Als 2023 eine ihrer Medizinischen Fachangestellten (MFA) gekündigt hatte, ging es Dr. Veronika Schuch wie zahlreichen anderen Kolleginnen und Kollegen: Ihr Praxisteam hatte eine Lücke, und es zeichnete sich bereits ab, dass es schwer werden könnte, eine geeignete Nachfolgerin zu finden.
Da machte sich die Hausärztin auf einen kreativen Weg der MFA-Suche: Auf eBay Kleinanzeigen sah sie die Annonce von Sandra Wedler, die auf der Suche nach einer Anstellung in der Pflege war – und im gleichen Stadtteil beheimatet wie ihre Hausarztpraxis Groß-Buchholz.
Kurzerhand schrieb die Hausärztin Sandra Wedler an und lud sie ein, sich die Praxis mal anzuschauen. “Auch wenn ich eigentlich auf der Suche nach einer Anstellung in der Altenpflege war, hat mich die Hausarztpraxis sofort angesprochen”, erinnert sie sich. Dabei musste Sandra Wedler zugeben, dass sie zuvor – außer als Patientin – keine Berührungspunkte mit dem Alltag in einer hausärztlichen Praxis hatte.
Bisher war ihr Lebenslauf “kurvig”: Sie startete mit einer Ausbildung zur Fleischereifachverkäuferin, bevor sie die Sanitäterausbildung erfolgreich absolvierte, hat dann Kinder bekommen, war Mutter und Hausfrau, hat begonnen, wieder zu jobben, im Baumarkt und schließlich im E-Zigaretten-Shop.
Kaum Fachwissen, dafür viel Empathie
Einer Kandidatin, die – außer einer 15 Jahre zurückliegenden, kurzen Tätigkeit als Sanitäterin – kaum fachliche Qualifikationen, dafür aber ein überdurchschnittliches Maß an Motivation und Empathie mit sich brachte, eine Chance zu geben, hat von Dr. Veronika Schuch Mut erfordert.
“Zumal sie mit knallroten Haaren und Tätowierungen auch nicht dem ,klassischen‘ Bild einer MFA entsprochen hat”, sagt die Hausärztin heute mit einem Lachen. Doch sie wollte diesen mutigen Weg ausprobieren, statt pessimistisch in das Wehklagen vieler Kolleginnen und Kollegen über den Fachkräftemangel einzustimmen.
Dabei waren sich beide Frauen zu jedem Zeitpunkt darüber bewusst, dass es wichtig sein würde, sich und das künftige Aufgabenprofil genau kennenzulernen, bevor man sich vertraglich aneinander binden würde. “Der erste Schritt war eine eintägige Hospitation”, erzählt Hausärztin Schuch.
Hier konnte sie bereits sehen: “Sie war so offen und freundlich den Patientinnen und Patienten gegenüber und hatte – trotz der bis dahin noch fehlenden Qualifikation – keine Berührungsängste, das hat mich menschlich sofort überzeugt.”
Sandra Wedler hat daraufhin ein Jahr lang als Quereinsteigerin in der Praxis gearbeitet, zunächst ohne Ausbildung. Erst nach diesem “Probejahr” sind beide Seiten gemeinsam die Investition eingegangen, die Quereinsteigerin in die Ausbildung zur MFA zu bringen. So konnte sich auch Sandra Wedler sicher sein, dass sie diesen Weg (erneut) gehen möchte.
Auch ohne Ausbildung hätte die Hausärztin ihre neu gewonnene Kraft weiterbeschäftigt – doch die Ausbildung zur MFA hat sie dank ihrer schnellen Auffassung und der überaus hohen Motivation schließlich nach nur eineinhalb Jahren mit der Note 1,4 abgeschlossen, erzählt die Arbeitgeberin stolz. Geplant ist nun noch eine Weiterqualifikation zur Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH).
Team hat den Quereinstieg mitgetragen
Für Dr. Veronika Schuch ist der gute Abschluss auch eine Bestätigung, dass sich der Mut gelohnt hat. Denn nicht nur für sie war dies ein Sprung ins kalte Wasser, auch das gesamte Praxisteam sei betroffen gewesen: “Zeitgleich hatten wir in unserem relativ kleinen Team ja auch noch unsere Auszubildende, also zwei Kolleginnen, die gerade noch viel gelernt haben. Das hat dem Team zeitweise schon einiges abverlangt”, sagt die Arbeitgeberin im Rückblick.
Praxisteam profitiert vom Wissenstransfer
Gleichzeitig habe das Team toll unterstützt – und am Ende sogar deutlich von dem neuen Wissen von außen profitiert. So gebe es von der KV Niedersachsen beispielsweise kostenfreie Webinare rund um Wundmanagement, Abrechnung oder Impfungen. “Die nutzen jetzt alle im Team”, sagt Dr. Veronika Schuch. Eine Herausforderung: Sie habe zu jedem Zeitpunkt sicherstellen müssen, dass der Wissensstand im Team einheitlich ist.
“Da war die neue Kollegin sicher auch ein Treiber fürs Wissensmanagement”, sieht sie. Nicht zuletzt habe sie viel neu erworbenes Fachwissen von den Fortbildungen mit ins Team gebracht und dieses weitergegeben.
Auch für die Quereinsteigerin selbst war der Weg nicht immer einfach. Gerade der Gang zurück auf die “Schulbank” sei zunächst neu gewesen. “Meine Klassenkameradinnen in der MFA-Ausbildung hätten meine Kinder sein können”, sagt sie lachend. Aber die Mischung sei oft hilfreich gewesen.
