Stress ist ein etabliertes System in unserem Körper, das insbesondere durch zwei neuroendokrine Stressachsen verarbeitet wird: Der Sympathikus-Adrenomedulla-Achse (SAM-Achse) sowie der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHN-Achse).
Die sympathische Stressreaktion erfolgt als schnelle Stressreaktion innerhalb von Sekunden und führt über die Aktivierung des Nebennierenmarks zur Ausschüttung von Katecholaminen wie Adrenalin und Noradrenalin.
Die HHN-Achse erreicht ihren Peak erst nach ca. 20 Minuten – und hält die Alarmbereitschaft mittels Cortisol-Ausschüttung aufrecht. Zusammen veranlassen diese Stresshormone einerseits metabolische Effekte (z.B. erhöhter Eiweißabbau, Atmung und Glukoneogenese), kardiovaskuläre Effekte (Blutdruck und Herzschlag steigen, Immunsystemregulation) sowie kognitive Effekte (erhöhte Aufmerksamkeit, Tunnelblick).
Während unter Stress hauptsächlich das sympathische Nervensystem agiert, ist der Parasympathikus eher unter Ruhebedingungen aktiv.
Geschwächtes Immunsystem
Unter anhaltendem Stress ist die Cortisolproduktion dauerhaft aktiv und es kommt zu einer immunologischen Dysbalance. Dabei sind Monozyten und Makrophagen hyperreaktiv und sezernieren pro-inflammatorische Zytokine.
Gleichzeitig zeigen schützende Immunzellen wie die natürlichen Killerzellen, T- und B-Zellen sowie dendritische Zellen eine verringerte Aktivität, wogegen die Anzahl suppressiver Immunzellen (z.B. regulatorische T-Zellen) ansteigt [1].
Die Folge: Die spezifische Abwehr ist vermindert, die Toleranzmechanismen dagegen sind erhöht. Durch diese Auswirkungen auf das Immunsystem fördert chronischer Stress die Infektanfälligkeit, Autoimmunerkrankungen, Krebsrisiko und -sterblichkeit, Dysbalance des Mikrobioms sowie Darmbarrierestörungen und Neuroinflammation.
Chronischer Stress kann Autoimmunerkrankungen verstärken und möglicherweise auch auslösen. Das ergab eine umfangreiche retrospektive Kohortenstudie aus Schweden [2]. Bei den Patientinnen und Patienten mit stressbedingten Störungen bestand ein signifikant erhöhtes Risiko, eine Autoimmunerkrankung zu entwickeln.
Dass chronischer Stress sowohl einen negativen Effekt auf die Krebsinzidenz als auch auf die Krebsprognose und die Sterblichkeit hat, belegte eine Metaanalyse mit insgesamt 548 Studien [3]. Zu beachten ist bei diesen Ergebnissen jedoch, dass der Lebensstil der Teilnehmenden nicht berücksichtigt wurde. “Stress fördert häufig einen ungesunden Lebensstil, der seinerseits das Krebsrisiko erhöhen kann”, betonten die Referentinnen Dr. Bella Roßbach und Christine Lenz aus Berlin.
Zirkadiane Rhythmusstörung
Cortisol ist ein “Tageshormon” und ein Gegenspieler des Schlafhormons Melatonin. Entsprechend gegenläufig werden die Hormone normalerweise ausgeschüttet. Wird Cortisol vermehrt oder zur falschen Zeit ausgeschüttet, kommt es zu einer Störung des zirkadianen Rhythmus. Dies verursacht einen fragmentierten REM-Schlaf und so eine gestörte Schlafarchitektur. Gleichzeitig erschwert ein hoher Cortisolspiegel zur Abend- oder Nachtzeit das Ein- und Durchschlafen.
Zusätzlich unterdrücken die bei Stress erhöhten Katecholaminspiegel den Tiefschlaf und verursachen ebenfalls Ein- und Durchschlafprobleme und somit die Schlafquantität. Fatal ist, dass sich Stress und Schlafstörungen gegenseitig verstärken und so zu einem Teufelskreis führen.
Schlafstörungen wirken sich wiederum auf das Immunsystem aus – das adaptive Immunsystem ist im Tiefschlaf aktiv – was letztlich zu chronischer Entzündung und einem erhöhten Risiko für infektiöse/entzündliche Erkrankungen führt [4].
Stressbewältigung fördern
Um Stress therapieren zu können, muss zunächst die Einsicht bestehen, dass der oder die Betroffene tatsächlich unter Stress steht, hieß es bei einem Online-Seminar (s. Quelle). Hilfreich ist hier ein Tagebuch, das z.B. den Stressauslöser und die Reaktion darauf erfasst. Wichtig ist auch, die Ursachen zu suchen und anzugehen.
Also beispielsweise das Zeitmanagement zu verbessern. Regelmäßiger (moderater) Sport reduziert Cortisol und verbessert den Schlaf. So kann der Abendspaziergang den Parasympathikus aktivieren und helfen, den Schlaf vorzubereiten.
Yoga, Entspannungstechniken sowie soziale Unterstützung sind ebenfalls bewährte Hilfen. Zusätzlich kann eine Lebensstiloptimierung hinsichtlich der Ernährung (weniger Kaffee, Alkohol, Nikotin) und ein strukturierter Tagesablauf die Stressbewältigung unterstützen.
Von ärztlicher Seite sollten mögliche körperliche Ursachen (z.B. Schilddrüse, Fettstoffwechselstörungen) abgeklärt und zu Psychotherapie (z.B. kognitive Verhaltenstherapie, Stressbewältigungstraining) geraten oder ggf. Antidepressiva verschrieben werden.
Sinnvoll sei auch die Kontrolle auf ausreichende Mikronährstoffe (Vitamin C, A, D, B-Vitamine, CoQ10, Aminosäuren, Mineralstoffe, Omega-3-Fettsäuren), heißt es.
Quelle: Online-Seminar: “Fehlregulationen der neuroendokrinen Stressachse: Von Einschlafproblemen bis zu Immundefekten”, Veranstalter: IMD Labor Berlin.
Literatur
