eine verminderte Anpassungsfähigkeit hinweist”. Die weitere Säule des Konzepts sind Alltagsanalysen über zwei Wochen hinweg. Dabei werden Intensität und Wahrnehmung von Schmerzen, mentale Verfassung und Gesundheitsverhalten erfasst.

In diesen Analysen wurde unter anderem festgestellt, dass die wahrgenommene Schmerzintensität im Alltag stark variiert und momentanen Schwankungen unterliegt. “Sie wird durch bewegungsbezogene Ängste verstärkt, kann jedoch durch positive, adaptive Gedankenmuster wieder gesenkt werden”.

Neue Sicht auf den Rücken erforderlich

Im Zuge seiner Forschungsarbeit hat Prof. Schmidt erfahren, das sich am Rücken sehr vieles ablesen lässt: “Er lügt nicht, sondern spiegelt die tatsächlichen Belastungen und Anpassungen unmittelbar wider – dynamisch, individuell und messbar”. Um all dies zu erfassen, bedarf es einer anderen Sichtweise.

“Um Rückenschmerzen richtig zu verstehen, müssen wir auf Weitwinkel von Kopf bis Fuß einstellen, anstatt weiter kurzsichtig an bisherigen Diagnoseverfahren festzuhalten”.

Personalisierte Therapiepläne etablieren

Die Forschungen sind noch nicht abgeschlossen, doch klar ist bereits jetzt: Ein Umdenken in Diagnostik und Therapie von cLBP besitzt eine enorme praktische und klinische Relevanz. Denn die Echtzeitmessungen von Schmerzwahrnehmung, mentaler Gesundheit, Bewegungsmustern, Muskelaktivität und segmentalen Belastungen ermöglichen es in Zukunft, personalisierte Therapiepläne zu etablieren.

Diese werden interdisziplinäre, multimodale Interventionen beinhalten. “So zum Beispiel Kombinationen aus Bewegungstherapie, gezielter Muskelaktivierung, Psychotherapie und falls erforderlich auch pharmakologischer Unterstützung”.

Darüber hinaus und nicht minder wichtig, dass man Risikopatientinnen und -patienten identifiziert, bevor chronische Beschwerden entstehen und um rechtzeitig präventive Strategien einzuleiten, kann künftig auch die Früherkennung verbessert werden

Quelle: Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e. V. (DMKG) am 23.10.2025.

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