“In Deutschland werden 85 Prozent aller Antibiotika in der ambulanten Versorgung verschrieben, davon 66 Prozent im hausärztlichen Bereich”, berichtete Privatdozent Dr. Guido Schmiemann beim BAM-Kongress im vergangenen Jahr. Es ist also noch Luft nach oben, so Schmiemann – und verwies auf die S3-Leitlinie “Antibiotic Stewardship ambulant”, die gerade unter Federführung der DEGAM erstellt wird (www.hausarzt.link/HoewT. Die Fertigstellung ist für 2027 geplant.
“Resistenzen gegen vorhandene Antibiotika, die schwierige und begrenzte Entwicklung neuer Antibiotika und zunehmende Produktionsengpässe erfordern vermehrte Anstrengungen in Richtung einer angemessenen Antibiotikaanwendung in allen Bereichen des Gesundheitswesens” heißt es in der Leitlinienbeschreibung.
In einigen Fällen fragen Patientinnen und Patienten allerdings vehement nach einem Antibiotikum, auch wenn das Medikament beispielsweise bei viralen Infekten keinen Sinn macht. “Welche Tricks haben Sie in solchen Fällen?” fragte Schmiemann in die Runde. “Was sagen Sie Ihren Patienten, um sie davon zu überzeugen, dass sie kein Antibiotikum benötigen?
Tipp 1: Holen Sie den Patienten ab, pflichten Sie ihm erst einmal bei: “Sie haben Recht, früher hätte man in Ihrem Fall auf jeden Fall ein Antibiotikum gegeben, aber heutzutage ist die Medizin viel weiter, Sie brauchen kein Antibiotikum.”
Tipp 2: Beruhigen Sie den Patienten: “Sie haben zwar einen schweren Infekt, aber zum Glück benötigen Sie kein Antibiotikum.”
Die Mär von der Penicillinallergie
Was in der Hausarztpraxis auch immer mal wieder vorkommt: “Ich habe eine Penicillinallergie.” Häufig ist das fraglich, gerade, wenn der Patient sich nicht richtig erinnern kann, daher stellte Schmiemann, Hausarzt aus Verden/Aller, die Frage: “Wann schreiben wir eine Penicillinallergie auf? Das hat ja auch Konsequenzen, dann werden häufiger Reserveantibiotika eingesetzt.”
Eine Antwort aus dem Publikum: “Nur wenn der Patient glaubhaft von Symptomen wie Ausschlag, Atemnot oder Allergien berichtet.” Schmiemann empfahl in Fällen, in denen eine tatsächliche Penicillinallergie eher unwahrscheinlich ist (wenn sich also der Patient z.B. an keine Symptome erinnern kann), einen Provokationstest – und verwies auf ein Review aus dem Jahr 2024 [1].
Darin wurden 56 Studien analysiert, die das Ergebnis eines Penicillin-Provokationstests u.a. im ambulanten Setting überprüft hatten. Insgesamt wurden die Daten von 9.225 Personen erfasst, die alle ein niedriges Risiko für eine tatsächliche Penicillinallergie hatten, also keinen Hinweis auf eine schwere allergische Reaktion. Bei etwa der Hälfte der Teilnehmenden (n=4.585) wurde das Penicillin im ambulanten Setting unter strikter Aufsicht verabreicht, entweder in Standarddosierung oder gesplittet in mehrere geringere Dosierungen.
Ergebnis: Insgesamt zeigten 438 Personen eine allergische Reaktion auf den Provokationstest, das entspricht 3,5 Prozent. Nur 5 der 9.225 Patienten zeigten schwere Reaktionen auf die direkte Penicillingabe, keine davon mit tödlichem Ausgang. Für das Studienteam ist der Provokationstest bei Menschen mit geringem Risiko daher eine sichere Maßnahme, eine angegebene Penicillinallergie zu überprüfen.
