Wenn Moritz Eckert in der elektronischen Patientenakte (ePA) seines Patienten relevante Informationen wie etwa Befunde mitbehandelnder Fachärzte sucht, so ist diese Suche zeitaufwändig – und oft auch erfolglos. “Ich muss mich durch sämtliche PDF-Dateien mühsam durchklicken”, berichtet der Hausarzt aus seinem Alltag.
Zwar sehe er “Licht am Ende des Tunnels”: Man merke immer öfter, welche Praxen mit ihrer Software eine gute Metadatenpflege hinbekämen – aktuell könne man sich auf die hinterlegten Metadaten und insbesondere das Datum der Befunde aber leider nicht immer verlassen.
Bei aller Entwicklung zum Guten sei die Arbeit mit der ePA damit oft noch “etwas frustrierend”, auch weil sich unter den Dokumenten immer wieder Dubletten finden.
Dr. Sandra Blumenthal, Hausärztin in Berlin und Co-Vorsitzende des HÄV Berlin und Brandenburg (BDA), erklärt den Blick in die ePA ganz anschaulich: “Stellen Sie sich einen Desktop vor, auf dem es keine Ordner gibt. Sie laden einfach jedes PDF hoch, das reinkommt – egal, ob es die Heizkostenrechnung ist, der Brief Ihrer Schwiegermutter oder ein Röntgenbefund. Im Prinzip ist das das Ordnungssystem der aktuellen ePA.”
Das, was Eckert eine “ungeordnete Müllhalde” und Blumenthal einen “wilden PDF-Wust” nennt, kritisiert auch Dr. Laura Dalhaus: Die “unsortierte Loseblattsammlung”, die die ePA heute sei, bringe keinerlei Mehrwert im Praxisalltag, so die Hausärztin.
ePA im Praxisalltag angekommen
Neben weiteren Kritikpunkten ist die Ansammlung unsortierter PDF-Dateien damit das größte ePA-Ärgernis. Das zeigt eine stichprobenartige Umfrage unter Hausärztinnen und Hausärzten, die die ePA seit nunmehr einem Jahr nutzen. Als Testpraxen hatten sie die ePA bereits fest etabliert, als diese zum 1. Oktober 2025 bundesweit verpflichtend geworden ist.
Dabei ist die Bereitschaft zur ePA-Nutzung unter Ärztinnen und Ärzten ausgesprochen hoch. Gerade im Vertretungsfall bringe sie einen bedeutenden Nutzen, sieht Eckert. Dass die große Mehrheit der Praxen die ePA nutzt, zeigen erste Ergebnisse einer groß angelegten Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) [1], an der rund 4.500 ärztliche und psychotherapeutische Praxen teilgenommen haben.
80 Prozent von ihnen gaben an, bereits Dokumente in eine ePA eingestellt zu haben, rund drei Viertel haben sich schon Arztbriefe, Befundberichte oder andere Unterlagen angesehen. Ausführliche Ergebnisse der Umfrage waren zuletzt für Ende Februar angekündigt, lagen bei Redaktionsschluss jedoch noch nicht vor.
Medikationsliste zeigt Potenzial
Die Medikationsliste als erste Anwendung zeigt unterdessen das Potenzial der ePA. “Manche Menschen betrachten verschiedene Mittel gar nicht als Medikation”, erklärt Dr. Matthias Hempel, hausärztlicher Internist in Detmold.
Hier habe man jetzt einen “guten Überblick”. Auch mit Blick auf die Compliance seiner Patientinnen und Patienten: “Wenn der Blutdruck trotz verordnetem Medikament immer noch hoch ist, kann ich jetzt sehen, ob das Rezept eingelöst wurde.”
Ein Manko: Betäubungsmittel (BtM) werden noch nicht eingepflegt, bedauern die von “Hausärztliche Praxis” angeschriebenen ePA-Nutzer. Die Einführung des elektronischen BtM-Rezepts habe sich auf unbestimmte Zeit verzögert, kritisiert Dalhaus.
Um ihr Potenzial zu entfalten, muss die ePA jedoch praxistauglich ausgestaltet sein. Das hatte der Hausärztinnen- und Hausärzteverband (HÄV) von Beginn an angemahnt. Doch: “Der Mehrwert für die Praxen sowie für Versicherte ist bislang übersichtlich”, so die ernüchternde Zwischenbilanz von Dr. Markus Beier, Co-Bundesvorsitzender des HÄV. “Derzeit ist die ePA vor allem eine unsortierte PDF-Sammlung, mit der Praxen im Alltag nur wenig anfangen können.”
“Kliniken kennen die ePA nicht”
Hinzu kommen gravierende Lücken. Denn für die Übermittlung von Befunden besteht aktuell kein geordneter Weg, so eine Beobachtung der Nutzenden.
“Wirklich neue Befunde finde ich in der ePA in der Regel nicht”, meint Eckert. Die anderen Fachärzte hätten die Befunde vorher schon über eArztbrief, KIM oder Fax übermittelt.
Bei Dr. Mohammad Ahmadi im bayerischen Mainstockheim sieht das anders aus: Hier würden Kolleginnen und Kollegen mitunter Befunde hochladen, dann aber auf KIM, Post und Co. verzichten. “Hier gibt es keine einheitliche Linie.” Das wiederum erhöhe seinen Arbeitsaufwand enorm, bis neue Befunde verlässlich gefunden seien.
Bei Hempel seien es mittlerweile rund 50 Prozent der fachärztlichen Kollegen, die Berichte einstellen würden – Tendenz steigend, lobt er. Vor allem Röntgenbefunde von radiologischen Instituten in der ePA seien sehr hilfreich und erleichterten die Arbeit.
Der größte Knackpunkt jedoch: Kliniken, so die hausärztlichen Testpraxen nach ihrem ersten Jahr, “kennen die ePA gar nicht”.
Sie machten schlichtweg nicht mit, kritisiert Dalhaus. “Es gibt keine eArztbriefe, keine KIM-Nachrichten, keine Entlassbriefe”, berichtet auch Hempel. Dabei würde das Praxen eine immense Arbeitserleichterung verschaffen und Arbeitsstunden von Praxisteams “in erheblichem Ausmaß” freisetzen.
Doch nicht nur die Kliniken, auch die Patientinnen und Patienten seien in weiten Teilen unbeteiligt. So haben zwar rund 70 der gut 74 Millionen gesetzlich Versicherten im Zuge des Opt-out-Modells eine ePA von ihrer Kasse angelegt bekommen [2].
Doch: “Die allerwenigsten haben sich ihre ePA bislang überhaupt angeschaut. Das liegt vor allem an dem absurd komplizierten Registrierungsprozess”, so HÄV-Vorsitzender Beier.
Versicherte sind oft außen vor
So hat eine Umfrage der Verbraucherzentrale im Februar gezeigt, dass 71 Prozent der Menschen ihre ePA nicht aktiv verwalten [3]. Die zu komplizierte Handhabung kritisiert auch der VdK, der größte Sozialverband Deutschlands. “Aktuell empfinden viele die Anwendung als zu kompliziert, zudem fehlt es an einem barrierefreien Zugang und einer nutzerfreundlichen Bedienung”, sagt VdK-Präsidentin Verena Bentele auf Anfrage von “Hausärztliche Praxis”.
Dabei hänge der Erfolg der ePA maßgeblich davon ab, wie viele Menschen sie tatsächlich nutzten. Doch viele wissen gar nicht von ihrer ePA, so eine Beobachtung. Die Kassen waren zwar gesetzlich verpflichtet, ihre Versicherten zu informieren [4]. “Dies ist jedoch nur unzureichend geschehen”, kritisiert der HÄV.
Mindestens ebenso wichtig wie das Wissen rund um die ePA ist die solide technische Basis – doch auch an dieser mangelt es. Eines der gravierendsten Probleme sei, dass die Telematikinfrastruktur (TI) nicht zuverlässig funktioniere, erinnert Beier. “Immer wieder kommt es zu massiven Störungen und Ausfällen. Das frisst in den Praxen unglaublich viel Zeit und sorgt für enormen Frust.”
Technik-Frust an der Tagesordnung
Auch in der KBV-Umfrage berichteten fast 60 Prozent der Praxen, dass sie in den vergangenen Wochen mindestens einmal nicht auf die ePA zugreifen konnten. Bei 53 Prozent war der Zugriff sehr langsam. Mehr als jeder Dritte gab an, dass das Einstellen von Dokumenten teilweise nicht möglich war. Bei 27 Prozent war seit Einführung der ePA mindestens einmal das PVS abgestürzt. [1]
Der HÄV hat vor diesem Hintergrund Ende Februar eine Erhöhung der TI-Pauschalen gefordert, damit Praxisinhabende nicht auf den Kosten für Technikereinsätze sitzen bleiben [5]. Zudem müsse die ePA nun zügig weiterentwickelt und praxistauglich gemacht werden, mahnt Beier. Ein dringender, ganz konkreter Wunsch ist die Volltextsuche.
Diese hatte die Gematik zum Jahreswechsel auf Anfrage von “Hausärztliche Praxis” in einer “weiteren Ausbaustufe 2026” angekündigt [6]. “Zudem müssen die Daten strukturiert vorliegen”, mahnt Beier. Ziel muss sein, dass ein Blick in die ePA schnell und zuverlässig Aufschluss bringt. Gerade mit steigenden Nutzungszahlen – und damit auch mehr Dokumenten – wird es essenziell, dem “PDF-Wust” Einhalt zu gebieten.
red
Fazit
- Seit 1. Oktober 2025 sind Praxen und Kliniken verpflichtet, wichtige Daten wie Befunde oder Laborwerte in die elektronische Patientenakte (ePA) einzustellen, die ersten Testpraxen nutzen sie bereits seit über einem Jahr.
- Rückmeldungen aus diesen Testpraxen zeigen, dass die ePA mittlerweile fester Bestandteil der Praxisabläufe ist – und gleichzeitig zentrale Kritikpunkte: die Unübersichtlichkeit der PDF-Dateien, die Nichtbeteiligung von Kliniken sowie regelmäßige Technik-Ausfälle. Dies belegt auch eine aktuelle Umfrage der KBV.
- Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband fordert dringend die Weiterentwicklung der ePA, um die Praxistauglichkeit zu erhöhen, etwa durch Ergänzung einer Volltextsuche sowie Integration von BtM-Rezepten.
Quellen
- Umfrage der KBV, https://www.kbv.de/praxis/tools-und-services/praxisnachrichten/2026/02-05/umfrage-zeigt-praxen-setzen-die-epa-aktiv-ein-technische-umsetzung-muss-weiter-verbessert-werden, zuletzt aufgerufen am 27.2.20262.
- Information der KBV, https://www.kbv.de/praxis/tools-und-services/praxisnachrichten/2025/02-27/Millionen%20Versicherte%20haben%20jetzt%20eine%20ePA%20-%20Doch%20was%20steht%20drin-, zuletzt aufgerufen am 27.2.2026
- Repräsentative Befragung der Verbraucherzentrale Bund, https://www.vzbv.de/pressemitteilungen/elektronische-patientenakte-viel-potenzial-bislang-wenig-nutzen, zuletzt aufgerufen am 27.2.2026
- Gematik, ePA-Infoservices der gesetzlichen Kassen, https://www.gematik.de/versicherte/epa-app, zuletzt aufgerufen am 27.2.2026
- Pressemitteilung „Telematikinfrastruktur-Chaos: Hausärztinnen- und Hausärzteverband fordert Erhöhung der TI-Pauschale“, 20.2.206, https://www.haev.de/presse-medien/pressemitteilungen/nachrichten-detailansicht/telematikinfrastruktur-chaos-hausaerztinnen-und-hausaerzteverband-fordert-erhoehung-der-ti-pauschale, zuletzt aufgerufen am 27.2.2026
- Überblick „Das hält 2026 in Sachen Digitalisierung parat“, https://www.hausaerztlichepraxis.digital/praxis/e-health-und-it/das-haelt-2026-in-sachen-digitalisierung-parat-172350.html, zuletzt aufgerufen am 27.2.2026
