Hausarztpraxen spielen in der Aufklärung der Bevölkerung zur Organspende eine Schlüsselrolle. Das zeigen aktuelle Zahlen. Doch die zur Verfügung stehende EBM-Ziffer 01480 wird nur alle zwei Jahre vergütet, und der vorgesehene Zeitrahmen ist zu knapp bemessen. Um effektiv zu beraten, kann ein strukturiertes Konzept im Praxisalltag helfen.
Dr. Judith von Oetinger und Prof. Karl-Bertram Brantzen, MVZ im Rheingau
Die Organ- und Gewebespende ist ein Thema, zu dem sich viele Menschen klare, verlässliche Informationen wünschen – und zu dem Hausarztpraxen wichtige Anlaufstellen sind. Das belegen zuletzt im Dezember veröffentlichte Zahlen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Der jüngsten Repräsentativbefragung zufolge gilt mehr als die Hälfte (57 Prozent) der Befragten nur als “mäßig informiert”, vier Prozent zeigten gar deutliche Wissenslücken. [1]
Diese Wissenslücken können wir im Praxisalltag nicht schließen. Nichtsdestotrotz spielen Hausarztpraxen eine bedeutende Rolle. Anderen, bereits im April 2025 veröffentlichten BIÖG-Daten zufolge haben rund 82 Prozent der mehr als 350 befragten Hausärztinnen und Hausärzte innerhalb von zwei Jahren Informationsgespräche zur Organspende geführt. [2]
Zur Erhöhung der Organspendebereitschaft ist das ein wichtiger Baustein. Denn wie die Patientenverfügung ist auch die Organspende ein Thema, das Menschen über lange Zeit erst einmal von sich wegschieben. Initiale Abneigung ist keine auf Argumenten basierende Ablehnung der Organspende, sondern eine Nichtbeschäftigung mit dem Thema. Sprechen wir Hausärztinnen und Hausärzte als Vertraute das Thema an, zeigt sich oft eine positive Grundhaltung gegenüber der Organspende. [2]
Jüngst ist die Zahl der Organspenden in Deutschland auf den höchsten Stand seit mehr als zehn Jahren gestiegen: 2025 spendeten insgesamt 985 Menschen ein oder mehrere Organe, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) Mitte Januar mitteilte. [3] Doch diese Zahlen bleiben weit hinter dem realen Bedarf zurück, weshalb es für uns Hausärztinnen und Hausärzte weiterhin wichtig ist, die Organspende in unseren Patientengesprächen zu platzieren.
Strukturiertes Konzept für den Praxisalltag entwickelt
Hierfür haben wir ein strukturiertes Organspende-Beratungsprojekt ins Leben gerufen, das unter der Schirmherrschaft des Ethikkomitees der Bezirksärztekammer Rheinhessen entstanden ist. Auch der Hausärztinnen- und Hausärzteverband Rheinland-Pfalz begrüßt das Engagement sehr.
Das Konzept zeigt, wie die Organspendeberatung fest in die Praxisabläufe eingebunden werden kann, und soll Kolleginnen und Kollegen nun zugänglich gemacht werden. Es kann, möglicherweise mit Anpassungen, auf Praxen jeder Struktur und Größe übertragen werden und soll ein Anstoß sein, einen eigenen Beitrag zu einer “Kultur der Organspende” zu leisten.
Knapp vier Jahre ist es her, dass die 01480 EBM eingeführt wurde – bewusst mit dem Ziel, die Organspendeberatung in der Hausarztpraxis zu stärken. Bekanntlich kann bei Patientinnen und Patienten ab einem Alter von 14 Jahren dieses Beratungsgespräch alle zwei Jahre abgerechnet werden.
In unserem MVZ wird daher bereits bei der Vorbereitung der Arzt-Konsultation durch die MFA (erste Akutanamnese, symptomfokussierte Vitalparameter) geklärt, ob die 01480 erstmalig oder erneut zum Ansatz kommen kann. Ist dies der Fall, wird die Einverständnis des Patienten zu einer Beratung eingeholt und dies für die behandelnde Ärztin bzw. den Arzt in der Akte dokumentiert.
Praxis-Tipp: Ein Vorschlag für die Patientenansprache durch die MFA lautet: “Die Gesundheitspolitik hat die Hausarztpraxen dazu aufgerufen, ihre Patientinnen und Patienten regelmäßig auf das Thema Organspende anzusprechen und sie zu animieren, sich, falls noch nicht geschehen, damit auseinanderzusetzen. Sind Sie einverstanden, dass Frau Dr. XX / Herr Dr. XY sie gleich auch darauf anspricht?”
Infomaterial wird darüber hinaus angeboten und ggf. ausgehändigt (s. Link-Tipps oben). Auch kann an dieser Stelle klargestellt werden, dass es sich nicht um ein “Überreden”, sondern lediglich um eine ergebnisoffene Auseinandersetzung mit dem Thema geht.
Auf diese Weise trifft das Gespräch den Patienten nicht unerwartet. Er hat also in den Minuten bis zur Begegnung mit dem Arzt Zeit, sich etwa mithilfe einer kleinen Checkliste (z.B. gemäß der ausgehändigten Praxismaterialien) mit dem Thema zu befassen und wird dann auf die möglichen Fragen nach Bedenken und Hinderungsgründen nicht mit Allgemeinplätzen antworten.
Vorformulierte Fragen und Sätze helfen
Die in die nun folgende ärztliche Konsultation eingebundene Beratung zur Organspende kann thematisch dann aussehen wie im Flussdiagramm dargestellt (Abb. unten). Ein so klares Schema kann helfen, eine gezielte Kurzzeit-Beratung anzubieten.
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