© Yvonne Jung FotografieBei der practica gab es wie jedes Jahr spannende Vorträge und praktische Tipps.
Antihypertonika absetzen, Kognition verbessern?
Bei älteren Heimbewohnenden mit kognitiver Einschränkung könnte man mit Vorsicht erwägen, eine intensive Blutdruckmedikation zu senken. Dafür liefert laut Dr. Günther Egidi eine US-amerikanische Kohorten-Studie (doi: 10.1001/jamainternmed.2024.4851) mit 12.644 US-Veteranen in Heimen Ansatzpunkte.
Demnach verlangsamte sich der kognitive Abbau in der Gruppe der über 65-Jährigen, bei denen die Medikamente oder deren Dosis reduziert wurde. Personen mit Herzfehler oder Blutdruck über 160/90 mmHg waren ausgeschlossen. Wer mindestens vier Wochen eine Blutdrucktherapie bekam, wurde entweder der Absetz-Gruppe oder der Kontrolle (unveränderte Therapie) zugeordnet.
Nach zwei Jahren hatte sich insgesamt die Kognition bei 12 Prozent verschlechtert, bei 7,7 Prozent verbessert. Die Per-Protokoll-Analyse zeigte, dass in der Absetz-Gruppe 12 Prozent weniger Verschlechterung auftrat als bei den Kontrollen. Bei Dementen waren es sogar 16 Prozent weniger.
Auch wenn weitere Daten nötig sind, seien dies interessante Ergebnisse, besonders wenn man bedenke, dass in den letzten Lebensjahren die Hypertonie bei den meisten Menschen verschwinde, gab Egidi im Seminar “Studienwunschkonzert” zu bedenken.
Strategien bei Schulabsentismus
Schulabsentismus ist ein Oberbegriff für alle Formen des Fehlens in der Schule, das nicht wegen somatischer Befunde erfolgt – etwa Schulschwänzen, fremdgesteuerte Schulversäumnisse oder angstgesteuerte Schulvermeidung. Lisa Degener stellte hausärztliche Strategien vor, um mit diesem komplexen Phänomen umzugehen.
Wichtig sei zunächst, bei offenkundig funktionellen körperlichen Beschwerden nach Schulfehlzeiten zu fragen. Nach gründlicher somatischer Abklärung ohne medizinische Erklärung für die Beschwerden sollten keine wiederholten Krankschreibungen erfolgen. Degener riet außerdem dazu, klare Absprachen über die Bedingungen für eine Attestausstellung zu treffen – ggf. auch mit den Eltern. An “kranken” Tagen solle eine Tagesstruktur erhalten oder neu etabliert und Bildschirmmedien verboten werden. Eine Option sei auch, die Schule in reduziertem Umfang zu besuchen.
“Das Schulgesetz sieht vor, dass allein die Eltern Schulversäumnisse der Kinder entschuldigen müssen. Eine Attestpflicht kann die Schule nur in begründeten Ausnahmen erlassen – und diese Ausnahme sollten wir dann kennen und entsprechend ins Gespräch kommen”, so Degener.
Sie betonte, dass Schulvermeidung eine erhebliche Entwicklungsgefährdung der Kinder und Jugendlichen darstelle. Eine psychosomatische bzw. psychiatrische Abklärung sei einzuleiten und eine ambulante Psychotherapie zu empfehlen. Bei erfolglosen ambulanten Maßnahmen sei eine stationäre Behandlung der nächste Schritt. Bei totaler Schulvermeidung solle ein Attest nur mit Auflagen ausgestellt werden (zum Beispiel bis zur stationären Aufnahme, zumindest reduzierten Schulbesuch anstreben, morgendliches Aufstehen, Beendigung von exzessivem Medienkonsum).
Kulturell bedingte Missverständnisse vermeiden
“Ich habe einen Frosch im Hals”, “mein Herz ist gebrochen”, “ich habe mir den Kopf erkältet”: In jeder Kultur gibt es Redewendungen bzw. Organchiffren – so viele, dass wir sie gar nicht alle kennen können, erklärte Dr. Torben Brückner. Beispielsweise hätten in manchen Kulturen Leber und Lunge in Redewendungen eine vielseitige Bedeutung im Sinne von Trauer, Krankheit und Schmerzen.
So sei “meine Leber brennt” für aus der Türkei stammende Menschen ein Ausdruck von Trauer. Auch “mein Bauch ist wie ein Stein” stünde dort eher für seelische Beschwerden; “Ich habe mir den Kopf erkältet” für die Angst, psychisch zu erkranken. Menschen aus dem ostasiatischen Raum könnten die Seelenqual hingegen eher als ein Problem in den Nieren beschreiben.
Brückner rät dazu, im Zweifel nachzufragen, was die Betroffenen damit sagen wollen und ob es sich um einen Sinnspruch aus der Heimat handelt. Generell gelte es zu hinterfragen, ob eine Person aus einem anderen Kulturkreis evtl. etwas ganz anderes meint: So würden Männer, die ein Problem im Intimbereich haben, häufig um eine Ganzkörperuntersuchung bitten, statt ihr Problem direkt anzusprechen.
Brückner wies außerdem darauf hin, dass in vielen Kulturen Spritzen über Tabletten gestellt und Operationen oft als höherwertig eingestuft werden – eine Erklärung könne hier helfen, Enttäuschung zu vermeiden.