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Check-Up 35Luft nach oben beim Hepatitis-Screening

Seit 2021 ist das Screening auf Hepatitis B und C Bestandteil der Gesundheitsuntersuchung. Hiervon könnten nicht nur Betroffene mehr profitieren, sondern auch Hausärztinnen und Hausärzte bei der Abrechnung, meint Dr. Dietrich Hüppe.

Zwischen 2021 und 2024 wurde bei circa 20 Millionen Versicherten kein Screening auf Hepatitis B und C durchgeführt

Bis 2030 sollen 90 Prozent der weltweit vorhandenen Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Virusinfektionen identifiziert werden. Dazu hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Mitgliedsstaaten im Jahr 2016 aufgefordert [1]. Aktuelle Zahlen zeigen jedoch, dass es in Deutschland hierbei noch Luft nach oben gibt [2].

Ziel der WHO-Initiative ist es, die zukünftigen Inzidenzen um 90 Prozent zu reduzieren; durch die Behandlung von 80 Prozent der Patientinnen und Patienten soll die Mortalität der Betroffenen um 65 Prozent sinken [1]. Die Bundesregierung hatte sich den WHO-Zielen angeschlossen.

Der Handlungsleitfaden “BIS 2030 – Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektionen” [3] fokussiert vor allem auf HIV, hat jedoch auch Hepatitis B und C im Blick. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) kam in 2018 zwar zu dem Ergebnis, dass das Nutzen-Schaden-Verhältnis eines Screenings der Allgemeinbevölkerung auf Hepatitis B und Hepatitis C mangels aussagekräftiger Evidenz unklar sei.

Der G-BA nahm dennoch ab 1. Oktober 2021 ein einmaliges Screening auf Hepatitis B (HBsAG) und Hepatitis C (anti-HCV) in den Check-up 35 (Gesundheitsuntersuchung (GU); EBM 01732) auf. Die DEGAM hatte sich in ihrer Stellungnahme zum G-BA-Entwurf dafür ausgesprochen, das Hepatitis-C-Screening auf definierte Hochrisikogruppen zu beschränken.

Unabhängig vom Hepatitis-Screening ist im Rahmen des Check-ups seit Jahren eine Labor- und Urinuntersuchung vorgesehen. Diese wird mit 1,50 bzw. 0,25 Euro honoriert. Das Screening auf Hepatitis B und C soll aus der Laborprobe erfolgen, die schon zur Bestimmung von Glukose und dem Lipidprofil gewonnen worden ist (“Reflextestung”) [4], [5]. Dabei wird das Screening besonders honoriert (EBM 01734; 2021: 4,56 Euro; 2025: 5,08 Euro).

GU stützt Screening

Jährlich nahmen vor der Corona-Pandemie bis zu 10 Millionen GKV-Versicherte an einer GU teil. 2021 und 2022 wurde das Vor-Corona-Niveau fast wieder erreicht (s. Abb. 1). Im Jahr 2023 sank der Anteil der GU, da sie den Versicherten jetzt nur noch alle drei Jahre angeboten werden kann [6]. 2024 stieg die Anzahl der abgerechneten GU deutlich.

Es ist zu erwarten, dass Hausärztinnen und Hausärzte ihre Patientinnen und Patienten aufgrund der extrabudgetären Bezahlung auch in Zukunft auf die GU hinweisen. Dies belegen die Abrechnungszahlen für 2024. Inwieweit gleichzeitig ein Screening des Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Status tatsächlich und langfristig stattfindet, war bisher unbekannt.

Mittlerweile liegen Abrechnungsdaten der KBV ab dem 4. Quartal 2021 bis Ende 2024 für das Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Screening im Rahmen der GU vor. Demnach wurden in den 13 Quartalen nach Einführung des Screenings 31,2 Prozent der Versicherten, die an der GU teilnahmen, auf Hepatitis B und C gescreent (4. Quartal 2021: 21,5 Prozent; 2022: 28,4 Prozent; 2023: 33,5 Prozent; 2024: 33,7 Prozent) [2].

Die Meldezahlen neuer Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Virusinfektionen waren in den letzten zehn Jahren vor Einführung des Screenings insgesamt konstant bzw. bei Hepatitis C rückläufig [7]. Ein kurzzeitiger Anstieg der Meldezahlen im Zeitraum 2016 bis 2019 war nach Angaben des RKI einer Umstellung des Meldewesens und der Falldefinition geschuldet [8].

Ab dem 4. Quartal 2021 stieg die Zahl der neu identifizierten Fälle erkennbar an, 2024 ging sie wieder etwas zurück (s. Abb. 2 und 3) [9], [10]. In 2025 nahmen die Neudiagnosen verglichen mit 2024 erheblich ab [11].

Nur ein Drittel screent

Vom 4. Quartal 2021 bis zum 4. Quartal 2024 stieg der Anteil der gescreenten Patientinnen und Patienten bezogen auf die Anzahl der abgerechneten GU von 21,5 auf 33,7 Prozent. Dabei gab es in den Jahren 2023 und 2024 keine erkennbare Zunahme mehr. Daraus lässt sich schließen, dass nur ein Drittel aller Hausärztinnen und Hausärzte regelmäßig im Rahmen der GU auf Hepatitis B und C screent.

Solange dieser Anteil nicht zunimmt, wird die Neudiagnoserate sinken, da das Screening nur einmal pro Person möglich ist, sich nun die ersten GU nach drei Jahren wiederholen und diese Menschen schon gescreent wurden.

Im theoretischen Fall, dass sich seit 2021 alle Hausärztinnen und Hausärzte am Screening beteiligt und ihre Versicherten untersucht hätten, wären wahrscheinlich schon mehr als 100.000 neue Hepatitis-B-Patienten und mehr als 40.000 Hepatitis-C-Patienten mit einer bisher unentdeckten Lebererkrankung identifiziert worden. Das Erreichen des WHO-Ziels wäre auch in Deutschland realistisch.

Wenig Aufwand bei GU

In den Medien sprechen sich einige Hausärztinnen und Hausärzte sowie Infektiologinnen und Infektiologen gegen ein allgemeines Screening aus, unter anderem mit dem Argument, dass das Screening für Hausärztinnen und Hausärzte unterfinanziert und beratungsintensiv sei [12], [13], [14].

Tatsächlich kann es mit wenig Aufwand laufen, wenn man es einmal im Praxisteam im Rahmen der GU implementiert hat: Die Patientinnen und Patienten erhalten eine schriftliche Information zum Screening und die MFA erteilt einen entsprechenden Überweisungsauftrag für das Labor.

Bei der Bestimmung der Laborwerte ist es wie bei den sonstigen Laborwerten der GU wichtig, auf dem Muster 10a “Präventiv” anzukreuzen bzw. in der Laboranforderung das Screening entsprechend zu markieren. Außerdem ist vor der Hepatitis-B-Analyse der Impfstatus zu prüfen, da ein Screening bei erfolgter Impfung nicht notwendig ist. Da es für Hepatitis C keine Schutzimpfung gibt, entfällt hier ein entsprechender Vorabcheck.

Bei 1.000 gescreenten Personen ist mit vier bis fünf neuen virämischen Hepatitis-B-Betroffenen und maximal zwei Hepatitis-C-Betroffenen zu rechnen (eigene Berechnung). Diese können Hausärztinnen und Hausärzte ggf. auch zur weiteren Beratung und eventuellen Behandlung zum Hepatologen bzw. zur Hepatologin überweisen.

Merke: Werden Hepatitis-C-Antikörper ohne eine Virusreplikation (negativer PCR-Test) gefunden, so ist die Erkrankung spontan ausgeheilt und es bedarf keiner weiteren Diagnostik. Das Gleiche gilt für eine stattgehabte erfolgreiche antivirale Therapie in der Vergangenheit.

Mehr Honorar

Ein standardisiertes Screening ist zudem wirtschaftlich interessant – macht es doch die Blutentnahme im Rahmen der GU erst attraktiv: Erzielte die Hausarztpraxis für die Blutentnahme zur Bestimmung von Glukose und Blutfetten zuletzt konstant 1,50 Euro, so erbringt die Veranlassung des Hepatitis-Screenings mittlerweile zusätzlich 5,08 Euro.

Eine kurze Überschlagsrechnung macht deutlich: Zwischen 2021 und 2024 wurde bei circa 20 Millionen Versicherten kein Screening durchgeführt. Multipliziert man diese Zahl mit 5 Euro, wird klar, dass in drei Jahren circa 100 Millionen Euro mehr nichtbudgetiertes Honorar möglich gewesen wären.

Es ist jedoch nicht zu spät: Bisher nicht gescreente Patientinnen und Patienten kommen wahrscheinlich in den nächsten Jahren erneut zum Check-up, das Screening kann dann nachgeholt werden. Denn die Möglichkeit der Abrechnung der GOP 01734 im Rahmen der GU wurde kürzlich bis 2028 verlängert.

Potenzielle Interessenkonflikte: Dr. Hüppe hat in den letzten 3 Jahren finanzielle Unterstützung für Vorträge im Zusammenhang zum Thema von AbbVie und Falk erhalten.

Literatur

  1. World Health Organization. Global hepatitis report, 2017. Genf, Schweiz: World Health Organization; 2017
  2. Dennis Heinrich, Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) (15.08.2025), persönliche Mitteilungen und eigene Berechnungen (Hüppe Dietrich) auf Basis der mitgeteilten Abrechnungsdaten der KBV.
  3. Bundesministerium für Gesundheit; Bundesministerium für wirtschaftli¬che Zusammenarbeit und Entwicklung. Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektionen: BIS 2030 – Bedarfsorientiert Integriert Sektorübergreifend; 2016. www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5%20Publikatio-nen/Praevention/Broschueren/Strategie_BIS_2030_HIV_HEP_STI.pdf; abgerufen am 06.02.2026
  4. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Abschlussbericht: Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie: Screening auf Hepatitis B und Screening auf Hepatitis C, Berlin 20. November 2020
  5. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Tragende Gründe zum Beschluss des G-BAs über eine Änderung der Gesundheitsuntersu¬chungs-Richtlinie (GU-RL): Einführung eines Screenings auf Hepatitis-B- und auf Hepatitis-C-Virusinfektion, Berlin. 20. November 2020
  6. Mangiapane S et al. ZI-Trendreport zur vertragsärztlichen Versorgung. Bundesweiter tabellarischer Report vom 1. Quartal 2021 bis zum 4. Quartal 2023. Zentralinstitut der Kassenärztlichen Versorgung. Berlin 2024
  7. Dudareva S et al. Epidemiologie der Virushepatitiden A bis E in Deutschland. Bundesgesundheitsbl. 2022;65:149-58
  8. Meurs L et al. Hepatitis-C-Meldedaten nach IfSG, 2016-2018: Auswirkungen der Änderungen von Falldefinition und Meldepflicht. Epid Bull. 2019;30:275-85
  9. Hüppe D et al. Population-based screening works: effect of integration screening for hepatitis B and C into the general health check-up in Germany. J Hepatol. 2024;80:e174-5
  10. Hüppe D et al. Deutlicher Anstieg neu diagnostizierter Hepatitis B- und Hepatitis C-Fälle nach Einführung des Screenings in die allgemeine Gesundheitsuntersuchung (ehemals „Check-up 35“) in Deutschland. Z Gastroenterol. 2025;63:31-8
  11. Robert Koch Institut. SURVSTAT@RKI 2.0 [Stand: 07.01.2026]. https://survstat.rki.de/Content/Query/Main.aspx (Letztes Update 07.01.2026); abgerufen am 06.02.2026
  12. Bohnhorst A et al. Screening auf Hepatitis-B-Virus (HBV-) und Hepatitis-C-Virus (HCV)-Infektionen in hausärztlichen Praxen – eine quantitative Umfrage in Niedersachsen. Prav Gesundheitsf, 2024. doi: 10.1007/s11553-024-01163-7
  13. Hüppe D, Egidi G. „Wildes Screening auf Hepatitis B ohne ausreichend Evidenz für Nutzen“ – Replik und Re-Replik: Nicht alle Kriterien für ein effektives Screening sind erfüllt. Ärztezeitung, 28.9.23.
  14. Springer Medizin Podcast vom 4.2.25. mit Dr. Christoph Schuler.
  15. Aktuelle Statistik meldepflichtiger Infektionskrankheiten (52. Woche 2025. Datenstand: 31.12.2025). Epid Bull. 2026; https://doi.org/10.25646/13571
  16. Cornberg M et al. S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) zur Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Hepatitis-B-Virusinfektion – (AWMF-Register-Nr. 021-11). Z Gastroenterol. 2021;59:691-776
  17. Sarrazin C et al. Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Hepatitis-C-Virus(HCV)-Infektion. Z Gastroenterol. 2020;58:1110-31
  18. Behnke AL et al. Virushepatitis B und D im Jahr 2021. Epid Bull. 2022;30:3-21
  19. Dudareva S et al. Virushepatitis B und D im Jahr 2019. Epid Bull. 2020;30/31:3-17
  20. Burdi S et al. Virushepatitis B und D im Jahr 2020. Epid Bull. 2021;29:3-2
  21. CDA Foundation. Polaris Dashboard [Stand: 20.02.2023]. https://cda¬found.org/polaris-countries-dashboard/; abgerufen am 06.02.2026
  22. Tergast TL et al. Updated epidemiology of hepatitis C virus infections and implications for hepatitis C virus elimination in Germany. J Viral He¬pat. 2022;29:536-42
  23. Zimmermann R et al. Zur Situation bei wichtigen Infektionskrankheiten in Deutschland-Hepatitis C im Jahr 2019. Epid Bull. 2020;30/31:18-31
  24. Meyer E et al. Zur Situation bei wichtigen Infektionskrankheiten in Deutschland – Virushepatitis C im Jahr 2020. Epid Bull. 2021;28:3-19
  25. Biallas R et al. Anstieg der übermittelten Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Fälle in Deutschland im Jahr 2022. Epid Bull. 2023;31:3-16
  26. Mendez-Brito A et al. Epidemiologie von Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Virusinfektionen in Deutschland im Jahr 2023 – Eine Auswertung der Meldedaten gemäß Infektionsschutzgesetz. Epid Bull. 2024;29:3-13
  27. Behnke AL et al. Epidemiologie der Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Virusinfektionen in Deutschland im Kontext der Migration, 2018-2023. Epid Bull. 2024;30:3-19
  28. Hermanns S et al. Epidemiologie von Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Virusinfektionen in Deutschland im Jahr 2024 – eine Auswertung der Meldedaten gemäß Infektionsschutzgesetz. Epid Bull. 2025;30:3-16
  29. Kassenärztliche Bundesvereinigung. Screening auf Hepatitis B und C als Teil der Gesundheitsuntersuchung in den EBM aufgenommen: Praxisnachrichten; 2021. www.kbv.de/html/1150_53707.php; abgerufen am 06.02.2026
  30. Cornberg M et al. Stellungnahme zur vorläufigen Bewertung des IQWIK zum Nutzen eines Screenings auf Hepatitis B. Z Gastroenterol. 2018;56:991-3
  31. Berg T et al. Stellungnahme zur vorläufigen Bewertung des IQWIK zum Nutzen eines Screenings auf Hepatitis C. Z Gastroenterol. 2018;56:994-7
  32. Tillmanns H et al. Inanspruchnahme von Früherkennungsleistungen der gesetzlichen Krankenversicherung durch AOK-Versicherte im Erwachsenenalter (2007–2021), Berlin 2022 https://doi.org/10.4126/FRL01-006438493; abgerufen am 06.02.2026
  33. KBV Praxisinfo Gesundheitsuntersuchung Check-up, September 2021, KBV, EBM, Stand 1.1.2026, Berlin 2026
  34. Bätz O et al. Results of the Hepatitis B and C screening within the „Check-Up 35+“ in the German primary care setting one year after implementation by the federal joint committee. EASL ILC 2023, Abstract THU-168
  35. Heyne R et al. Effekt des Screenings auf Hepatitis B und C im Rahmen des Check-Up 35 – Erste Erfahrungen einer großen hepatologischen Schwerpunktpraxis in Berlin. Z Gastroenterol. 2024;62:872-4
  36. Hoebel J et al. Social status and participation in health checks in men and woman in Germany – results from the German Health Update (GEDA), 2009 and 2010. Dtsch Ärztebl Int. 2013;110:679-85
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