Bad Orb. Phobischer bzw. funktioneller Schwindel, Altersschwindel und benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel machen rund 80 Prozent der Schwindelursachen in der Hausarztpraxis aus. „Wenn Sie diese drei Schwindelarten kennen, können Sie schon mal 80 Prozent der Patientinnen und Patienten helfen“, fasste Dr. Raphael Kunisch zusammen.
„Außerdem reicht eine gründliche Anamnese in Kombination mit einer gezielten körperlichen Untersuchung in 80 bis 90 Prozent der Fälle, um eine Diagnose zu stellen.“ Sechs W-Fragen seien dabei wichtig:
- Wie wird der Schwindel wahrgenommen? Karussell (Drehschwindel, weist eher auf eine Störung des Gleichgewichtssinns hin) oder Schiff (Schwankschwindel, weist eher auf eine zentrale Störung hin) oder anders („Benommenheit“)?
- Wie lange dauert der Schwindel an?
- Welche zusätzlichen Symptome treten auf (z.B. Tinnitus, neurologische Ausfälle, Ohnmacht)?
- Welche Erklärung hat der Patient?
- Was sind die Auslöser (z.B. schnelle Bewegungen, Angst)?
- Welche Medikamente werden genommen (s. Kasten unten)?
Damit ließen sich zudem die kritischen Fälle herausfischen. Red Flags sind laut Kunisch Sehstörungen, neurologische Defizite, ein vertikaler Nystagmus, Sprech- und Schluckstörungen sowie gestörte Vigilanz. Diese Symptome können auf eine akute zerebrale Durchblutungsstörung hinweisen.
Weitere Red Flags seien Gesichtsschmerzen und Hautausschlag, was auf eine Herpes-zoster-Infektion hinweisen kann, und Hörverlust – ein mögliches Symptom eines Morbus Menière oder eines Akustikusneurinoms.
Auch eine Synkope sei ein Warnzeichen und könne ein Hinweis auf Herzrhythmusstörungen sein. Schwindel bei Belastung und Belastungssynkope können laut Kunisch ein Warnzeichen für eine Aortenstenose oder eine hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie sein.
Bei funktionellem Schwindel und Altersschwindel handelt es sich um Ausschlussdiagnosen, berichtete der Allgemeinmediziner von der Universität Augsburg. Wichtig sei, die Patienten zu beruhigen.
Ein funktioneller Schwindel zeichne sich durch eine Gang-/Standunsicherheit bei normaler Neurologie aus. Meist handle es sich um fluktuierende Attacken ohne Stürze. Häufig zeigten sich psychosoziale Begleitumstände (z.B. Angstauslöser wie Autofahrten, leer Räume, Menschenmassen) und ein Vermeidungsverhalten. „Therapeutisch ist dann wichtig, über die Harmlosigkeit des Schwindels aufzuklären. Betroffene sollten auslösende Situationen nicht meiden, sondern suchen. Eine Verhaltens- und Psychotherapie kann angezeigt sein, gegebenenfalls auch angstlösende Medikamente”, so Kunisch.
Altersschwindel ist eine multifaktorielle Störung durch eine Kombination leichter Organdysfunktionen (z.B. Altersschwerhörigkeit, Nachlassen der Sehfähigkeit, muskuläre Schwäche in den Beinen). Kunisch: „Auch hier gilt es, die Patienten erst einmal zu beruhigen: Das ist normal im Alter.“ Sowohl beim funktionellen als auch beim Altersschwindel gelte die Regel: „Beruhigen, Abwarten und Adaption.“
Ein benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS) werde durch Änderungen von Kopfhaltung und Lage (je schneller, desto stärker) ausgelöst. Die Drehschwindelattacke dauere dabei etwa 10-30 Sekunden an. „Wenn der Schwindel deutlich länger als 30 Sekunden andauert, sollte man eine andere Diagnose in Betracht ziehen”, erklärte der Allgemeinmediziner. Bei Lagerung zum betroffenen Ohr trete dabei mit Latenz typischerweise ein Nystagmus zum unten liegenden (betroffenen) Ohr ein. Ein BPLS sei mit dem Epleymanöver gut diagnostizier- und behandelbar.
bae
