In mehreren europäischen Ländern steigen die Verschreibungen von ADHS-Medikamenten seit 2010 an. Während die Verschreibungshäufigkeit zwischen 2010 und 2023 in Großbritannien und den Niederlanden deutlich stieg (GB: von 0,12 auf 0,39 Prozent; NL: von 0,67 auf 1,56 Prozent), gab es in Deutschland eine weniger starke Zunahme. Hier stiegen die Verschreibungen in der Bevölkerung von 0,14 (2010) auf 0,16 Prozent (2012), sanken 2017 wieder auf 0,14 Prozent und stiegen bis 2023 erneut auf 0,23 Prozent. Das berichtet ein Team, das nationale Datenbanken analysiert hat.
Für Deutschland basiert die Analyse auf der Datenbank “IQVIA Disease Analyzer Germany” und umfasst 46.414 Personen ab drei Jahren. Die Daten stammen aus der Praxissoftware von Niedergelassenen (Allgemeinmediziner und andere Fachärzte).
In allen Ländern nahmen die Verschreibungen bei Erwachsenen und vor allem Frauen zu. So stieg in Deutschland die Verschreibungshäufigkeit bei 18- bis 24-jährigen Frauen von 0,07 auf 0,37 Prozent und bei Frauen über 25 Jahren von 0,009 auf 0,07 Prozent, berichtet das Team. Insgesamt erhalten zwar immer noch mehr Männer als Frauen ein ADHS-Medikament, der Unterschied nimmt aber ab.
Fazit für die Praxis: Einige Experten zeigen sich von der Entwicklung beunruhigt, andere sehen eher eine Unterversorgung, die sich nun bessert: “Es ist nicht überraschend, dass die Verschreibungen insgesamt zunehmen, zumal es insbesondere im Erwachsenenalter eine erhebliche Unterversorgung gibt, die sich nur allmählich bessert. Auch wissen wir, dass wir von einer Unterdiagnostizierung bei Mädchen und Frauen ausgehen müssen. Genau bei Erwachsenen und beim weiblichen Geschlecht gab es die deutlichsten Zunahmen, was für eine gewisse Verbesserung der Versorgung spricht”, erklärt etwa Prof. Marcel Romanos, Uniklinikum Würzburg, gegenüber dem “Science Media Center” (SMC).
Prof. Hanna Christiansen, Universität Marburg, sieht die Entwicklung sehr viel kritischer: “In Deutschland wird zu viel verordnet und dies auf Basis mangelnder Evidenz zur Wirksamkeit beziehungsweise sogar negativen Befunden. Dieser Diskurs “ADHS = neurobiologische Störung = medikamentöse Behandlung‘ muss dringend vom Kopf auf die Füße gestellt werden.”
red
Quellen: 1. doi 10.1016/j.lanepe.2025.101556 , 2. Mitteilung des SMC vom 22. Januar