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BAM-KongressTipps für die queerfreundliche Praxis

Auch im medizinischen Umfeld erfahren queere Menschen Diskriminierung. Beim BAM-Kongress erklärten Michael Hunze und Philip Oeser, wie Sie gegensteuern können. Auch im medizinischen Umfeld erfahren queere Menschen Diskriminierung. Beim BAM-Kongress erklärten Dr. Michael Hunze und Dr. Philip Oeser, wie Sie gegensteuern können.

Queere Patient:innen (LGBTQIA*)

“Queer zu sein ist keine Wahl, kein Lebensstil und keine Mode”, betonten Dr. Michael Hunze und Dr. Philip Oeser beim Bundesfortbildungskongress Allgemeinmedizin (BAM) 2025. Aber was genau bedeutet queer bzw. LGBTQIA* denn eigentlich? Hunze und Oeser definieren Queerness als Varianten bei Geschlechtlichkeit, Sexualität oder Beziehungsform – also “alles, was nicht cis, hetero und monogam ist”.

Trans* und inter*

Vor allem bei Varianten der Geschlechtlichkeit fühlen sich viele Menschen in Bezug auf die Begrifflichkeiten unsicher. Hunze und Oeser machten deutlich, dass es mehrere Dimensionen von Geschlechtlichkeit gibt (s. Abb. 1); diese sind bei einem Großteil der Menschen deckungsgleich. Stimmen biologisches Geschlecht und der Phänotyp nicht überein (etwa bei einer Androgenresistenz), sprechen wir von “Inter*menschen” bzw. von “Varianten der Geschlechtsentwicklung” oder “Inter*geschlechtlichkeit”.

Die Begriffe Zwitter und Hermaphrodit sind stark stigmatisierend und daher nicht mehr gebräuchlich. Bei Trans*menschen hingegen stimmen biologisches Geschlecht und Phänotyp nicht mit der Geschlechtsidentität überein (“Trans*geschlechtlichkeit” oder “Genderinkongruenz”). Mittlerweile kaum mehr genutzte Begriffe sind “Trans*- und Inter*sexualität” – schließlich geht es um mehr als nur um den Aspekt der Sexualität.

Psyche im Blick haben

Zu den Erkrankungen, die bei LGBTQIA* häufiger vorkommen als bei nicht queeren Menschen, zählen chronische Rückenschmerzen, Migräne, Angstdiagnosen und Depressionen. Eine Erklärung hierfür bietet das Minderheitenstressmodell: Demnach leiden Minderheiten unter zusätzlichen Stressfaktoren, die sich in drei Kategorien unterteilen lassen:

  1. erwartete Diskriminierung: Hierzu zählt zum Beispiel die Angst vor Anfeindungen.
  2. tatsächlich erlebte Diskriminierung: Dazu kommt es auch im medizinischen Umfeld. Oft handelt es sich um Mikroaggressionen, die aus Unbeholfenheit resultieren oder unbeabsichtigt sind, zum Beispiel, wenn eine Trans*frau im Wartezimmer mit “Herr” aufgerufen wird.
  3. internalisierte Queerphobie bzw. -negativität: Bevor die Betroffenen herausfinden, dass sie queer sind, verinnerlichen sie oft selbst diskriminierende Einstellungen und Vorurteile. Diese zu überwinden, ist schwierig.

Hunze und Oeser präsentierten beim BAM eine Studie, die zeigt, dass die Lebenszeitprävalenz für Suizidversuche bei Trans*menschen deutlich erhöht ist [1]. Eine weitere Studie [2] identifizierte protektive Faktoren: Dazu zählt “social support”, also in Beziehungen erfahrene Zuneigung, Anerkennung, Identität, Zugehörigkeit und Sicherheit; außerdem elterliche Akzeptanz, ein korrekter Personenstand sowie Transitionsmaßnahmen.

Für Hausärztinnen und Hausärzte bedeutet das: Ermutigen Sie Betroffene zur Personenstandsänderung und informieren Sie sie über Transitionsmaßnahmen. Holen Sie die Eltern bzw. andere wichtige Bezugspersonen ins Boot und klären Sie sie auf. Machen Sie queeren Menschen Mut, Kontakt zu Peers zu suchen. Und last, but not least: Behalten Sie im Hinterkopf, dass auch eine gute und vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung protektiv wirken kann.

Wünsche von LGBTQIA*

Laut den “Standards of Care for the Health of Transgender and Gender Diverse People” [3] soll die Versorgung von Trans*menschen zum wesentlichen Teil in der hausärztlichen Praxis passieren. Generell berichten LGBTQIA*-Menschen genauso häufig wie heterosexuelle Menschen, hausärztlich angebunden zu sein. [4]. Aber was wünschen sich queere Menschen vom hausärztlichen Praxisteam? Und wie gelingt es, ein queerfreundliches Umfeld zu schaffen? Beim BAM-Seminar gaben Hunze und Oeser hierfür einige Impulse:

  • Seien Sie offen für queere Lebensweisen und haben Sie keine Angst, Fragen zu stellen.
  • Setzen Sie nichts als gegeben voraus – nicht alle Menschen sind cis und hetero, nicht alle MSM sind promisk und auch lesbische Frauen können sexuell übertragbare Infektionen haben.
  • Informieren Sie sich über spezifische Probleme und Belastungen und haben Sie auch unkonventionelle Sexpraktiken und Sexarbeit auf dem Schirm. Erarbeiten Sie Strategien für die Routineversorgung bei unkonventionellen Geschlechtern.
  • Validieren und respektieren Sie die Wünsche der Patientinnen und Patienten (shared decision making). Zeigen Sie eine affirmative Haltung zur Transition.
  • Achten Sie auf eine sensible, inklusive Sprache (s. Kasten) und Körpersprache. Vermeiden Sie Berührungen nicht, holen Sie aber ein explizites Einverständnis ein.
  • Outen Sie niemanden ohne seine/ihre Zustimmung.
  • Nutzen Sie genderneutrale Anamnesebögen und Materialien.
  • Achten Sie bei queeren Menschen ganz besonders auf deren psychische Gesundheit und seien Sie hellhörig für Psychotherapie-Bedarf.
  • Respektieren Sie Wünsche in Hinblick auf Namen, Ansprache und Pronomen und verwenden Sie die Terminologie Ihres Gegenübers. Vermerken Sie Besonderheiten ggf. in der Akte des Patienten oder der Patientin.
  • Wertschätzen Sie das Vertrauen, das Ihnen Patientinnen und Patienten entgegenbringen.
  • Machen Sie Ihre Praxis als “Safe Space” kenntlich (etwa im Netz und durch Sticker oder ein Schild am Eingang).
  • Richten Sie All-Gender-Toiletten ein.
  • Informieren Sie sich über örtliche Anlaufstellen wie Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen. Legen Sie entsprechende Broschüren (zum Beispiel BIÖG) im Wartebereich aus.
  • Sprechen Sie im Team über den Umgang mit queeren Menschen und adressieren Sie Vorbehalte und Unsicherheiten.

Sensibilisierte Arztpraxen finden

Bitten Sie Ihre Patientinnen und Patienten um einen Eintrag bei queermed-deutschland.de – ein Verzeichnis besonders queerfreundlicher Praxen.

Quelle: Seminar “Queere Patient:innen (LGBTQIA*) in der hausärztlichen Praxis”. Michael Hunze/Philip Oeser, Bundesfortbildungskongress Allgemeinmedizin (BAM), 2025.

Literatur:

  1. Narang P et al. Suicide Among Transgender and Gender-Nonconforming People. Prim Care Companion CNS Disord. 2018 Jun 21;20(3):18nr02273. doi: 10.4088/PCC.18nr02273
  2. Bauer GR et al. Intervenable factors associated with suicide risk in transgender persons: a respondent driven sampling study in Ontario, Canada. BMC Public Health. 2015 Jun 2;15:525. doi: 10.1186/s12889-015-1867-2
  3. Coleman E et al. Standards of Care for the Health of Transgender and Gender Diverse People, Version 8. Int J Transgend Health. 2022 Sep 6;23(Suppl 1):S1-S259. doi: 10.1080/26895269.2022.2100644
  4. Herrmann WJ et al. Loneliness and depressive symptoms differ by sexual orientation and gender identity during physical distancing measures in response to COVID-19 pandemic in Germany. Appl Psychol Health Well Being. 2023 Feb;15(1):80-96. doi: 10.1111/aphw.12376
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