© mm medizin + medien Verlag Abb. 7: Wirkmechanismus der GLP-1-RA / GIP-1-RA [adaptiert nach 25]
Bei Diabetes konnte bislang von allen GLP-1-RA nur für Liraglutid ein Nutzen hinsichtlich der Senkung der Gesamtsterblichkeit belegt werden. Es ist wichtig zu wissen, dass die maximale antidiabetische Wirkung der GLP-1-RA (zumindest Semaglutid und Tirzepatid) bei niedrigerer Dosis zu finden ist als die maximale gewichtsreduzierende Wirkung.
Daher gibt es „Ozempic“ nur bis 1 mg auf dem Markt, „Wegovy“ dagegen bis 2,4 mg. Bei Tirzepatid liegt die maximale antidiabetische Wirkung bei 10 mg, die maximale gewichtsreduzierende Wirkung jedoch bei 15 mg. Weitere positive Effekte der GLP-1-RA wie eine Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse treten unabhängig von einer Veränderung des Körpergewichts auf [26] .
Semaglutid
Semaglutid weist die derzeit höchste Effektivität unter den zugelassenen GLP-1-RA in Bezug auf die Gewichtsreduktion auf. In der STEP-2-Studie konnte bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und Übergewicht eine Gewichtsreduktion von 9,64 % in der höheren Semaglutid-Dosis von 2,4 mg gegenüber 6,99 % mit der 1-mg-Dosierung erreicht werden.
Mehr als zwei Drittel der Teilnehmenden in der Semaglutid-2,4-mg-Gruppe erreichten einen HbA1c-Wert ≤ 6,5 %. Der Gewichtsverlust bei Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes war jedoch weniger ausgeprägt als der Gewichtsverlust von 14,9 % (gegenüber 2,4 % unter Placebo), der in der STEP-1-Studie bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas ohne Diabetes beobachtet wurde [27] .
Semaglutid verringerte das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes und manifester Herzkreislauferkrankung um 2,3 % sowie das des nicht tödlichen Schlaganfalls um 1,1 %. Die Sterblichkeit wurde nicht verändert, das Risiko für Komplikationen einer Retinopathie stieg unter Semaglutid um 1,2 % (angegeben ist jeweils die Veränderung des absoluten Risikos) [28] .
Tirzepatid
Tirzepatid ist ein dualer GIP/GLP-1-RA, dessen Effektivität und Wirksamkeit in der Indikation Typ-2-Diabetes im umfangreichen SURPASS-Studienprogramm untersucht wurde. Im September 2022 erfolgte die Zulassung durch die EU-Kommission zur Therapie Erwachsener mit Typ-2-Diabetes. In der SURPASS-2-Studie führten alle Dosierungen von Tirzepatid (5, 10 und 15 mg 1 x / Woche) in Kombination mit Metformin im direkten Vergleich mit Semaglutid 1 mg nach 40 Wochen zu einer überlegenen Senkung des HbA1c-Werts (-2,46 % Tirzepatid 15 mg vs. -1,86 % Semaglutid 1 mg) und des Körpergewichts (-12,4 kg Tirzepatid 15 mg vs. -6,2 kg Semaglutid 1 mg) [29] .
In der kardiovaskulären Outcome-Studie SURPASS-CVOT, bei der Sicherheit und Wirksamkeit von Tirzepatid (bis zu 15 mg) mit Dulaglutid 1,5 mg (jeweils einmal pro Woche s. c.) bei Teilnehmenden mit Typ-2-Diabetes und atherosklerotischen Herzkreislauferkrankungen verglichen wird, erwies sich Tirzepatid als nicht unterlegen [49] . Allerdings hatte Dulaglutid in der Studie REWIND im Vergleich mit Placebo – jeweils zusätzlich zur vorbestehenden antidiabetischen Medikation verabreicht – keinen Effekt auf die Gesamtsterblichkeit [50] .
In der Indikation Adipositas wurde Tirzepatid in dem Ende 2019 eingeleiteten Phase-III-Studienprogramm SURMOUNT untersucht [30] .
In SURMOUNT-1 konnte mit einer Einnahme in der Höchstdosis von 15 mg s. c. über 72 Wochen eine mittlere Gewichtsreduktion von 20,9 % erreicht werden [30] . Damit könnte mit einer medikamentösen Therapie erstmals eine Gewichtsreduktion erreicht werden, die sich an eine chirurgische Intervention annähert. Die Zulassung für die Indikation Adipositas erfolgte durch die EU-Kommission im Dezember 2023.
Im September 2024 hat der G-BA Tirzepatid zur Indikation Gewichtsregulierung als Lifestyle-Arzneimittel gelistet [31] und damit den gesetzlichen Verordnungsausschluss für diese Indikationen formal nachvollzogen. Tirzepatid ist jedoch – unter Einhaltung des Wirtschaflichkeitsgebots – weiterhin zur Behandlung des Diabetes mellitus Typ 2 verordnungsfähig [32] . Zu bedenken ist aber, dass der G-BA in seiner Nutzenbewertung 2024 zu dem Ergebnis kam, dass Tirzepatid in allen geprüften Indikationen bei Typ-2-Diabetes keinen Zusatznutzen hat.
Dulaglutid
Der einmal wöchentlich subkutan applizierte GLP-1-RA Dulaglutid ist in der Dosis von 1,5 mg seit 2015 in der Therapie des Typ-2-Diabetes zugelassen. Für die höheren Dosierungen von 3,0 mg und 4,5 mg konnte bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und BMI ≥ 25 kg/m² eine überlegene HbA1c- und Gewichtsreduktion im Vergleich zur 1,5-mg-Dosierung gezeigt werden [33] .
Bei einer wöchentlichen Dosis von 1,5 mg sank der HbA1c-Wert nach 52 Wochen um 1,5 %, es kam zu einem Gewichtsverlust von 3,5 kg. In der Gruppe mit einer Dosis von 3,0 mg wurde eine Senkung des HbA1c-Werts um 1,7 % und ein Gewichtsverlust von 4,3 kg festgestellt, in der Gruppe mit einer Dosis von 4,5 mg eine Senkung des HbA1c-Werts um 1,8 % und ein Gewichtsverlust von 5,0 kg. Die Dosissteigerung war dabei nicht mit einer erhöhten Rate an Nebenwirkungen assoziiert. Eine Senkung der Sterblichkeit konnte für Dulaglutid nicht belegt werden.
Liraglutid
Subkutanes Liraglutid wurde 2009 in Europa und 2010 in den USA für die Behandlung von Typ-2-Diabetes in einer Dosierung von bis zu 1,8 mg einmal täglich zugelassen. Für die Behandlung der Adipositas liegt eine Zulassung in der Dosis von 3 mg einmal täglich vor. In der LEADER-Studie konnte Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes und hohem kardiovaskulären Risiko eine geringere Inzidenz von schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen im Vergleich zur Standardbehandlung nachgewiesen werden.
Wegen der kardio-protektiven Wirksamkeit wurde Liraglutid vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) als zweckmäßige Vergleichstherapie für Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes und hohem kardiovaskulären Risiko festgelegt. Eine Nutzenbewertung gibt es hier nicht, da Liraglutid vor Einführung des Nutzenbewertungsverfahrens auf den Markt kam. Liraglutid ist der einzige GLP-1-RA, für den eine Senkung der Mortalität bei Diabetes gezeigt werden konnte.
Sicherheitsaspekte
Unter Berücksichtigung des zunehmenden Einsatzes von GLP-1-RA bzw. GIP/GLP-1-RA sowie der prinzipiell langen Expositionsdauer stellt das Sicherheitsprofil einen relevanten Aspekt in der Therapie dar. Zu den am häufigsten berichteten Nebenwirkungen zählen gastrointestinale Beschwerden (u. a. Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoen), die überwiegend in der Dosiseskalationsphase auftreten.
Zudem gibt es Hinweise auf mögliche Optikusneuropathien und erhöhte Raten von Makuladegeneration unter GLP-1-RA. Auch wenn die gastrointestinalen Nebenwirkungen überwiegend als mild bis moderat klassifiziert wurden, sind sie einer der häufigsten Gründe, die zum Therapieabbruch führten. Das gastrointestinale Nebenwirkungsprofil von Tirzepatid ist dem der GLP-1-RA ähnlich.
Zur Verbesserung des Verträglichkeitsprofils wird eine schrittweise Dosissteigerung empfohlen. Darüber hinaus sollten Patientinnen und Patienten vor Therapiebeginn über Ernährungsmodifikationen (z. B. Reduktion von Portionsgrößen, Vermeidung fettreicher oder scharfer Speisen) aufgeklärt werden, die die Nebenwirkungen ebenfalls abschwächen können. Das Risiko der Entwicklung einer akuten Pankreatitis unter Therapie mit GLP-1-RA bzw. GIP/GLP-1-Inkretinagonisten ist umstritten. In den Phase-III-Studien traten sie selten, im Vergleich zu Placebo jedoch zahlenmäßig gehäuft auf.
MERKE: Zur Verbesserung der Verträglichkeit von GLP-1-RA wird eine schrittweise Dosissteigerung empfohlen.
NVL-Empfehlungen zu GLP-1-RA [6] :
GLP-1-RA bewirken, dass mehr Insulin freigesetzt wird, das im Körper stärker wirkt, Appetit und Gewicht nehmen ab.
Ein Vorteil bei kardiovaskulär Kranken ist belegt, allerdings bislang nur bei einem HbA1c > 7 %.
Häufige Nebenwirkungen sind Übelkeit und Durchfall, selten Pankreatitis und Schilddrüsenkarzinom.
GLP-1-RA schützen v. a. Herz und Niere weniger gut als SGLT-2-Hemmer.
Die DEGAM-Position ergänzt: Ein geringer Nutzen konnte auch bei Personen ohne kardiale Vorerkrankung beobachtet werden [20] , darum eventuell Einsatz noch vor Insulin [8] .
Ausblick: Diabetes ist nicht gleich Diabetes
Die Blutglukose allein sagt wenig über das Risiko von Patienten mit Typ-2-Diabetes für Komplikationen aus. Eine schwedische Arbeitsgruppe [44] hat anhand von 6 Messwerten (GADA, Alter bei der Diagnose, BMI, HbA1c, Insulinresistenz als HOMA-2 IR und ß-Zell-Dysfunktion als HOMA2-Beta) fünf verschiedene Cluster definiert, die aber noch durch konfirmatorische Studien bestätigt werden müssen:
Cluster SAID (severe autoimmune diabetes), 6,7 %: relativ niedriger BMI, GADA-positiv, schlechte Stoffwechselkontrolle, früher Krankheitsausbruch.
Cluster 2: SIDD (severe insulin-deficient diabetes), 15,5 %: GADA-negativ, sonst wie Gruppe 1.
Cluster 3: SIRD (severe insulin-resistent diabetes), 15,3 %: hoher BMI und Insulinresistenz.
Cluster 4: MOD (mild obesity-related diabetes), 21,6 %: Adipositas wie bei Gruppe 3, aber keine Insulinresistenz.
Cluster 5: MARD (mild age-related diabetes): 39,1 %: Patienten älter als in anderen Gruppen, aber nur leichte Stoffwechselstörungen.
Gruppe 3 hat ein deutlich höheres Komplikationsrisiko als 4 und 5, erhält aber die gleiche Therapie. Die Autoren folgern, dass die traditionelle Diabeteseinteilung keine maßgeschneiderte Therapie ermögliche. Das Konzept, den Diabetes mellitus in Subtypen zu unterteilen, könnte die Grundlage für ein zukünftiges maßgeschneidertes Management der Betroffenen im Sinne der „Präzisions-Diabetologie“ bilden.
Ziel könnte es sein, zukünftig das Risiko für die Entwicklung diabetesbedingter Folgeerkrankungen und Komplikationen frühzeitig zu erkennen. Bislang reicht die Studienlage aber nicht aus, um daraus evidenzbasierte Hinweise abzuleiten.
Blutdruck und Blutzucker
In den UKPD-Studien wurden auch die Effekte der Senkung von Blutdruck und Blutzucker miteinander verglichen. In der UKPDS 33 [45] konnte durch Senkung des HbA1c von 7,9 auf 7,0 % die Gesamtzahl aller Diabetesendpunkte von 4,6 auf 4,09 % gesenkt werden. Daraus ergibt sich eine NNT von 196: So viele Patienten müssen 10 Jahre lang behandelt werden, um irgendeinen Diabetesendpunkt zu verhindern (eingeschlossen: Notwendigkeit einer Laserung der Retina; Infarkte).
In der UKPDS 38 [46] wurde bei Patienten mit Diabetes der Blutdruck auf 144 / 82 mmHg (strenge Blutdrucksenkung) bzw. auf 154 / 87 mmHg (weniger strenge Blutdrucksenkung) reduziert. Unter dieser unterschiedlich intensiven Blutdrucksenkung wurden folgende Ergebnisse erreicht:
alle Diabetesendpunkte: 5,09 vs. 6,74 %
Wahrscheinlichkeit, an Diabetes zu sterben: 1,37 vs. 2,03 %
Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls: 0,65 vs. 1,16 %
Daraus ergibt sich eine NNT (für alle Diabetesendpunkte) von nur 60 über 8,4 Jahre.
Merke: Die Senkung des Blutdrucks ist erheblich effektiver als die der Blutglukose, um Diabetesendpunkte zu vermeiden.
Anders als jahrelang geglaubt, muss der Blutdruck nicht stärker als unter 140 / 90 mmHg gesenkt werden. Eine weitere Senkung ist tendenziell sogar eher schädlich [47].
Zusammenfassung auf Basis der DEGAM-Empfehlungen [8]
Ein zu hohes HbA1c kann – v. a. bei Jüngeren – schaden, eine zu starke Senkung des HbA1c aber auch.
Eine medikamentöse Senkung der Blutglukose sollte erst ab einem HbA1c von 7,5 % erfolgen.
Anzustreben ist ein HbA1c zwischen 7,0 und 8,0 %. Bei über 75-Jährigen und/oder bei Personen mit einer Lebenserwartung von weniger als 10 Jahren genügt es, wenn das HbA1c im Sinne der Vermeidung von Symptomen nicht dauerhaft über 8,5 % steigt.
Regelmäßig sollte geprüft werden, ob eine glukosesenkende Therapie wieder deeskaliert werden kann.
Metformin bleibt Medikament der ersten Wahl zur Glukosesenkung.
Wenn bei Personen ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen Metformin allein nicht ausreicht bzw. nicht vertragen wird, wird als zweites Medikament Glibenclamid empfohlen. Dabei sollte aber das HbA1c nicht unter 7,5 % gesenkt werden.
Reicht die Kombination aus Metformin und Glibenclamid nicht aus, sollte bei Personen ohne kardiovaskuläre Erkrankungen Empagliflozin oder nachrangig Liraglutid hinzugefügt werden.
Empagliflozin und Liraglutid senken das HbA1c meist aber nicht stark genug. Als nächster Schritt sollte Glibenclamid beendet und Metformin mit Humaninsulin kombiniert werden. Auch damit sollte das HbA1c nicht unter 7,5 % gesenkt werden.
Wird das individuelle HbA1c-Ziel bei kardiovaskulär Vorerkrankten mit Metformin + Empagliflozin bzw. Liraglutid nicht erreicht, kann Insulin hinzugefügt werden.
Wenn Insulin eingesetzt wird, sollte vorrangig NPH-Insulin zur Nacht verwendet, Insulin tagsüber nach Möglichkeit vermieden werden.
Eine intensivierte Insulinbehandlung ist mit der höchsten Hypoglykämierate assoziiert und sollte nach Möglichkeit vermieden werden.
Insulinanaloga sollten in der Behandlung des Typ-2-Diabetes keine Rolle spielen. Ihr Einsatz gilt als unwirtschaftlich, wenn der Preis über dem von NPH-Insulin liegt.
DPP-4-Hemmer wie Sitagliptin haben in der Diabetestherapie nahezu keinen Platz. Einzige Ausnahmen: Insulin wird bei höhergradiger Niereninsuffizienz abgelehnt sowie Menschen, bei denen Glibenclamid häufiger zu Hypoglykämien führt und bei denen das berufliche Risiko das Auftreten solcher Hypoglykämien verbietet.
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