Düsseldorf. Der Strom fällt aus. Telefon und Internet funktionieren nicht mehr. Medikamente können nicht nachbestellt werden, digitale Patientenakten sind nicht verfügbar. Das sind Szenarien, mit denen Praxen immer wieder konfrontiert werden. Aber wie kann man sich etwas besser wappnen, wenn die Ausfälle länger andauern?
Beim online-Seminar “Krisenmanagement im Gesundheitswesen” der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen (in Kooperation mit dem Bundesamte für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, der Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung) am 7. und 9. Oktober unterstrichen die Referenten: Krisenvorsorge beginnt lange vor der eigentlichen Krise. Und sie ist nicht allein Aufgabe von Behörden, Hilfsorganisationen oder Krankenhäusern – auch den Arztpraxen kommt eine hohe Bedeutung zu.
Dabei geht es nicht nur um die eigene Handlungsfähigkeit, sondern auch um die Vorbereitung der Patienten bzw. Bürger. Denn wenn Menschen wissen, wie sie sich bei einem Stromausfall, einer Naturkatastrophe oder anderen Notlagen verhalten sollen, entlastet das im Ernstfall das gesamte Gesundheitswesen.
Wegkommen vom Fokus Effizienz
Deutschland habe in den vergangenen Jahrzehnten vor allem auf Effizienz gesetzt, erklärte André Martini, Referent für Notfall- und Krisenmanagement bei der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen. Reservekapazitäten seien vielerorts reduziert worden. Während des Kalten Krieges etwa standen bundesweit noch rund 215 Hilfskrankenhäuser mit etwa 82.000 Betten zur Verfügung. Auch die Zahl öffentlicher Schutzräume war deutlich höher als heute.
Die höhere Effizienz sei auf Kosten der Resilienz gegangen – auch wenn Deutschland im EU-Vergleich immer noch zum Beispiel über viele Krankenhausbetten verfüge, so Martini. Umso wichtiger sei es, die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung wieder zu stärken. Bürgerinnen und Bürger sollten zumindest für einen begrenzten Zeitraum in der Lage sein, sich selbst zu versorgen und auch zu lernen, was zu tun sei.
Ratgeber für das Wartezimmer
Ein hilfreiches Instrument dafür ist der im Oktober 2025 grundlegend überarbeitete Ratgeber “Vorsorgen für Krisen und Katastrophen” des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), für den Martini warb. Es wäre klasse, so der Referent, wenn Ärztinnen und Ärzte den Ratgeber in ihren Praxen auslegen und so das Wissen in die Breite tragen könnten.
Der kostenlose Ratgeber enthält Empfehlungen zur Notfallvorsorge bei Stromausfällen, Hochwasser, Bränden und anderen Extremwetterlagen. Er erläutert, welche Vorräte sinnvoll sind, welche wichtigen Dokumente griffbereit sein sollten und wie Menschen informiert bleiben können, wenn digitale Kommunikationswege ausfallen.
Bei der Überarbeitung, so das BBK, seien Inhalte zu aktuellen Bedrohungslagen neu hinzugekommen. Dazu gehören Hinweise zum Umgang mit Desinformation, Informationen über Schutzmöglichkeiten bei Explosionen sowie Empfehlungen zum Umgang mit Ängsten und psychischen Belastungen in Krisensituationen. Auch Fragen der familiären Krisenvorsorge werden behandelt. Ziel des Ratgebers, so das BBK, sei es, Menschen handlungsfähig zu machen und ihnen Orientierung zu geben, wenn gewohnte Strukturen plötzlich nicht mehr funktionieren.
Erfahrungen aus dem Ahrtal
Wie wichtig persönliche Vorsorge (und das Wissen über Anlaufstellen) sein kann, zeigte die Flutkatastrophe im Ahrtal. Dort waren zahlreiche Menschen zeitweise von der regulären Gesundheitsversorgung abgeschnitten.
In den Notbetriebsstätten, erinnerte Inga Hennig-Finke, Abteilungsleiterin Rettungsdienst, Deutsches Rotes Kreuz Wülfrath, hätten sich vor allen Dingen jüngere Leute versammelt. Später wurde dann offenbar: Chroniker – etwa Diabetiker oder Schmerzpatienten – konnten ihre Häuser teils nicht verlassen und wurden mehrere Tage nicht versorgt.
Rüstzeug für Arztpraxen
Neben der Vorsorge der Bevölkerung rückte auf dem Seminar die Widerstandsfähigkeit der Arztpraxen selbst in den Mittelpunkt. Sascha Foerster, Dezernat Sicherstellung und Versorgungsstruktur bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) stellte dazu die am 8. Oktober erschienene Broschüre „Vorsorge in Praxen für Krisen und Katastrophen“ vor. Herzstück der Broschüre sind Checklisten, mit denen Praxen ihre eigene Krisenfestigkeit überprüfen können.
Ohne Praxen gebe es keinen stabilen Bevölkerungsschutz, betonte Foerster die wichtige Rolle der Arztpraxen. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte behandelten siebzig Prozent der Akut- und Notfallpatienten. Breche diese Filterfunktion in der Krise weg, führe das zu einer Destabilisierung des Gesundheitswesens. Schließlich gelte der Sicherstellungsauftrag auch im Krisenfall.
