Eigenübungen relevanter als Physiotherapie?
Der Nutzen einer Übungsbehandlung bei Knieschmerzen bei einem degenerativen Meniskusriss ist gut belegt. Insgesamt bleibt aber unklar, wie eine Übungsbehandlung optimal durchgeführt werden kann und über welche Mechanismen eine Physiotherapie hilft. Neben biomechanischen Effekten ist auch ein Effekt durch die Behandlung an sich und Zuwendung zu erwarten.
Eine randomisierte Studie hat daher bei über 800 Personen mit Knieschmerzen untersucht, welche Übungsansätze besser helfen. Erwachsene über 40 Jahre, die Knieschmerzen bei Arthrose und Meniskusruptur hatten, wurden in vier Gruppen randomisiert: Die erste Gruppe erhielt nur Anleitungen zu Eigenübungen (Flyer und Videoanleitungen), die 100 Minuten/ Woche durchgeführt werden sollten; die zweite Gruppe erhielt zusätzliche SMS-Erinnerungen. Die dritte Gruppe erhielt zusätzlich eine Placebo-Physiotherapie, in der Physiotherapeuten Anwendungen ohne biomechanischen oder medizinischen Nutzen vornahmen (zum Beispiel Applikation wirkstofffreier Creme ohne Druck), die vierte Gruppe erhielt eine Standard-Physiotherapie mit manueller Therapie und individueller Anleitung zu den Übungen.
Der primäre Endpunkt war ein Knieschmerz-Score, der von 0 bis 100 reicht (je höher, desto mehr Beschwerden). Alle Gruppen hatten nach zwölf Wochen einen Rückgang des Scores um 17–20 Punkte. Dabei ergaben sich nur minimale Unterschiede zwischen den Gruppen. Sowohl die Standard- als auch die Placebo-Physiotherapie hatten eine etwas größere Besserung (Differenz 2–3 Punkte), die klinisch als nicht relevant eingeschätzt wurde.
Auch mit gesundem Menschenverstand ist zu vermuten, dass die regelmäßige Umsetzung von Übungen im Alltag entscheidender für den Therapieerfolg ist als eine wöchentliche Physiotherapie. Erstaunlich ist dennoch, dass eine Physiotherapie weder zu besserem Therapieerfolg noch zu einer relevanten Erhöhung der Adhärenz zu Eigenübungen geführt hat.
Dabei ist zu beachten, dass die Adhärenz zu den Heimübungen mit circa 80 Prozent insgesamt relativ hoch war – sicher durch das Studiensetting bedingt. Außerdem waren die Physiotherapiesitzungen der Studie mit 30 Minuten kürzer als Behandlungen in Deutschland.
Fazit: In dieser Studie zeigen weder Textnachrichten noch eine ergänzende Physiotherapie einen Zusatznutzen zu Bewegungsübungen, die allein zu Hause durchgeführt werden sollten. Außerhalb eines Studiensettings ist eine geringere Adhärenz zu Eigenübungen zu vermuten. Wie dann optimal zu Eigenübungen motiviert werden kann, bleibt unklar.
Katz JN et al. A Randomized Trial of Physical Therapy for Meniscal Tear and Knee Pain. N Engl J Med. 2025 Oct 30;393(17):1694-1703. doi: 10.1056/NEJMoa2503385. PMID: 41160820.
Interviewstudie zu GLP-1-Agonisten
Hausärztinnen und Hausärzte sind primäre Ansprechpersonen für Menschen mit Adipositas. Eine Interviewstudie in Großbritannien hat deshalb die hausärztliche Perspektive auf die Therapie mit GLP-1-Agonisten erfasst. Zum Zeitpunkt der Befragung war die Therapie in Großbritannien in hausärztlichen Praxen noch nicht verfügbar. Eine hausärztliche Verordnung war aber in Planung und es sollte erhoben werden, was aus hausärztlicher Perspektive berücksichtigt werden muss.
In den Interviews wurden sehr unterschiedliche Überlegungen deutlich: Zum einen begrüßten es viele Befragte, eine effektivere Therapie zur Behandlung der Adipositas anbieten zu können. Es wurden andererseits Bedenken geäußert, ob finanzielle und personelle Ressourcen ausreichen, den großen Bedarf zu decken.
Auch äußerten Befragte die Sorge, dass die Ursachen von Übergewicht, vor allem soziale Determinanten und Lebensstil, nicht ausreichend beachtet werden und eine allzu vereinfachte Sicht auf das Gesamtproblem eingenommen wird.
Ein weiteres großes Problem sahen die Befragten darin, dass Verordnungsbestimmungen, die nur einem Teil der Betroffenen die Therapie ermöglichen, die Arzt-Patienten-Beziehung belasten können. Befragte berichten, dass Betroffene sehr hartnäckig versuchen, eine Verordnung zu erwirken und zum Beispiel auf eine Diabetes-Diagnose drängen, um die Medikation zu erhalten.
Fazit: Die Interviewstudie erhebt, welche Einstellungen und Sorgen britische Hausärztinnen und Hausärzte im Umgang mit GLP-1-Rezeptoragonisten haben, die für eine begrenzte Gruppe von Betroffenen hausärztlich verordenbar werden soll. Deutlich wird der Konflikt, einzelnen Betroffenen helfen zu wollen, aber gleichzeitig eine Perspektive auf die Gesamtgesellschaft und verursachende Probleme zu behalten.
Keating S et al. GPs‘ perspectives on GLP-1RAs for obesity management: a qualitative study in England. Br J Gen Pract. 2025 Oct 30;75(760):e759-e767. doi: 10.3399/BJGP.2025.0065. PMID: 40628416.
Best of Leitlinien
mit Lisa Degener, Allgemeinärztin in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Altenberge bei Münster. Als Sprecherin des Arbeitskreises Hausärztliche Pädiatrie der DEGAM arbeitete sie zusammen mit ihrer Kollegin Dr. Kerstin Barlet an der “Fieberleitlinie” mit. Sie ist stellvertretende Sprecherin der DEGAM-Sektion Hausärztliche Praxis.
Welche Leitlinienempfehlung mögen Sie am liebsten?
Die Empfehlung lautet: “Bezugspersonen sollten über Fieber als normale und meistens hilfreiche Abwehrreaktion des Körpers im Umgang mit Krankheitserregern aufgeklärt werden.” Sie stammt aus der S3-Leitlinie “Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen”, die im Sommer 2025 unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin von 16 Fachgesellschaften, Berufsverbänden und Patientenvertretungen verabschiedet wurde. Sie behandelt die Versorgung von akut auftretendem Fieber bei ansonsten gesunden Kindern und Jugendlichen im ambulanten Setting. Auch die DEGAM war an der Erarbeitung der Leitlinie beteiligt.
