Hitze steht nur selten als Todesursache auf dem Totenschein. Doch das Robert Koch-Institut (RKI) geht auf Basis statistischer Modelle davon aus, dass in Deutschland in diesem Sommer bis Anfang August rund 12.500 Menschen an den Folgen von Hitze gestorben sind. Damit liegt die Zahl der Hitzetoten bereits über den Spitzenjahren 2018 und 2019.
Der hiesige Sommer spiegelt wider, was in Europa längst als Trend erkennbar ist. Der dritte “Lancet Countdown in Europe”-Report [1] geht für 2024 europaweit von 62.775 hitzebedingten Todesfällen aus. In 820 von 823 Regionen stieg die hitzebedingte Sterblichkeit 2015 bis 2024 gegenüber 1991 bis 2000. Im Schnitt kamen 52 hitzebedingte Todesfälle pro eine Million Einwohner hinzu.
Hitze ist nur ein Teil des Problems
Im Jahr 2024 erlebten Säuglinge und Menschen ab 65 Jahren, die als besonders vulnerabel gelten, europaweit 2,3 Milliarden Personentage Hitzewellen. Dies entspricht einem Anstieg um 254 Prozent gegenüber dem Referenzzeitraum der Jahre von 1991 bis 2000. Die Zahl der Stunden, in denen körperliche Aktivität bei Hitze mit einem Gesundheitsrisiko verbunden ist, ist ebenfalls dramatisch angestiegen.
Auch die Infektionsrisiken verändern sich: Das Risiko für Ausbrüche des West-Nil-Virus steigt, in immer mehr Regionen begünstigt das Klima die Ausbreitung von Dengue, Chikungunya, Zika und Malaria. Zugleich verlängert sich vielerorts die Pollensaison. Dürren, Waldbrandrauch, Ernährungsunsicherheit und psychische Belastungen sind weitere Folgen des Klimawandels.
“Overheated and underprepared”
Wie die Menschen selbst diese Veränderungen erleben, beleuchtete beim Launch des neuen Reports Aleksandra Kazmierczak von der Europäischen Umweltagentur. Sie ist Mitautorin des EEA-Berichts “Overheated and underprepared”, der auf einer Befragung von mehr als 27.000 Menschen in allen 27 EU-Staaten basiert. Die Teilnehmenden wurden über ein bestehendes Panel und soziale Medien rekrutiert.
Die Stichprobe ist zwar nicht repräsentativ, das Stimmungsbild aber eindrücklich: Mehr als 60 Prozent berichteten von Hitzebelastung in ihrem Wohnumfeld, knapp die Hälfte von zu großer Hitze in der Wohnung und 47 Prozent am Arbeits- oder Ausbildungsort.
“Unter den Befragten gaben 38 Prozent an, sich eine ausreichende Kühlung ihrer Wohnung im Sommer nicht leisten zu können. Bei sozial benachteiligten Gruppen waren es sogar 66 Prozent”, berichtete Kazmierczak.
Klimaanpassung wird damit auch zu einer Frage gesundheitlicher Ungleichheit. Menschen mit schlechtem Gesundheitszustand berichteten häufiger von Klimabelastungen und verfügten zugleich seltener über Schutzmaßnahmen. Besonders betroffen sind zudem Menschen, die zur Miete wohnen und auf Anpassungsmaßnahmen ihrer Vermieter angewiesen sind.
Kazmierczak verwies auch auf den bislang weniger beachteten Aspekt der psychischen Gesundheit. Wer in den vergangenen fünf Jahren drei oder mehr Klimafolgen erlebt hatte, war ähnlich häufig psychisch belastet wie Menschen, die arbeitslos oder alleinerziehend sind – unabhängig von Einkommen, Erwerbsstatus und Haushaltsform.
Auch Infektionsrisiken werden zunehmend wahrnehmbar: 34 Prozent der Befragten berichteten von mehr Mücken- oder Zeckenstichen als früher, in Südeuropa lagen die Anteile teils deutlich höher. Der Lancet Report liefert dazu die epidemiologische Ergänzung: Der Klimawandel schafft zunehmend günstige Bedingungen für die Ausbreitung vektorübertragener Erkrankungen.
Deutschland bekommt ein Klima-Gesundheits-Monitoring
Wie sich solche Veränderungen systematisch beobachten lassen, erläuterte Annkathrine von der Haar vom Robert Koch-Institut. Mit dem MOCCHA-Projekt (“Monitoring of Climate Change-related Health Aspects”), hat das RKI erstmals ein auf Deutschland zugeschnittenes Indikatorenset für Klima und Gesundheit entwickelt. Es soll Veränderungen frühzeitig erkennen und Präventions- und Anpassungsmaßnahmen ermöglichen.
Inzwischen wurden 35 Schlüsselindikatoren identifiziert: 23 Gesundheitsindikatoren sowie sieben individuelle und fünf strukturelle Indikatoren. Die Indikatoren sollen klimabedingte Gesundheitsrisiken ebenso abbilden wie Schutzfaktoren und gesundheitsrelevantes Verhalten. Künftig fließen sie in das laufende Gesundheitsmonitoring des RKI ein und werden auf der RKI-Website veröffentlicht.
Von der Haar hob hervor, dass 2024 in einer RKI-Bevölkerungsstudie rund 29 Prozent der Befragten eine sehr hohe gesundheitliche Belastung durch Hitze angegeben hatten. “Das ist bedeutsam, denn die subjektiv empfundene Hitzebelastung beeinflusst auch, ob Menschen Schutzempfehlungen umsetzen.”
Was bedeutet das zukünftig für die Praxis?
Der Lancet Countdown ist keine hausärztliche Leitlinie. Konkrete Therapieempfehlungen lassen sich daraus nicht ableiten. Er macht aber deutlich, welche Veränderungen in der Versorgung stärker berücksichtigt werden müssen.
Bei älteren Menschen und chronisch Kranken sollte Hitze als zusätzlicher Belastungsfaktor berücksichtigt werden, besonders bei Hitzewellen. Besonders gefährdet sind Menschen, die allein leben, gesundheitlich eingeschränkt sind oder in schlecht zu kühlenden Wohnungen leben. Auch Bewegungsempfehlungen sollten bei großer Hitze Tageszeit und Hitzebelastung berücksichtigen.
Bei unklaren Beschwerden sollten klimatische Faktoren zumindest mitgedacht werden. Das gilt bei hitzebedingten Verschlechterungen chronischer Erkrankungen ebenso wie bei Allergien oder – abhängig von Exposition und Region – bei vektorübertragenen Infektionen.
Der vielleicht wichtigste Befund des Lancet Countdown: Der Klimawandel macht nicht nur krank. Er trifft auch diejenigen besonders, die sich am schlechtesten davor schützen können. Deshalb braucht es neben Klimaschutz und Anpassung eine Gesundheitsversorgung, die diese ungleiche Belastung erkennt.
Quelle
- Kriit HK et al. Lancet Public Health 2026, online veröffentlicht am 21.4.2026, doi 10.1016/S2468-2667(26)00025-3
